Ärzte Zeitung, 02.01.2017
 

Kult, Heilung, Trend

Ötzi und die Geschichte der Tätowierung

Blauschwarze Zeichen auf der Gletschermumie Ötzi gelten als älteste Tätowierung der Welt. Die "Ärzte Zeitung" gibt einen Einblick in die Geschichte der Tattoos: Welche Farbe vertragen Tätowierte am schlechtesten und warum liess sich Ötzi tätowieren?

Von Pete Smith

Ötzi und die Geschichte der Tätowierung

Tattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

© Africa Studio / Fotolia

Als Forscher die am 19. September 1991 in den Ötztaler Alpen gefundene Gletschermumie untersuchten, die unter dem Namen "Ötzi" Berühmtheit erlangen sollte, machten sie eine verblüffende Entdeckung: Im Lendenbereich und auf der Brust fanden sich parallele Linien, um den rechten Fußknöchel Streifen und hinter dem rechten Knie sowie an der linken Achillesferse sogar kleine Kreuze.

Die blauschwarzen Zeichen gelten heute als älteste Tätowierung der Welt. Tatsächlich bestehen Ötzis Tattoos aus Kohlenstaub, der in kleine, punktförmig eingeritzte Wunden eingerieben wurde.

Mindestens 5250 Jahre Tattoos

Die (bis heute bekannte) 5250 Jahre alte Geschichte der Tätowierung lässt sich auch als Farbenlehre lesen, in der sich Gelehrsamkeit ebenso widerspiegelt wie Experimentierfreudigkeit, Risikobereitschaft oder Verantwortungslosigkeit.

Waren es anfangs Kohlenstaub, Asche, zerriebene Pflanzen und verbrannte Nüsse, die als Farben verwendet wurden, so gelangten später neben der eigentlichen Tätowiertinte auch Schießpulver, Tusche, Graphit und Autolacke unter die Haut.

Selbst heute werden noch oftmals Farben verwendet, die gesundheitsschädliche Bestandteile enthalten, beispielsweise Schwermetallverbindungen, polyzyklisch aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) oder Substanzen, die Allergien auslösen können.

In Deutschland bestimmt die 2009 in Kraft getretene Tätowiermittel-Verordnung, welche Substanzen NICHT enthalten sein dürfen in "Mitteln zum Tätowieren oder (…) vergleichbaren Stoffen und Zubereitungen aus Stoffen, die dazu bestimmt sind, zur Beeinflussung des Aussehens in oder unter die menschliche Haut eingebracht zu werden und dort, auch vorübergehend, zu verbleiben".

Dazu zählen Amine, die bei der reduktiven Spaltung von Azofarbstoffen entstehen, und spezielle Farbpigmente wie Acid Green 16, Basic Violet 10, Disperse Red 17 oder Solvent Blue 35.

Noch keine Positivliste

Dr. Gunnar Wagner, Chefarzt der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Phlebologie am Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide, wundert sich darüber, dass es noch immer keine "Positivliste mit gesundheitlich unbedenklich einzusetzenden Farbstoffen" gebe

"In letzter Konsequenz sind die Hersteller oder Importeure für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich", beklagt Wagner in einem Beitrag für die "Ärzte Woche" in Wien.

Bis vor etwa 20 Jahren wurden als Farbstoffkomponenten von Tätowiermitteln hauptsächlich Schwermetallverbindungen verwendet: Rote Farbtöne beispielsweise erzeugte man mit Quecksilbersulfid (Zinnober) oder Cadmiumselenid, grüne durch Chromoxid oder Kupfersalze und gelbe durch Cadmiumsulfid. Schwarze Pigmentierungen wurden aus Eisen- oder Zinkoxid, weiße aus Titanoxid hergestellt.

Das hat sich inzwischen geändert: 2014 analysierte die Stiftung Warentest zehn verschiedene Tätowiermittel und fand bis auf Nickel in drei Produkten keine Metallverbindungen mehr, dafür aber in zwei Tätowiermitteln PAK.

Woraus heute Tattoofarben hergestellt werden

Die heute in Tattoo-Studios verwendeten Farben enthalten in der Regel synthetische organische Pigmente, vor allem Azofarbstoffe, Phthalocyanine und Chinacridon-Pigmente. Die Azofarbstoffe, deren Ausgangsstoff unter anderem das aus Erdöl gewonnen Anilin ist, bilden mit mehr als 2000 kommerziell hergestellten Farben die größte Gruppe.

Tätowiermittel enthalten außerdem weitere Substanzen wie Lösungs- und Suspensionsmittel, Konservierungsstoffe, Bindemittel, Weichmacher, Lokalanästhetika und vereinzelt noch immer PAK. Produktionsbedingte Verunreinigungen können ebenfalls nicht immer ausgeschlossen werden.

Hersteller veganer Produkte werben damit, dass ihre Tätowiermittel weder Schellack (Gummilack aus den Ausscheidungen der Lackschildlaus Kerria lacca) noch Charcoal (Holzkohle aus verbrannten Tierknochen) oder Panthenol (Wollwachs) enthalten.

Neuer Trend: Biotätowierungen und temporäre Tattoos

Seit geraumer Zeit sind auch sogenannte Biotattoos oder Temptoos im Angebot. Hier verwendet der Tätowierer Nadeln und Farben, die auch beim Permanent Make-up üblich sind.

Geworben wird damit, dass die Farbe nur in die Epidermis eingebracht werde: Aufgrund der ständigen Erneuerung der oberen Hautschichten sei das Tattoo daher nur wenige Monate oder Jahre sichtbar.

Das Versprechen jedoch können Tätowierer oftmals nicht einhalten, weshalb es vor Gerichten immer wieder zu Prozessen um vermeintliche Biotattoos kommt, die auch nach zehn Jahren noch sichtbar sind.

Nebenwirkungen 2010 untersucht

Nebenwirkungen und Unverträglichkeitsreaktionen nach Tätowierungen haben Dermatologen um Dr. Ines Klügl von der Universität Regensburg in einer Studie erforscht ("Dermatology" 2010, 221: 43-50).

Von den 3411 befragten Menschen, die sich ein Tattoo hatten stechen lassen, klagten 67,5 Prozent nachher über Probleme, in erster Linie über Krusten, Juckreiz, Ödeme, Schmerzen, Blutungen, brennende Missempfindungen oder Blasen.

Sieben Prozent der Befragten entwickelten in Folge der Tätowierung Kopfschmerzen, Übelkeit, starke Müdigkeit und Fieber. Über persistierende Hautprobleme wie Narbenbildung, intermittierend auftretende Schwellungen, Papeln und Juckreiz klagten sechs Prozent der Tätowierten.

Die meisten Unverträglichkeitsreaktionen werden nach Einbringen von roten Farbstoffen beobachtet.

Während so manches Tattoo heute offenbar gesundheitliche Probleme bereitet, fanden Tätowierungen in der Kupfersteinzeit wohl therapeutischen Einsatz. Ötzis 61 Tätowierungen, so die These vieler Forscher, sollten wahrscheinlich seine Schmerzen lindern.

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