Ärzte Zeitung online, 05.09.2019

Öffentlicher Ärzte-Appell

Mensch statt Geld in den Vordergrund stellen!

Mehr Ethik statt ausufernder Monetik in der Krankenversorgung: Knapp 250 Verbände und Ärzte richten einen Appell an Politik und Gesellschaft.

Von Anno Fricke und Thomas Hommel

Mensch statt Geld in den Vordergrund stellen!

Die Ökonomie scheint in vielen Kliniken die Oberhand zu haben. Eine Ärztegruppe fordert nun ein Umdenken.

© patpitchaya / stock.adobe.com

BERLIN. Ärzte und Wissenschaftler fordern, den kaufmännischen Krankenhausdirektoren das Heft des Handelns wieder aus der Hand zu winden. Eine Neuordnung der Krankenhauslandschaft sei nötig. Ärzten dürften keine Entscheidungsträger vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patienten im Blick hätten, heißt in einem am Donnerstag im „Stern“ veröffentlichten Text. Gleichzeitig wird ein „Masterplan“ für einen Umbau der Krankenhauslandschaft gefordert.

Adressat der Initiative sind auch Teile der Ärzteschaft selbst. Zu bereitwillig ordneten sie sich ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. „Wir rufen diese auf, sich nicht länger erpressen und korrumpieren zu lassen“, unterstreichen die Autoren des „Ärzte-Appells“.

Drei Punkte werden hervorgehoben

Die Autoren fordern:

  • Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.
  • Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit ökonomischen Handelns.
  • Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

Wer sind die Initiatoren des Aufrufs?

Die Autoren, zu denen der Berufsverband Deutscher Internisten (BDI) sowie die Fachgesellschaften der Internisten, der Chirurgen und Kinder- und Jugendärzte sowie die Bundesvertretung der Medizinstudierenden gehören, adressieren allgemein den Staat. In der Bundesregierung wird in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Zuständigkeit der Länder für die Krankenhausfinanzierung verwiesen.

Seit Jahren bleiben die Länder Jahr für Jahr weit hinter den sechs Milliarden Euro zurück, die für Krankenhausbauten und die Ausstattung mit medizinischen Großgeräten pro Jahr angesetzt werden. Dass die Krankenhäuser die jedes Jahr rund fehlenden 3,5 Milliarden Euro aus den Fallpauschalen und dem medizinischen und pflegerischen Personal quetschen, gilt weithin als unumstritten.

Verbände kritisieren den Appell

Widerspruch folgte prompt. Der implizite Vorwurf, Ärzte seien erpressbar, müsse kritisch hinterfragt werden, hieß es dazu beim Hartmannbund. Ein Sprecher des größten Ärzteverbands in Deutschland sagte der „Ärzte Zeitung“, der Hartmannbund werde bei allem Respekt vor dem Engagement der Kollegen den Aufruf nicht unterstützen. Im Kern stehe der Verband aber hinter den Zielen der Initiative und werde sie auch aktiv vertreten. Der Hartmannbund ist auch Mitzeichner des Ärzte Codex.

Die Autoren des Appells, ärztliche Berufsverbände und Fachgesellschaften sowie Medizinstudierende, adressieren allgemein den Staat. Die Bundesregierung weist hier allerdings auf die Zuständigkeit der Länder für die Investitionsfinanzierung hin. Rund sechs Milliarden Euro im Jahr werden dafür angesetzt. Seit Jahren bleiben die Länder weit hinter dieser Summe zurück. Es gibt Hinweise, dass die Ausfälle aus den Fallpauschalen kompensiert werden.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion Karin Maag (CDU) warnt gleichwohl vor einem grundsätzlichen Wechsel des Abrechnungssystems. „Wesentlich ist nicht die Art der Abrechnung, sondern wie manche Kliniken sie missbrauchen“, sagte Maag am Donnerstag der „Ärzte Zeitung“. „Um Überkapazitäten abzubauen, bedarf es mehr Mut in Richtung Zentrenbildung“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen Maria Klein-Schmeink. Die Investitionsfinanzierungder Kliniken gehöre endlich auf stabile Füße gestellt. 

DKG warnt vor mehr „Staat“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte am Donnerstag vor mehr „Staat“ im Gesundheitswesen. „Der Wunsch, die Krankenbehandlung von der Finanzierung des Krankenbehandlungssystems zu entkoppeln, mag sozialethisch ehrenwert sein“, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum am Donnerstagvormittag. Die Realität zeige aber, dass staatsfinanzierte Gesundheitssysteme lange Wartezeiten, Rationierung und schlechtere Ausstattung mit sich brächten. Als Beispiele führte er die Gesundheitswesen sozialistischer Länder und das Großbritanniens an.

