Ärzte Zeitung online, 14.11.2018

DAK-Chef fordert

Pflege-Eigenanteil deckeln!

Viele Bürger beklagen, dass Pflegeheime teuer sind, berichtet die DAK in ihrem Pflegereport. Kassenchef Storm schlägt nun vor, den Eigenanteil für Pflegebedürftige zu beschränken. Das entflammt eine neue Debatte über die Pflege-Finanzierung.

Pflege-Eigenanteil deckeln!

Pflege im Heim kostet. DAK-Chef Storm spricht sich für eine Umkehr in der Finanzierung aus.

© alephnull / stock.adobe.com

BERLIN. Angesichts hoher Kosten für viele Betroffene flammt die Debatte über eine grundlegende Reform der Pflege-Finanzierung neu auf. Die DAK-Gesundheit fordert eine Begrenzung des selbst zu tragenden Eigenanteils für die eigentliche Pflege.

„Es gäbe dann einen einheitlichen Betrag, den die Pflegebedürftigen oder die Angehörigen zahlen - gestaffelt nach Pflegegraden“, sagte Vorstandschef Andreas Storm der dpa. Was darüber hinausgehe, trage die Pflegeversicherung. Auch der Paritätische Gesamtverband forderte „eine Komplettreform der Pflege-Finanzierung“.

Insgesamt seien immer mehr Pflegebedürftige mittlerweile auf ergänzende Fürsorgeleistungen angewiesen, betonte Storm. Dies widerspreche dem Anspruch der Pflegeversicherung.

Bislang sei es so, dass die Pflegeversicherung einen festen Betrag übernimmt, alle weiteren Kosten trügen Betroffene und ihre Familien.

Zur Finanzierung eines gedeckelten Eigenanteils wirbt der DAK-Chef für einen Bundeszuschuss. „Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eine Mitfinanzierung aus Steuermitteln ist daher sinnvoll.“

Der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbands, Rolf Rosenbrock-Freese, sagte: „Die Finanzierung der Pflege steht auf tönernen Füßen.“

Pflegebeiträge steigen zum 1. Januar 2019

Die geplante Beitragsanhebung stopfe allenfalls die Löcher, die die demografische Entwicklung entstehen lasse. Nötig seien eine Begrenzung des Eigenanteils und eine deutlich stärkere Entlastung und bessere Absicherung pflegender Angehöriger.

Die Bundesregierung hat gerade eine Anhebung des Pflegebeitrags um 0,5 Punkte zum 1. Januar 2019 auf den Weg gebracht. Derzeit liegt er bei 2,55 Prozent des Bruttoeinkommens, für Beitragszahler ohne Kinder bei 2,8 Prozent.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn brachte kürzlich die Idee auf, den Pflege-Beitrag für Kinderlose zu erhöhen, was ihm prompt Kritik einbrachte.

Generell müssen Pflegebedürftige oder die Angehörigen einen Eigenanteil leisten, weil die Pflegeversicherung - anders als die Krankenversicherung - nur einen Teil der Kosten trägt.

Selbst bezahlt werden müssen neben einem Eigenanteil für die Pflege an sich etwa auch Unterkunft und Verpflegung im Pflegeheim. Im bundesweiten Schnitt kamen so zuletzt Summen von rund 1800 Euro im Monat zusammen, es gibt aber regionale Unterschiede.

Storm kritisierte: „Pflegebedürftige zahlen in manchen Bundesländern doppelt so viel dazu wie in anderen Regionen.“

Eigenanteil liegt im Schnitt bei 602,13 Euro

Im Bundesschnitt beträgt der einrichtungseinheitliche monatliche Eigenanteil, den Betroffene oder deren Familie für die Pflege im Heim aus eigener Tasche bezahlen müssen, 602,13 Euro. Das geht aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Regional gibt es große Unterschiede: In Berlin (873 Euro) und Baden-Württemberg (826 Euro) ist der Eigenanteil am höchsten (siehe nachfolgende Karte).

Entlastungen gefordert

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte weitergehende Entlastungen als von der DAK gefordert.

Es reiche nicht, den Eigenanteil für Pflegeleistungen nur zu deckeln, sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. „Vielmehr muss die Pflegeversicherung zukünftig die vollständigen Kosten für die Pflege übernehmen.“

Nur Ausgaben für Lebenshaltung und Nebenkosten sollten Pflegebedürftige dann auch weiterhin selbst tragen. Als Sofortmaßnahme sollten die Sachleistungen der Pflegeversicherung einmalig um 500 Euro erhöht werden, damit nicht noch mehr pflegebedürftige Menschen in die Armut rutschten.

SPD-Fraktionsvize Professor Karl Lauterbach betonte, in der Pflegeversicherung „müssen wir eine Vollkaskoversicherung anbieten, die das Risiko von den Familien nimmt“. Das sei der Wunsch großer Teile der Bevölkerung.

Entlastungen Pflegebedürftiger fordern auch die Verbraucherzentralen. Leistungen der Pflegeversicherung sollten daher künftig - orientiert an der Inflationsrate und den Personalkosten - angepasst werden.

87 Prozent finden: Pflegeheim zu teuer

Laut einem neuen Pflegereport der DAK beklagen 87 Prozent der Befragten, Pflegeheime seien teuer.

Sieben von zehn Befragten sind der Meinung, dass sich viele Familien Pflegedienste und Heime nicht leisten können. Für die Studie befragte das Allensbach-Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit im Juni 2780 Menschen ab 16 Jahren. (dpa/ths)

Wir haben den Beitrag aktualisiert am 14.11.2018 um 16:41 Uhr.

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Ob das so am Wohl der verstorbenen Versicherten und deren Witwer orientiert ist mag ich zu bezweifeln.
Wie die Versorgung, die ja bis zur Eskalation mit den Sachbearbeitern weiter gelaufen ist, vergütet werden wird, darf abgewartet werden. Sicherlich auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ein falsches Signal.

Freundliche Grüße
Cora Schulze
Palliative-Care-Team Ostfriesland GmbH
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