Ärzte Zeitung, 09.12.2015

Neuralrohrdefekte

Kein Rückgang seit 20 Jahren

Zur Prävention von Neuralrohrdefekten reichen Empfehlungen zur Folsäure-Supplementierung für Frauen im gebärfähigen Alter sowie die Anreicherung von Lebensmitteln mit dem Vitamin auf freiwilliger Basis offenbar nicht aus. Das zeigen aktuelle Zahlen aus Europa.

Von Christine Starostzik

Kein Rückgang seit 20 Jahren

Ultraschall in der Frühschwangerschaft: Wird ein Neuralrohrdefekt entdeckt, wird die Schwangerschaft meist abgebrochen.

© AlexRaths / iStock / Thinkstock

PARIS. Jedes Jahr wird bei etwa 5000 Föten in Europa ein Neuralrohrdefekt festgestellt. Die meisten dieser Schwangerschaften werden abgebrochen. Dass eine perikonzeptionelle Folsäure-Supplementierung sowie Fortifikationsprogramme wie in den USA die Prävalenz

von Neuralrohrdefekten erheblich senken kann, wurde bereits in verschiedenen Studien belegt. In Europa werden bestimmte Lebensmittel von den Herstellern nur auf freiwilliger Basis mit Folsäure angereichert.

Für Frauen mit Kinderwunsch gibt es die Empfehlung einer Folsäure-Supplementierung. Doch offenbar folgen nur wenige Frauen diesen Ratschlägen und die Zufuhr durch Nahrungsmittel ist zu gering.

Empfehlung ohne großen Nutzen

Eine populationsbasierte Studie von Forschern um Dr. Babak Khoshnood vom Center for Biostatistics and Epidemiology in Paris hat nun bestätigt, dass die derzeitigen Empfehlungen offenbar keinen greifbaren Nutzen haben.

Die Autoren haben die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten bei 12,5 Millionen Geburten in 19 europäischen Ländern analysiert.

Ausgewertet wurden Daten aus den Jahren 1991 bis 2011 des European Surveillance of Congenital Anomalies (EUROCAT)-Registers (BMJ 2015; 351: h5949).

Insgesamt gab es 11.353 Neuralrohrdefekte, die nicht im Zusammenhang mit Chromosomenanomalien standen, darunter 4162 Anenzephalien und 5776 Kinder mit Spina bifida.

Keine Abnahme der Fallzahlen

Bei den Neuralrohrdefekten ergab sich innerhalb der Studienzeit eine europäische Gesamtprävalenz von 9,1/10.000 Geburten insgesamt (Lebendgeburten, fötaler Tod, Beendigung der Schwangerschaft wegen der fötalen Anomalie).

Für Deutschland lag die Prävalenz in Sachsen-Anhalt bei 8,9/10.000. In Mainz wurde der europaweit höchste Wert von 18,7/10.000 erreicht. Zwar zeigten sich im Zeitverlauf einige Schwankungen, doch es konnte kein offensichtlicher Trend der Fallzahlen nach unten festgestellt werden.

Wurden einige Störfaktoren in die Analyse einbezogen, ergab sich von 1995 bis 1999 eine jährliche Steigerung um vier Prozent zwischen 1999 und 2003 eine Reduktion um drei Prozent; danach stagnierten die Fallzahlen.

Ähnliche Muster waren zu erkennen, wenn das Auftreten von Anenzephalie und Spina bifida einzeln betrachtet wurde. Bei keiner der Anomalien waren im Beobachtungszeitraum wesentliche Veränderungen der Häufigkeit zu beobachten.

Plädoyer für Präventionsstrategie

Die Autoren weisen darauf hin, dass die (fehlende) Folsäure natürlich nicht der einzige mögliche Grund für die relativ unveränderte Rate an Neuralrohrdefekten ist.

Auch Rauchen der Mutter, chronische Krankheiten wie Adipositas oder Diabetes und Therapien mit Antiepileptika bergen ein höheres Risiko für einen Neuralrohrdefekt des Kindes und könnten Einfluss auf die Statistik nehmen.

Zudem müssten Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur berücksichtigt werden, so die Autoren.

Das Fazit der Forscher: Obwohl seit 20 Jahren bekannt sei, dass die Supplementierung von Folsäure die Rate der Neuralrohrdefekte senkt, und schwangeren Frauen seit Jahren dazu geraten wird, sei es in Europa nicht gelungen, eine effektive Präventionsstrategie für den Neuralrohrdefekt zu etablieren.

Angesichts dessen, dass alle bisherigen Bemühungen nicht gefruchtet haben, plädieren Khoshnood und Kollegen dafür, unter Abwägung von Nutzen und Risiken über eine obligatorische Anreicherung von Grundnahrungsmitteln wie zum Beispiel Mehl mit Folsäure als effektivere Maßnahme zur Prävention von Neuralrohrdefekten nachzudenken.

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