Ärzte Zeitung online, 19.04.2019

Bei Cannabis-Konsum

Spermien auf Dope

Vielleicht sollten besser ältere als jüngere Männer kiffen: Cannabis scheint die Fruchtbarkeit zu mindern, aber vor Prostatakrebs zu schützen.

Von Thomas Müller

Spermien auf Dope

Teilnehmer, die angaben, mehr als einmal pro Woche Cannabis zu konsumieren, wiesen eine 30 Prozent geringere Spermienkonzentration auf als Männer ohne erklärten Genuss der Droge.

© phonlamaiphoto / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welche Auswirkungen hat Cannabis auf männliche Sexualorgane?

Antwort: Cannabis scheint Unfruchtbarkeit sowie Keimzelltumoren zu begünstigen, andererseits aber vor Prostatatumoren zu schützen.

Bedeutung: Cannabis trägt möglicherweise zur Unfruchtbarkeit junger Männer bei.

Einschränkung: Nur wenige klinische Studien.

SEATTLE. Seit immer mehr Länder den Cannabiskonsum für medizinische Zwecke erlauben oder gar komplett freigeben, machen sich viele Ärzte Gedanken um die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit.

So ist der Cannabisgebrauch bei Minderjährigen und jungen Erwachsenen mit einem erhöhten Psychoserisiko assoziiert, zudem werden Effekte außerhalb des Gehirns vermutet, unter anderem finden sich Cannabinoidrezeptoren an Fortpflanzungsorganen und Spermien.

Dies ruft wiederum Urologen auf den Plan, die Auswirkungen auf die männliche Fertilität befürchten, schließlich wird das meiste Cannabis von jungen Männern geraucht.

Ein Team um Dr. Thomas Walsh von der Universität in Seattle, USA, hat sich die vorhandene Literatur zu den Auswirkungen der Droge auf die Fruchtbarkeit und sexuelle Gesundheit von Männern genauer angeschaut.

Danach gibt es deutliche Hinweise auf eine verminderte Fertilität und ein erhöhtes Risiko von Keimzelltumoren unter Cannabis, auf der anderen Seite scheint aber die Gefahr von Prostatatumoren zu sinken (Andrology 2019; online 15. Februar).

Spermienkonzentration um 30 Prozent verringert

Die Forscher um Walsh haben sich 91 Veröffentlichungen zu dem Thema angeschaut und sowohl klinische Studien als auch Tier- und In-vivo-Experimente berücksichtigt.

30 der Publikationen drehen sich um die Auswirkungen auf die männliche Fertilität, darunter befinden sich sieben klinische und epidemiologische Untersuchungen.

Hier heben die Forscher vor allem eine dänische Studie hervor, in der Spermaproben junger Männer analysiert wurden. Teilnehmer, die angaben, mehr als einmal pro Woche Cannabis zu konsumieren, wiesen eine 30 Prozent geringere Spermienkonzentration auf als Männer ohne erklärten Genuss der Droge.

Eine weitere Studie fand eine reduzierte Spermienqualität unter jungen Cannabiskonsumenten. Dies deckt sich mit In-vitro-Experimenten, wonach – unabhängig vom Cannabiskonsum – das Endocannabinoidsystem der Keimbahn bei infertilen Männern gestört ist.

Experimente konnten auch eine abnehmende Spermienmotilität unter Exposition mit dem halluzinogenen Cannabiswirkstoff THC nachweisen. Unterm Strich kommen die Autoren der Analyse zu dem Schluss, dass Cannabis wohl ein bedeutsamer Risikofaktor für die Unfruchtbarkeit von Männern ist.

Mehr Spaß beim Sex

Noch unklar sind hingegen die Auswirkungen auf den Sexualakt. In Umfragen gaben Männer zumeist an, dass sie den Geschlechtsverkehr unter Cannabis als intensiver und angenehmer empfanden, einige berichteten auch über eine verlängerte Erektion.

Dagegen scheint ein häufiger Gebrauch eher mit erektilen Funktionsstörungen, einer vorzeitigen Ejakulation, einem ausbleibenden Orgasmus und einer Dyspareunie einherzugehen.

Eine Studie sah die Rate erektiler Dysfunktion unter Männern mit täglichem Cannabiskonsum verdoppelt. In anderen Studien konnten Männer mit häufigem Cannabiskonsum eine Erektion allerdings ähnlich lange halten wie abstinente Testpersonen. Ultraschalluntersuchungen deuten wiederum auf eine ungünstige penile Hämodynamik bei Cannabiskonsumenten.

Und mit Cannabinoidblockern, direkt in den Hypothalamus injiziert, ließen sich in Tiermodellen Erektionen auslösen, was im Umkehrschluss auf eine erektionshemmende Wirkung von Cannabis deutet.

Die Forscher um Walsh sehen dosisabhängige Effekte am Werk. In geringen Mengen scheint Cannabis das sexuelle Verlangen zu steigern, hohe Dosen und ein langfristiger Gebrauch gehen jedoch in vielen, aber nicht allen Studien mit einer gestörten sexuellen Funktion einher. Hier müssten bessere Untersuchungen für mehr Klarheit sorgen.

Negativer Effekt auf Testosteronspiegel

Gut dokumentiert ist inzwischen ein negativer Effekt auf den Testosteronspiegel: Dieser fällt deutlich in den sechs Stunden nach einem Joint, erholt sich anschließend aber rasch wieder. Ob solche temporären Testosterondefizite klinisch relevant sind, bleibt unklar.

Zu denken geben jedoch Fall-Kontroll-Studien, wonach Männer mit Hodenkrebs in der Vergangenheit vermehrt Cannabis geraucht hatten. Eine Metaanalyse von drei solchen Studien kommt zu dem Schluss, dass – ein kausaler Zusammenhang vorausgesetzt – das Risiko für Hodentumore bei Cannabiskonsumenten um zwei Drittel erhöht ist. Die Daten deuten jedoch nur auf einen Zusammenhang mit Nichtseminomen.

Eine mögliche Erklärung könnte eine Störung der Produktion von Sexualhormonen durch Cannabis liefern. Marihuanaraucher haben offenbar auch ein erhöhtes Risiko für Blasenkarzinome, was sich jedoch eher mit den Karzinogenen als den Cannabinoiden im Rauch erklären lässt.

Interessant sind Untersuchungen zum Risiko von Prostatakarzinomen. Nach Daten von In-vitro-Studien fördert THC die Apoptose von menschlichen Prostatakrebszellen und senkt die PSA-Produktion sowie die Expression von Androgenrezeptoren.

Nicht halluzinogen wirkende Rezeptoragonisten könnten daher zur Therapie von Prostatakarzinomen entwickelt werden, schreiben Walsh und Mitarbeiter. Belastbare klinische oder epidemiologische Daten zu einer präventiven Wirkung von Cannabis gegen Prostatakrebs gibt es bislang jedoch nicht.

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