Ärzte Zeitung, 23.03.2011

Hintergrund

Sieben Stunden vor TV und PC macht Kinder krank und aggressiv

Pädiater haben sich bei einem Fachkongress mit dem Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen befasst. Aus gutem Grund: Im Schnitt sieben Stunden täglich verbringt der Nachwuchs vor TV, Video und PC. Verhaltensstörungen sind die Folge.

Von Raimund Schmid

Sieben Stunden vor TV und PC macht Kinder krank und aggressiv

Das sollte tabu sein: TV im Zimmer von Kindern unter zwölf Jahren.

© photos.com PLUS

Der Medienmissbrauch von jungen Menschen mit all seinen psychosozialen und gesundheitlichen Folgen ist eine neue Herausforderung für alle Ärzte, die Kinder und Jugendliche behandeln. Diese unmissverständliche Botschaft ging vom diesjährigen deutschen Jugendmedizinkongress des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Weimar aus.

Bisher, so gestand der Bielefelder Jugendmediziner Dr. Uwe Büsching ein, stehe die Ärzteschaft dem Medienmissbrauch ziemlich hilflos gegenüber. Deshalb sei es überfällig gewesen, dass die Kinder- und Jugendärzte als erster ärztlicher Berufsverband dieses Thema in den Fokus stellten.

In der Sache unterstützt werden die Pädiater von Dr. Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen. Er präsentierte in Weimar schockierende Daten. Im Vergleich zu 1998 sitzen Kinder und Jugendliche doppelt so lange vor dem Fernseher oder PC.

Mit durchschnittlich 141 Minuten täglicher Computerspielzeit plus 103 Minuten täglicher Zeit fürs Chatten im Internet liegt die Computernutzung bei männlichen Jugendlichen mittlerweile deutlich über dem Fernseh- und Videokonsum (213 Minuten). Macht zusammen rund 7,5 Stunden tägliche Bildschirmmedienzeit. Weibliche 15-jährige Jugendliche kommen mittlerweile auf mehr als sechs Stunden.

Diese - schon sehr hohen - Durchschnittswerte verschleiern aber nach Ansicht von Rehbein ein wenig die extremen Auswüchse, die dann zur Medienabhängigkeit führen. So gelten 15,8 Prozent der 15-jährigen Jungen und 4,3 Prozent der Mädchen als exzessive Mediennutzer, weil sie jeden Tag in der Freizeit fast permanent Medien aller Art konsumieren.

Unter 15-jährigen Jugendlichen gelten deshalb heute bereits 1,7 Prozent als so abhängig, dass sie einer Therapie bedürfen; weitere 2,8 Prozent sind stark gefährdet. Männliche Jugendliche sind dabei rund zehnmal mehr betroffen als gleichaltrige Mädchen.

Und noch eine Erkenntnis dürfte gerade Ärzte beunruhigen: 68 Prozent aller Spiele enthalten Gewaltszenen, 27 Prozent verkörpern gar drastische Gewaltszenarien. Bei 41 Prozent aller Spieler ist Gewalt unabdingbar, um das Ziel des Spiels überhaupt zu erreichen.

Man dürfe sich deshalb nicht wundern, wenn dieser exzessive Mediengebrauch höchst problematische Folgen habe, stellte Professor Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln fest.

Bei mehr als sechs Stunden Medienkonsum pro Tag erhöhe sich das Risiko bei 33 Prozent der Jugendlichen (38 Prozent Jungen, 24 Prozent Mädchen), aggressiv zu werden. Bei drei Stunden Medienkonsum liege dieses Risiko noch bei 16 Prozent.

Der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Skrodzki wies zudem darauf hin, dass exzessiver Medienkonsum die ADHS-Symptomatik "erheblich" verstärken könne.

Würden entsprechend disponierte Kinder vor dem dritten Lebensjahr überdurchschnittlich viel Unterhaltungsfernsehen schauen, sei das Risiko für ADHS sieben Jahre später "signifikant" um 28 Prozent erhöht. Dies liege daran, dass ADHS-Kinder sehr viel impulsiver auf Reize reagierten.

Doch was können Mediziner tun? Strikte Abstinenzprogramme wie beim Rauchen oder dem Alkohol funktionierten beim Medienmissbrauch nicht, hieß es in Weimar.

Auch mit der Einflussnahme auf die Eltern könnten die Ärzte wohl kaum etwas bewegen, da die meisten Eltern gar nichts vom Medienmissbrauch ihrer Kinder wissen oder diesen sogar - durch ständige Aufrüstung des Medienparks zu Hause - noch befördern, erläuterte der Hamburger Wissenschaftler Professor Peter Wetzels.

Ansetzen müsse man vielmehr in der Schule - mit medienpädagogischem Unterricht - und bei den Vorsorgeuntersuchungen, was aber eine gewisse Medienkompetenz der Ärzte selbst, etwa bei Facebook, erfordere.

Und eine Botschaft sollten die Ärzte den Eltern immer wieder mit auf den Weg geben: Ein Fernseher hat im Kinderzimmer bei Kindern bis zum Alter von zwölf Jahren rein gar nichts zu suchen. Dies, so Büsching, sei die wirksamste präventive Maßnahme überhaupt, da nachgewiesen sei, dass ein Fernseher im eigenen Zimmer in der frühen Kindheit den Medienmissbrauch im Jugendalter drastisch erhöht.

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