Ärzte Zeitung, 19.01.2017
 

Nachhaltigkeitsziele

UNO im Kampf gegen das Datenchaos der Statistiker

Fehlende Statistiken erschweren den Vereinten Nationen den Überblick darüber, wieweit die Länder bei den Nachhaltigkeitszielen gekommen sind. Das UN World Data Forum sollte Abhilfe schaffen – der Durchbruch oder nur ein Papiertiger?

Von Matthias Wallenfels

UNO im Kampf gegen das Datenchaos der Statistiker

Ein schlafendes Baby in Sierra Leone – ob seine Geburt je registriert worden ist, ist unklar.

© Bildagentur-online/ dpa

Mit großem Brimborium verabschiedeten die Vereinten Nationen Ende September 2015 in New York auf dem UN-Nachhaltigkeitsgipfel die "2030 Agenda für nachhaltige Entwicklung" – eine Vision mit 17 Zielen und 169 Unterzielen, die der nachhaltigen Entwicklung dienen sollen.

Diese Sustainable Development Goals (SDG) sollen im Zeitraum 2016 bis 2030 erreicht werden. Darin verpflichten sich die Signatarstaaten, auf eine Welt hinzuarbeiten, die frei von Krankheiten, Hunger, Armut, Gewalt und Analphabetismus sein soll.

Außerdem soll ein universeller Zugang zu einer qualifizierten Ausbildung sowie einer gesundheitlichen Versorgung, die das physische, mentale und soziale Wohlbefinden ermöglicht, gewährleistet sein.

Die SDG haben die Milleniumsziele (Millennium Development Goals, MDG) abgelöst, die im Dezember 2000 in New York verabschiedet worden waren. Im Fortschrittsbericht des Kinderhilfswerks UNICEF hieß es zum Zielerreichungsgrad der MDG, dass beispielsweise die Kindersterblichkeit zwischen 1990 und 2015 um 53 Prozent weltweit habe gesenkt werden können.

Rund 100 Staaten mit zweifelhaften Daten?

Diese Angaben scheinen nun in gewisser Weise obsolet zu sein. Denn bei den MDG gilt dasselbe wie bei den SDG. Um deren Zielerreichung in den einzelnen UN-Mitgliedsstaaten überwachen zu können, bedarf es valider Daten. Und hier scheint – gelinde ausgedrückt – einiges im Argen zu liegen.

Daher sah sich die UNO nun genötigt, in Kapstadt das erste UN World Data Forum zu veranstalten. Denn laut UN-Statistik erfassen mehr als 100 Länder Geburten und Todesfälle nicht genau. Für fast ein Viertel der Kinder unter fünf Jahre habe es keine Geburtenregistrierung gegeben.

"Stellen Sie sich vor, Sie planen zum Beispiel für die Beschäftigung, die Stadtentwicklung oder den Erziehungsbereich, und Sie wissen nicht, wie viele Menschen in Ihrer Stadt oder Ihrem Land leben. Das wäre desaströs", erläuterte Wu Hongbo, seines Zeichens Vize-Generalsekretär der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Soziales, in einem von der UNO bereitgestellten Interview im Vorfeld des Gipfeltreffens der Statistiker in Kapstadt.

Datenstandards von 1000 Experten

"Das zeigt, wie wichtig Daten und akkurate Informationen sind und sein werden für die Implementierung der Agenda 2030", so Wu weiter. Ziel des Forums, zu dem diese Woche mehr als 1000 Experten aus über 100 Ländern nach Kapstadt kamen, war, die Staaten auf Datenstandards zu verpflichten.

Denn für die Überwachung der SDG-Zielerreichung wurden nicht weniger als 230 individuelle Indikatoren als Messinstrumente kreiert.

Im Fokus standen vor allem die nationalen Statistikbehörden, denen die Schlüsselrolle bei der Datenerhebung und -verarbeitung zukomme.

In dem auf dem Gipfel präsentierten "Cape Town Global Action Plan for Sustainable Development Data" gab das Forum den UN-Mitgliedsstaaten einen Leitfaden für den Aufbau und die Umsetzung eines geeigneten Statistikbetriebes an die Hand. Offiziell soll dieser Plan laut UNO von deren Statistikkommission im März im Rahmen ihrer 48. Sitzung verabschiedet werden.

Aktionsplan nimmt Staaten in die Pflicht

Der Aktionsplan appelliert an die Regierungen der Staaten, moderne und leistungsfähige Statistiksysteme aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Der Weg dahin dürfte allerdings steinig sein. Denn zum einen sind für die SDG-Evaluation gerade geschlechterspezifische Daten essenziell.

Wie die UNO aber hervorhebt, verfügen gerade einmal 13 Prozent der Mitgliedsstaaten über ein Budget für eine entsprechende Gender-Statistik, 77 von 155 der überwachten Staaten hielten keine adäquaten Armutsdaten vor.

Zum anderen darf bezweifelt werden, dass besonders die Staaten mit kleptokratisch-nepotistischen Strukturen, die über defizitäre Statistikfazilitäten verfügen, kein vordringliches Interesse an einer Datentransparenz haben, da diese massiv den Interessen der Regierenden und der Eliten widersprächen.

Des Weiteren – und das zeigen Erfahrungen aus der jüngeren Zeit – bedarf es gut ausgebildeter und kompetenter Fachkräfte, um leistungsfähige Statistikbehörden aufzubauen. Diese sind aber eher Mangelware.

Noch heute unterstützen zum Beispiel Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden ihre Kollegen in Kasachstan und anderen sich entwickelnden Ländern beim Aufbau und Betrieb der Datenerfassung und -aufbereitung.

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