Ärzte Zeitung, 28.10.2016
 

Gefährliche Kombination

Senioren nehmen oft Alkohol und Psychopharmaka

Trotz des hohen Risikos für Interaktionen trinkt etwa jeder siebte ältere Deutsche, der Psychopharmaka einnimmt, täglich oder aber in gefährlichen Mengen Alkohol. Dies ist das Ergebnis einer Studie des Robert Koch-Instituts.

Von Constance Jakob

BERLIN. Verlust nahestehender Personen, des sozialen Netzes, der Autonomie: Senioren weisen viele Risikofaktoren für psychische Erkrankungen auf. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, weswegen ältere Menschen überdurchschnittlich häufig Psychopharmaka verordnet bekommen. Zusätzlich nimmt der Alkoholkonsum von Senioren in Europa zu. Werden Alkohol und Psychopharmaka gleichzeitig eingenommen, birgt dies – insbesondere bei älteren Menschen – eine hohe Gefahr für Synergieeffekte und Interaktionen.

Im Rahmen der Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland haben Forscher um Yong Du analysiert, wie häufig ältere Menschen Alkohol konsumieren und Psychopharmaka einnehmen (BMJ Open 2016; 6: e012182). Zusätzlich haben sie sich die Frage gestellt, welche Risikofaktoren einen hohen Alkoholkonsum und eine Psychopharmakamedikation bei Senioren begünstigen.

Die Wissenschaftler um Du befragten hierzu zwischen 2008 und 2011 insgesamt 2508 Personen im Alter zwischen 60 und 79 Jahren aus Deutschland zu den Medikamenten, die sie innerhalb der letzten Woche vor der Erhebung eingenommen hatten. Darüber hinaus gaben die Studienteilnehmer an, wie viel Alkohol sie innerhalb des letzten Jahres getrunken hatten und wie häufig. Zusätzlich erhoben die Forscher Informationen zu soziodemographischen Parametern, zum Raucherstatus und zum subjektiven Gesundheitszustand der Teilnehmer. Dabei stellte sich heraus:

14 Prozent der Teilnehmer mit Psychopharmakotherapie hatten einen riskanten Alkoholkonsum,

21,4 Prozent aller Teilnehmer hatten in der Woche vor der Erhebung Psychopharmaka eingenommen. Hierzu merkten die Autoren an, dass dieser Anteil in Wirklichkeit höher liegen könnte, da für diese Erhebung keine stationären Patienten mit einbezogen wurden und schwer erkrankte Patienten möglicherweise seltener an einer nationalen Gesundheitsbefragung teilnehmen.

66,9 Prozent der Teilnehmer hatten im Jahr vor der Erhebung in moderatem Umfang Alkohol konsumiert und 17,0 Prozent in riskantem Umfang. Bei Frauen wurde die Grenze für einen riskanten Konsum bei 10 g reinem Alkohol pro Tag, bei Männern bei 20 g festgelegt. 51,0 Prozent der Teilnehmer hatten mindestens einmal wöchentlich Alkohol konsumiert, 18,4 Prozent täglich. Auch hier gehen die Forscher davon aus, dass die Zahlen möglicherweise höher liegen, da Menschen dazu tendieren, ihre Angaben an das sozial Erwünschte anzupassen.

Fast die Hälfte der Teilnehmer, die Psychopharmaka eingenommen hatten, hatten mindestens einmal in der Woche Alkohol getrunken (45,7 Prozent), 12,9 Prozent täglich. 62,7 Prozent der Teilnehmer, die zu Psychopharmaka gegriffen hatten, hatten in moderatem Umfang Alkohol konsumiert, 14,2 Prozent in riskantem Umfang.

Somit nahmen 2,8 Prozent aller Teilnehmer sowohl Psychopharmaka als auch täglich Alkohol ein.

Frauen, ältere Senioren (70- bis 79-Jährige), Teilnehmer mit niedrigem sozialem Status, schlechtem subjektiv wahrgenommenem Gesundheitszustand, Behinderung oder Polypharmazie und allein Lebende hatten im Vergleich zu den restlichen Teilnehmern signifikant häufiger eine Psychopharmakotherapie erhalten. Demgegenüber konsumierten Männer, Teilnehmer mit höherem sozialem Status, gutem subjektiv wahrgenommenem Gesundheitszustand, nicht allein Lebende und Raucher im Vergleich zu den restlichen Teilnehmern signifikant häufiger in riskantem Maß Alkohol.

Von all den Teilnehmern, die Psychopharmaka einnahmen, konsumierten etwa 13 Prozent täglich Alkohol. Da etwa drei Viertel der täglich trinkenden Teilnehmer auch in riskantem Ausmaß Alkohol konsumierten, ist nach Ansicht der Wissenschaftler ein großes Interaktionsrisiko vorhanden. Insbesondere bei Benzodiazepinen oder anderen Sedativa und Hypnotika könne durch die simultane Einnahme eine verstärkte Sedierung auftreten. Diese erhöhe das Risiko für Stürze und damit auch für Frakturen und andere Verletzungen bei älteren Menschen.

Der Ansicht der Wissenschaftler nach sollten Ärzte ihre Patienten daher über die Risiken aufklären, die bei einem gleichzeitigen Konsum von Alkohol und Psychopharmaka auftreten können, und den Alkoholkonsum der Patienten bei der Verschreibung von Psychopharmaka mitberücksichtigen.

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