Ärzte Zeitung online, 18.12.2017

Brustkrebs

Onkologen und IQWiG uneins über Nutzen von Gentests

Sind Gentests hilfreich für Brustkrebspatientinnen bei der Therapieentscheidung? Die aktuelle Einschätzung von Onkologen und IQWiG geht hier auseinander.

Onkologen und IQWiG uneins über Nutzen von Gentests

Wie soll es therapeutisch weitergehen nach einer Brustkrebs-Op? Neben den klassischen Staging-Kriterien gibt es seit einigen Jahren eine zusätzliche Entscheidungshilfe: Genexpressions-Tests.

© Pradit_Ph / Getty Images / iStock

BERLIN. Welche der rund 75.000 Frauen, die jährlich in Deutschland an Brustkrebs erkranken, können nach der Tumoroperation auf die Strapazen einer Chemotherapie verzichten? Neben den klassischen Staging-Kriterien gibt es seit einigen Jahren eine zusätzliche Entscheidungshilfe: Genexpressions-Tests, die die Aktivität von Genen im Tumorgewebe messen.

Mehrere dieser Tests sind seit einigen Jahren in Deutschland auf dem Markt. Bereits 39 Krankenkassen bieten ihren Versicherten Gentests bei Brustkrebs in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Pathologen (BDP) an, wie der Verband vor Kurzem mitteilte. Über eine Regelung für alle gesetzlich versicherte Frauen will der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in Berlin im kommenden Jahr entscheiden.

Die Deutsche Krebsgesellschaft geht in ihrer jüngst veröffentlichten S3-Leitlinie Mammakarzinom erstmals auch auf die Gentests ein. Diese spielten eine "zunehmend wichtige Rolle" neben den klassischen Prognosefaktoren, so die Einschätzung. "In den Leitlinien wird ein Einsatz in ausgewählten Situationen befürwortet", erklärt Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Würzburg.

Krebsgesellschaft befürwortet Einsatz in ausgewählten Situationen

Der S3-Leitlinie zufolge kann ein Test bei Patientinnen sinnvoll sein, bei denen eine sichere klinische Entscheidung über das weitere Vorgehen nach der Berücksichtigung aller anderen standardmäßig genutzten Parameter und Marker nicht möglich ist.

Damit kommen die beteiligten Fachleute und Organisationen zu einem anderen Ergebnis als das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Danach bringen Gentests nach derzeitigem Stand keinen klaren Erkenntnisgewinn bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie. Diese Einschätzung präsentierte das IQWiG bereits Ende vergangenen Jahres.

IQWiG hält Studienlage für unzureichend

Im November hat das Institut nun eine Patientenbroschüre mit den gleichen Aussagen vorgelegt. Sie richtet sich an Frauen mit frühem Brustkrebs, bei denen sich keine klare Empfehlung für oder gegen eine Chemotherapie nach der Operation geben lasse. Für rund 20.000 Patientinnen jährlich ergäben die herkömmlichen Kriterien ein widersprüchliches Bild, so das Fazit.

"Die Hersteller der Biomarker-Tests versprechen, jene Patientinnen besser erkennen zu können, die auf eine Chemotherapie verzichten können", hieß es vonseiten des IQWiG. Durch aussagekräftige Studien belegt sei das keineswegs. "Die Art und Weise, wie die Ergebnisse der Biomarker-Tests kommuniziert werden, spiegelt leicht eine Sicherheit vor, die in Wahrheit nicht existiert."

Ursache der unterschiedlichen Einschätzung in der neuen Leitlinie und des IQWiG sei, dass das Institut Studien nicht berücksichtigt habe, die in die Bewertung für die Leitlinie mit eingeflossen seien, erklärt Wöckel. Klar werde aber auch dort, dass ein breiter Einsatz nicht als sinnvoll erachtet werde und dass zunächst unbedingt auf andere klinische Parameter zu achten sei.

Die Aussagekraft bisheriger Studien zu Gen-Tests sei unter anderem so schwach, weil der Nachbeobachtungszeitraum mit fünf Jahren sehr kurz sei, sagt Wöckel. Rezidive und Metastasen träten bei Brustkrebs häufig erst nach 10 bis 15 Jahren auf. "Es sind Langzeituntersuchungen und Studien mit einer großen Zahl von Frauen notwendig." Auch in der S3-Leitlinie wird betont: "Wichtig ist, dass alle Experten einen dringenden Forschungsbedarf für die weitere Untersuchung und klinische Validierung von Genexpressionstests sehen."

Gentest nur eine ergänzende Option

Bei den Patientinnen herrsche derzeit oft große Unsicherheit, so Wöckel. "Manche denken, ihnen wird mit einem Test etwas angedreht, andere fürchten, ihnen werde ohne Test etwas vorenthalten." Viel Aufklärungsarbeit sei nötig. Weder bei den Frauen noch bei den Ärzten dürfe das Gefühl entstehen, dass ein Biomarker-Test nötig sei, um gut entscheiden zu können. "Das ist ganz klar nicht so", betont der Mediziner. "So ein Test kann nur ein Beitrag von vielen für eine Entscheidung sein, eine Hilfe unter vielen." (run/dpa)

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