Ärzte Zeitung, 17.05.2005

HINTERGRUND

Erste Erfolge mit einem Impfstoff bei Rauchern - die Vakzine kann tatsächlich bei der Entwöhnung helfen

Ein neuer Impfstoff kann das Verlangen nach Nikotin dämpfen. Foto: dpa

Von Nicola Siegmund-Schultze

An der Entwöhnung von Rauchern beißen sich die Ärzte seit Jahrzehnten die Zähne aus. Ob verhaltensorientierte Tabak-Entwöhnung, Medikamente wie Bupropion oder Nikotinersatz mit Kaugummis und Pflastern: Die Methoden bringen es lediglich auf Abstinenzraten von 15 bis 25 Prozent für ein Jahr. Wird Verhaltenstraining mit Nikotinersatz oder Medikamenten kombiniert, halten 35 Prozent der Abstinenz-Willigen den Nikotinentzug ein Jahr lang durch.

Erste große Studie mit einem Impfstoff bei Rauchern

Hoffnungsträger ist ausgerechnet die Biotech-Branche. Seit einigen Jahren arbeitet man dort an Impfungen gegen Suchtstoffe wie Nikotin oder Kokain. Jetzt belegt die Zwischenauswertung der weltweit bisher größten klinischen Studie zur Impfung gegen Nikotin: Sie hilft vielen, von der Sucht loszukommen. Professor Jacques Cornuz von der Universität Lausanne hat die Daten beim US-Kongreß für klinische Onkologie (ASCO) in Orlando vorgestellt. Die Vakzine hat das Unternehmen Cytos Biotechnology aus Zürich entwickelt.

An der Studie nahmen 341 Raucher teil, die seit mindestens drei Jahren täglich 10 bis 40 Zigaretten rauchten und bereit waren, das Rauchen aufzugeben. Ein Drittel erhielt ein Placebo-Präparat injiziert, die übrigen einen Impfstoff auf Nikotinbasis. Geimpft wurde fünf Mal im Abstand von je dreißig Tagen. Alle Teilnehmer erhielten Tips zur Raucherentwöhnung.

Da Nikotin keine Antikörperbildung auslöst, muß es an ein Protein gekoppelt werden. Ein Virus-Eiweiß namens Qbeta, das in vielen, sich wiederholenden Einheiten eine Kugel formt, erwies sich dafür als geeignet. Der Eiweiß-Ball wird mit Nikotin-Molekülen gespickt. Dieses Konstrukt löste in Tests eine Immun-Antwort gegen Nikotin bei allen Geimpften aus, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Aber helfen die Antikörper gegen Nikotin auch, das Verlangen nach den Glimmstengeln zu unterdrücken? In der Phase-II-Studie fragten die Forscher die Teilnehmer vier, fünf und sechs Monate nach Therapiebeginn, wie sie es mit dem Rauchen hielten und prüften die Aussagen durch Labormessungen. "Das Ergebnis übertraf unsere Erwartungen", sagt Cornuz. Sechs Monate nach Therapiebeginn waren 57 Prozent der Teilnehmer mit hohen Antikörpertitern abstinent, unter den Rauchern mit mittleren und niedrigen Antikörperwerten waren es allerdings nur 32 Prozent und damit nicht signifikant mehr als mit Placebo (31 Prozent). Die hohe Abstinenzrate mit Placebo erklärt einer der Prüfärzte, Dr. Karl Klingeler vom Schweizer Lungenzentrum Hirslanden, damit, daß Injektionen und häufige Arztkontakte einen hohen Placeboeffekt haben.

Wer viele Antikörper im Blut hat, hat gute Entwöhnungschancen

Obwohl der Beobachtungszeitraum für einen Nikotinentzug noch vergleichsweise kurz ist, sieht Klingeler einen "Proof of principle", schließlich erreichten gerade die Teilnehmer mit hohen Antikörpertitern eine hohe Abstinenzrate.

Ziemlich abstrus schien vielen Forschern bis dato, durch Impfung ein komplexes Verhalten wie die Abhängigkeit von Suchtstoffen zu mindern. Schließlich ist Rauchen nicht nur mit der Wirkung von Nikotin im Gehirn assoziiert, sondern mit "Millionen Mal ausgeführten Handbewegungen und sozialem Verhalten", sagt Klingeler. Aber Vorversuche an immunisierten Ratten hatten gezeigt: Antikörper fangen Nikotin im Blut ab, sie verhindern, daß es ins Gehirn gelangt, sie vermindern die Wirkung von Nikotin auf Herz und Blutgefäße, sie unterdrücken die Selbstversorgung der Ratten mit nikotinhaltiger Nahrung und bremsen die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn, die Belohnung signalisieren. "Eine effektive Impfung gegen Nikotin würde natürlich auch mit Verhaltenstraining kombiniert", sagt Klingeler.

Hohe Preise senken Tabakkonsum

In Deutschland sterben schätzungsweise täglich 300 Menschen an den Folgen des Rauchens, jährlich sind es etwa 111 000. Davon sterben etwa 43 000 an einem Bronchialkarzinom, die anderen an Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen.

Die Bundesärztekammer setzt auf qualifizierte Raucherentwöhnungs-Programme. Von der Politik fordert sie etwa ein umfassendes Werbeverbot, Abgabeverbote an Jugendliche, bessere Nichtraucher-Schutzregelungen sowie eine kontinuierliche Preissteigerung von Tabakprodukten. Nach einer Studie des Gesundheitsökonomen Karl Lauterbach senkte allein die Anhebung der Tabaksteuer 2004 den Tabakkonsum von 12- bis 17jährigen um 13 Prozent.

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