Außer Frage stehe jedoch eine Reform der Fallpauschalen (DRG). „Gesonderte Vorhaltungen“ könnten zum Beispiel nicht aus den DRG finanziert werden. „Das gilt insbesondere für die Ausfinanzierung der Personalkosten, bei denen Tarifsteigerungen über das Fallpauschalensystem alleine nicht ausreichend finanziert werden“, sagte Baum.

Die große Koalition hat mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz (PpSG) bereits die Weichen dafür gestellt, im kommenden die Pflegekosten komplett aus den Fallpauschalen herauszunehmen. Auch heute schon werden Tarifsteigerungen und sogar Neueinstellungen komplett von den Kassen refinanziert.

Der Präsident des Pflegerates, Franz Wagner, sagte, es gebe „eine falsche Priorität durch die Ökonomie und auch damit Fehlanreize“. Die Versorgung müsse sich viel stärker an Bedarfen orientieren“, so Wagner.

Der Ärzte-Appell geht auf den von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin angestoßenen „Ärzte Codex“ zurück, der wiederum aus dem 2017 aufgelegten „Klinik-Codex“ der DGIM hervorgegangen ist. Der Codex formiert einen klaren Primat der Medizin vor der Ökonomie. Darin heißt es: „Wir lehnen alle Leistungs-, Finanz-, Ressourcen- und Verhaltensvorgaben ab, welche für uns offensichtlich erkennbar zu einer Einschränkung unseres ärztlichen Handelns und unseres ärztlich-ethischen Selbstverständnisses führen und das Patientenwohl gefährden können“.

Lesen Sie dazu auch:
Medizinethik: „Klinik Codex“ der DGIM wird zum „Ärzte Codex“
Freiberuflichkeit adé?: Mehr Rückendeckung für junge Ärzte bitte!
DGIM-Kongress: Internisten rücken Ökonomisierung der Medizin in den Fokus

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Diagnose Ideelle Verformung

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[09.09.2019, 16:29:13]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ebenfalls ...
Mitunterzeichner von #menschstattprofit

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)  zum Beitrag »
[06.09.2019, 12:16:38]
Claus F. Dieterle 
Ärztliche Berufsordnung und Monetik?
Im diesem Zusammenhang möchte ich die ärztliche Berufsordnung in Erinnerung rufen und die Goldene Regel aus der Bibel, nämlich in Matthäus 7,12: "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt...". zum Beitrag »
[06.09.2019, 08:14:55]
Dr. Günther Jonitz 
Differenzierte Berichterstattung
ist immer erwünscht. Der Appell im STERN beruht auf der Kritik der Ärzteschaft am DRG System seit mindestens 1994, mit Höhepunkt Ärztetag 2001 in Ludwigshafen. Dass inzwischen weitere Aktionen von Berufsverbänden und Fachgesellschaft dazu gekommen sind - nachdem die Appelle der Ärztetage weitgehend verpufft sind (kann nur in der Politik niemand sagen, er habe es nicht gewußt) - ist höchst willkommen und sehr relevant.
Wer den Text wirklich gelesen hat, wird wissen, dass bspw. der absolute DRG-Fachmann Alexander Geissler eine Sockelfinanzierung der Krankenhäuser gefordert hat. Wer das als "Staatsmedizin" ansieht, hat etwas nicht richtig verstanden.
Der Fachjournalist Albrecht hat genau und umfassend recherchiert. Dass sogar die bedrohte Weiterbildung addressiert ist, darf die ärztliche Fachpresse erfreuen. Gab es das schon mal vergleichbar woanders?
Herzlichst
Dr. Günther Jonitz
Präsident der Ärztekammer Berlin
Mitunterzeichner von #menschstattprofit

P. S. Man darf auch als ÄZ zum Mitmachen aufrufen ;-) zum Beitrag »
[05.09.2019, 16:46:46]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ethisch-normative Medizin vs. monistisch orientierte Gesundheitsdiktatur
Musterbeispiele für die Durchökonomisierung und Durchrationalisierun in der medizinischen Kranken- und Daseins-Versorgung sind Bestrebungen, möglichst alle "unrentabel" arbeitenden Kliniken zugunsten von Großkrankenhäusern als betriebswirtschaftlich orientierten "Gesundheitsfabriken" auszumerzen:

- im AOK-Krankenhaus-Report von 2018 sollten 500 Kliniken in Deutschland dran glauben.
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/bedarfsplanung/article/959967/aok-krankenhausreport-500-kliniken-koennen-dicht-machen.html

