Appell an Bund und Länder

Zuckersteuer, Werbeverbote: Leopoldina wirbt für umfassende Adipositas-Strategie

Die Leopoldina fordert die Politik zu einer nationalen Adipositas-Strategie auf. Kleinteilige Prävention sei nicht wirksam, harte Regulation zugunsten gesunder Lebensverhältnisse dagegen schon. Fachgesellschaften begrüßen die Stellungnahme.

Veröffentlicht: | aktualisiert:
Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind in Deutschland von Übergewicht betroffen.

Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen sind in Deutschland von Übergewicht betroffen.

© karepa / stock.adobe.com

Berlin. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina drängt die Bundesregierung, eine ressortübergreifend angelegte nationale Adipositas-Strategie aufzulegen. Trotz vieler Präventionsbemühungen gehe die Erkrankungshäufigkeit nicht zurück, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der Leopoldina. Die Wirksamkeit der bisher von der Politik verfolgten Strategien sei „fraglich“.

Nötig sei ein „umfassender, langfristiger Ansatz“, der die „gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nimmt“, erläuterte Professorin Iris Pigeot, Direktorin des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen, bei einer digitalen Pressekonferenz.

Neben der Schaffung „gesunder Lebensverhältnisse“ gehe es bei diesem systemischen Ansatz gleichermaßen darum, gesundheitsförderliches Verhalten des Einzelnen zu erleichtern. Statt wie bisher einzelner Projektinitiativen bedürfe es einer nationalen Adipositasstrategie durch Bund und Länder, „die alle relevanten Akteure einbindet“.

Lesen sie auch

Zudem müssten Hochrisikogruppen, etwa mit einer genetischen Disposition, rechtzeitig identifiziert werden, beispielsweise Frauen in der Schwangerschaft, so Pigeot. Diese „frühe Prävention“ sei ein „entscheidender Hebel“, der möglichst schon vor der Schwangerschaft ansetzen sollte. Daher sei es geboten, Frauenärztinnen und -ärzte in die Prävention einzubinden, betonte Pigeot.

Neben der Verhaltens- seien regulatorische Schritte mit Blick auf die Verhältnisprävention unverzichtbar. Rauchen sei insbesondere dadurch zurückgedrängt worden, dass es in öffentlichen Raumen verboten wurde, erinnerte Pigeot.

Werbung bei Kindern zu wenig reguliert

Dieser Ansatz könne übertragen werden: „Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland zu einer stärkeren Besteuerung stark zucker- und fetthaltiger Lebensmittel und Getränke kommen“, sagte die BIPS-Direktorin. In Großbritannien sei in Folge der höheren Steuern der Konsum zuckergesüßter Getränke zurückgegangen.

Auch in Deutschland sei davon auszugehen, dass es auf diese Weise langfristig zu einer Verringerung krankheitsbedingter Versorgungkosten kommen würde. Pigeot bezeichnete es zudem als „absolut unakzeptabel“, dass in Deutschland ungesunde Lebensmittel für Kinder immer noch tagsüber in Medien beworben werden dürfen. Gleichzeitig sollte die Mehrwertsteuer für gesunde Lebensmittel gesenkt werden, fordern die Leopoldina-Autoren.

Lesen sie auch

Dr. Michael Laxy, Professor für Public Health und Prävention an der TUM School of Medicine and Health der TU München, verwies auf den wechselseitigen Zusammenhang von Gewichtsstatus und sozioökonomischem Status bei Adipositas. Insofern sei die Prävention und Versorgung von Menschen mit Übergewicht auch ein Ansatzpunkt, um gesundheitliche Ungleichheit in der Bevölkerung zu verringern.

Folgekosten von über 100 Milliarden Euro im Jahr

Laxy bezifferte die direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Folgekosten von Adipositas auf mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – das addiere sich auf mehr als 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Weil andere Länder beispielsweise Softdrinks bereits strenger regulieren, wachse auch die internationale Evidenz dazu, dass diese Maßnahmen langfristig in- und außerhalb des Gesundheitswesens zu Kostensenkungen führen können, erläuterte Laxy. Ein wichtiges Merkmal fiskalischer Instrumente sei zudem, dass sie Menschen unabhängig von ihrer individuellen Gesundheitskompetenz beeinflussen.

Lesen sie auch

BIPS-Direktorin Pigeot zeigte sich optimistisch, dass es 2026 gelingen könne, zu einer ressortübergreifenden Strategie zu kommen. Das Bewusstsein bei Politikern wachse, dass die bisherigen kleinteiligen Präventionsinitiativen nicht sinnvoll fortgeschrieben werden können, so Pigeot. Sie verwies darauf, dass auch der Wissenschaftsrat – ein Beratungsgremium der Bundes – an einem Empfehlungspapier zur Prävention arbeite.

Als unverzichtbar bezeichnen es die Autoren, dass parallel mit der Adipositas-Strategie in Deutschland die Datengrundlagen verbessert werden, um langfristige wissenschaftliche Evaluationen zur Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu ermöglichen. Durch die geplante Forschungsdateninfrastruktur könne eine Evidenz zur Prävention und Versorgung von Adipositas entstehen, „die man nicht mehr wegdiskutieren kann“, sagte Pigeot.

Lob von Fachgesellschaften für die Leopoldina

Professor Dr. Matthias Laudes, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG), begrüßte die Forderungen der Leopoldina. Die Einschätzung, dass die Bekämpfung von Adipositas nur „sektorübergreifend, interdisziplinär und ressortübergreifend bewältigt werden kann“, sei richtig.

Professor Martin Wabitsch, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), befürwortete ausdrücklich Vorschläge wie etwa Werbeverbote für ungesunde Lebensmittel – vor allem dann, wenn sie sich an Kinder und Jugendliche richten: „Viele ausgewogene und evidenzbasierte Vorschläge sind vorhanden, wir wissen also, was zu tun wäre“, so Wabitsch. Nun müsse die Politik handeln. (fst)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Der Gesundheitsdialog

© Janssen-Cilag GmbH

J&J Open House

Der Gesundheitsdialog

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

© Springer Medizin

Johnson & Johnson Open House-Veranstaltung am 26. Juni 2025 beim Hauptstadtkongress

Impulse für den medizinischen Fortschritt: Welches Mindset braucht Deutschland?

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
J&J Open House beim Hauptstadtkongress

© [M] Springer Medizin Verlag

Video zur Veranstaltung

J&J Open House beim Hauptstadtkongress

Kooperation | In Kooperation mit: Johnson & Johnson Innovative Medicine (Janssen-Cilag GmbH)
Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

© Getty Images

STIKO-Empfehlungen

Kommission fordert Grippeimpfung auch für gesunde Kinder

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Junge Frau spricht mit einer Freundin im Bus

© Getty Images

Update

Impflücken bei Chronikern

Chronisch krank? Grippeimpfung kann Leben retten

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

© Viatris-Gruppe Deutschland

Update

Neue Podcast-Folgen

Grippeschutz in der Praxis – Jetzt reinhören!

Anzeige | Viatris-Gruppe Deutschland
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Wissenschaft in Medizin übertragen

© Regeneron

Forschung und Entwicklung

Wissenschaft in Medizin übertragen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Regeneron GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Versteckte Zucker

Wie Fruktose den Nieren schadet

Lesetipps
Urinprobe für Harnsäuretests im Labor zur Feststellung von Anomalien im Urin.

© kittisak / stock.adobe.com

Treat-to-Target-Strategie

Gicht: Mit der Harnsäure sinkt auch das kardiovaskuläre Risiko