Ärzte Zeitung, 21.11.2012

Großbritannien

Krebskranke müssen länger warten

Britische Ärzte schlagen Alarm: Sie sehen die Versorgung gefährdet, weil die Auswirkungen der Rationierungen im Gesundheitswesen immer deutlicher werden. Krebspatienten etwa müssen längere Wartezeiten in Kauf nehmen.

Von Arndt Striegler

Krebskranke müssen länger warten

Das House of Parliament und der Big Ben: Die Rationierungen im britischen Gesundheitswesen zwingen die Kliniken zum Sparen - mit weitreichenden Folgen.

© avanti / imago

LONDON. Wirtschaftskrise, sinkende Steuereinnahmen und allgemeiner Geldmangel führen im staatlichen Gesundheitsdienst von Großbritannien zu immer härteren Sparmaßnahmen.

Ärzte, Patienten und Arzneimittelhersteller schlagen Alarm und warnen vor "dem Ende der staatlichen Gesundheitsversorgung".

Besonders stark ist der stationäre Sektor von den jüngsten Rationalisierungen im staatlichen Gesundheitsdienst, dem National Health Service (NHS), betroffen.

Krankenhäuser zwischen London und Liverpool müssen im laufenden Haushaltsjahr laut Vorgaben des Gesundheitsministeriums dreistellige Millionenbeträge einsparen, um ihre Etats auszugleichen.

Das ist eine direkte Folge geringerer Geldzuweisungen aus dem nationalen Gesundheitsetat an die Kliniken.

Kliniken fehlen Millionen

Zwar wird zwischen Regierung, politischer Opposition und ärztlichen Berufsverbänden seit Monaten hitzig darüber gestritten, wie viel Geld genau in den Krankenhausbudgets fehlt.

Einigkeit herrscht allerdings darüber, dass es mehrstellige Millionenbeträge sind. Die Folgen der Geldknappheit sind inzwischen an vielen Stellen des stationären Sektors spürbar.

Beispiel Onkologie: Dutzende Kliniken melden, dass sowohl die Wartezeit für Vorsorgeuntersuchungen als auch für Krebsbehandlungen seit Jahresbeginn länger geworden seien.

Laut Patientenverband (Patient Association, PA) verfehlen dutzende Kliniken inzwischen regelmäßig die vom Londoner Gesundheitsministerium vorgegebenen Maximal-Wartezeiten.

Im Klartext: Krebspatienten warten länger und länger auf diagnostische oder therapeutische Maßnahmen. "Das kostet Patientenleben", so eine PA-Sprecherin zur "Ärzte Zeitung" in London. Und: "Die Lage hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert."

"Golden Hour" im Royal Free Hospital

Beispiel: das Londoner Royal Free Hospital. Es ist eine der führenden Onkologiekliniken Europas.

Mangels Geld legte das Krankenhaus in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Betten in der Onkologie still, um so Geld zu sparen.

Außerdem führte die Klinikverwaltung eine sogenannte "Golden Hour" ein. Das ist eine Zeit, in der privatversicherte Patienten NHS-Versicherten vorgezogen werden, um einen Spezialisten zu konsultieren.

Die Behandlung von Privatpatienten bringt der Klinik dringend benötigte Zusatzeinnahmen. Auch in der Pädiatrie, Kardiologie, Geriatrie und in anderen Bereichen wird immer mehr gespart.

Das führt zu Versorgungsengpässen, längeren Wartezeiten und großer Unzufriedenheit sowohl bei Ärzten und Pflegern als auch bei Patienten.

Mehr als das übliche Säbelrasseln

Premierminister David Cameron von den Konservativen steht unter Druck: Er muss jährlich umgerechnet mehr als 20 Milliarden Euro beim Gesundheitsetat einsparen.

Da die Gesundheitsausgaben seit Beginn der Finanzkrise im Jahre 2008 bereits mehrfach gekürzt wurden, gibt es heute nach Meinung von Experten nur noch bedingte Rationalisierungsmöglichkeiten.

"Wenn das so weitergeht, werden bald Patienten sterben", so eine Sprecherin des britischen Ärztebundes, der British Medical Association (BMA), zur "Ärzte Zeitung".

Die BMA, die landesweit mehr als 100.000 Ärzte repräsentiert, protestierte jüngst mehrfach gegen die Sparpolitik. Dabei handelt es sich um deutlich mehr als das gesundheitspolitisch übliche Säbelrasseln.

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