Direkt zum Inhaltsbereich

Kommentar zur Gesundheitswirtschaft

Wo ist die Politik ohne Nebenwirkungen?

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:

Zur Organisation einer qualitativ guten und effizienten Patientenversorgung gehört nach heute herrschender Auffassung in der Medizin der kompetente Hausarzt.

Und zwar auch deshalb, weil bei wachsender Spezialisierung und zunehmender Multimorbidität die Fäden zusammenfließen sollen. Darin verwirklicht sich der ärztliche Grundsatz "Primum nil nocere."

Man würde sich wünschen, auch die Politik würde ihre Entscheidungsfindungen an diesem Grundsatz ausrichten. Doch das ist nicht der Fall. Für das Regierungshandeln gilt das Ressortprinzip, die Bundeskanzlerin beansprucht lediglich die Richtlinienkompetenz.

Operationale Politik betreiben die Ministerien, und nach der gleichen Organisationssystematik finden die eigentlichen parlamentarischen Beratungen in Fachausschüssen statt.

Gesundheitspolitische Entscheidungen sind primär an ihren Auswirkungen auf die gesetzliche Krankenversicherung - meist mit kostendämpfender Absicht -, manchmal auch an Versorgungszielen orientiert. Langfristige Kollateralschäden bleiben meist außer Betracht. Dies gilt vor allem für arzneimittelpolitische Entscheidungen.

Die gestern vom Bundesverband der Deutschen Industrie vorgelegte Studie "Ökonomischer Fußabdruck" ausgewählter Unternehmen der industriellen Gesundheitswirtschaft für den deutschen Wirtschaftsstandort ermöglicht eine erweiterte Perspektive auf die Branche und sollte Anlass sein, Gesundheitspolitik ernsthafter auf ihre Nebenwirkungen zu überprüfen.

Warum? Die sieben betrachteten führenden Pharma-Unternehmen steigerten zwischen 2005 und 2010 die Zahl ihrer Arbeitsplätze um 50 Prozent mehr als der Durchschnitt der Wirtschaft. Die Produktivität der Pharma-Mitarbeiter ist mit 186.000 Euro gut dreimal so hoch wie die der Gesamtwirtschaft.

Jeder zweite Euro, den die Gesundheitswirtschaft im Export verdient, stammt von Arzneimittelherstellern. Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter zahlen mehr Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, als sie die gesetzliche Krankenversicherung mit Arzneimittelausgaben belasten.

Dies alles ist für Krankenkassen und Entscheider im Bundesausschuss irrelevant. Fatal ist, dass die Nebenwirkungen ihrer Entscheidungen erst langfristig sichtbar werden und der Nachweis kompliziert ist.

Wenn Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler gestern versprach, gemeinsam mit seinem Kollegen Daniel Bahr ein Auge darauf zu haben, dass die Verhandlungen um die frühe Nutzenbewertung fair ablaufen, dann ist dies neu. Denn bislang war nicht sichtbar, dass Gesundheits- und Wirtschaftspolitik miteinander vernetzt gedacht werden.

Lesen Sie dazu auch: Gesundheitswirtschaft: Röslers Liebling

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Oktober-Sitzung des CHMP

Neuer oraler GLP1-Agonist in den Startlöchern

Das könnte Sie auch interessieren
An der Frankfurt School of Finance & Management im Norden der Mainmetropole wird auch in diesem Jahr der Tag der Privatmedizin 2026 ausgerichtet. Die Veranstaltung ist für den 21. November angesetzt. (Archivbild)

© Frankfurt School of Finance & Management

Update

Praxiswissen und Innovation

Privatmedizin: Anregungen für die Praxis in Frankfurt am 21. November

Logo Cardisio

© Cardisio

Cardisio

Cardisiographie mit LVEF-Erkennung

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Kommentare
Sonderberichte zum Thema

Ist das AMNOG bereit für HIV-Innovationen?

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Martinsried
Angepasste Endpunkte, moderne Studiendesigns und ungelöste Herausforderungen

© metamorworks / Getty Images / iStock

Krebsmedizin auf neuen Wegen

Angepasste Endpunkte, moderne Studiendesigns und ungelöste Herausforderungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pfizer Pharma GmbH, Berlin
Ein Medikament unter vielen, das wenigen hilft? 2400 Wirkstoff-Kandidaten in der EU haben den Orphan-Drug-Status.

© artisteer / Getty Images / iStock

Wirkstoff-Kandidaten mit Orphan-Drug-Status

Orphan Drugs – Risiken für ein Modell

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Verband forschender Pharma-Unternehmen (vfa)
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Leitlinien-Update

Welcher Kompressionsstrumpf ist der richtige?

Lesetipps
Farbige Röntgenaufnahme der Lendenwirbelsäule mit einem Kompressionsbruch

© ALAIN POL / Science Photo Library

Risikopatienten identifizieren

Osteoporose: So verhindern Sie die (nächste) Fraktur

Group of people over vintage colors background smiling with hands on chest with closed eyes and grateful gesture on face. Health concept.

© Krakenimages.com / stock.adobe.com

Diskriminierung

Rassismus in der Hausarztpraxis: Warum Hinschauen die Versorgung verbessert