- die "Leopoldina" mit einem 8-Thesen-Papier und dem anspruchsvollen Titel "Nationale Empfehlungen - Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem (2016)" wollte 600 Kliniken ersatzlos schließen.
www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/zum-verhaeltnis-von-medizin-und-oekonomie-im-deutschen-gesundheitssystem-2016/

- Zugespitzt wird das Ganze durch einen Report der Bertelsmann-Stiftung (BS), nach dem die gerade erst im ländlichen Raum geförderten, kleineren Kliniken wieder geschlossen werden sollten: Paradoxerweise, damit die klinische Versorgung verbessert werden sollte. https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/bedarfsplanung/article/992475/bertelsmann-stiftung-bessere-versorgung-nur-weniger-kliniken-moeglich.html

Von den derzeit knapp 1.400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben. Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten hätten genügend Er­fahrung für eine sichere Behandlung, betonen die Autoren der BS-Studie.

Dabei wurde die im Ländlichen Raum, in Sozialen Brennpunkten und Randgebieten bereits aus ökonomischen Gründen extrem heruntergefahrene ambulante medizinisch-ärztliche Versorgung durch Haus-, Familien- und Fachärzte gar nicht mit berücksichtigt. Erst-, Notfall-, Rettungs- und Transportmaßnahmen würden dadurch erheblich verzögert und sind in die BS-Kalkulationen ebenfalls nicht mal ansatzweise eingeflossen, gehören aber insgesamt zur Daseinsvorsorge.

Medizin- und Versorgungs-fremde bzw. volks- und betriebswirtschaftlich den großen Krankenhaus-Konzernen nahestehende Krankenhausexperten wie der Politikwissenschaftler Dr. Jan Böken, Professor Boris Augurzky vom RWI, Professor Reinhard Busse von der TU Berlin oder Professor Max Geraedts von der Uni Marburg haben Interesse-geleitet ein Zerrbild entwickelt, das in eine im BS-Auftrag erstellte IGES-Simulationsrechnung der Kliniklandschaft im Großraum Köln/Leverkusen mit gut 2 Millionen Menschen und ihrem Einzugsgebiet mündete. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/

Ein unter der Fuchtel einer eher planwirtschaftlichen Ökonomie stehendes Chaos wird damit vorprogrammiert: Ambulant tätige freiberuflich-vertragsärztlich tätige Ärztinnen und Ärzte und ihre Klinikkollegen, medizinische Fachangestellte (MFA) bzw. Kranken- und Gesundheitspfleger/-innen, Logistik- und freie/gemeinnützige Klinik-Betreiber werden zu Gunsten großer, teilweise monopolartig operierender Krankenhaus-Konzerne und Aktiengesellschaften von der Bertelsmann-Stiftung und dem Berliner IGES-Institut diskriminiert und auseinanderdividiert!

Dazu schaltete sich ebenso einseitig wie fach- und wissensfremd die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) als institutionelle Vertretung der vertragsärztlich niedergelassenen Haus- und Fachärzte bzw. Psychotherapeuten ein, die in vielen Bereichen nicht mal den eigenen Sicherstellungsauftrag für die Kassenärztliche Versorgung stemmt bzw. ebenfalls rein monetäre Gesichtspunkte auf der Agenda hat.

Es wird höchste Zeit, sich mit einer ethisch-normativ orientieren und inhaltlich argumentierenden Medizin gegen eine rein monetär orientierte politökonomisch argumentierende Gesundheitsdiktatur entschieden zur Wehr zu setzen. Eine derzeit gesellschaftlich dominierende "Gesundheitsökonomie", die nicht einmal mehr die "Krankheit" und damit unsere Kernkompetenz für unsere Patientinnen und Patienten in ihrem Namen führen will.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Homeoffice belastet die Psyche

Viele Arbeitnehmer würden lieber von Zuhause aus arbeiten als jeden Tag zur Arbeit pendeln zu müssen. Doch nun zeigt eine WIdO-Umfrage: Die Heimarbeit schlägt aufs Gemüt. mehr »

Millionen Befunde offen im Internet

Hochauflösende radiologische Bilder, verknüpft mit Informationen zu Patienten, sind jahrelang ungeschützt im Internet gespeichert gewesen. Betroffen sind auch 13.000 Datensätze aus Deutschland. mehr »

Was nötig ist für mehr Patientensicherheit

Jede Minute sterben fünf Menschen durch fehlerhafte Behandlung, so die WHO. Patientenschützer setzen auf Fehlermeldesysteme. Und was schlagen Ärzte vor? mehr »