Ärzte Zeitung online, 07.10.2019

Kinderärzte heizen Debatte an

Neues Feuer für die Zuckersteuer

Die Kinderärzte machen sich für die Einführung einer Zuckersteuer stark: So könne verhindert werden, dass noch mehr Kinder und Jugendliche adipös werden. Aus der Politik kommen unterschiedliche Reaktionen auf die Forderung.

Von Anno Fricke und Thomas Hommel

192a0401_8532756-A.jpg

Süßes Leckerli im Fokus: Kinder- und Jugendärzte schüren die Debatte um die Zuckersteuer

© bluedesign - stock.adobe.com

BERLIN. Der Streit um Sinn und Unsinn einer Zuckersteuer ist neu entfacht. Am Montag bekräftigte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) seine Forderung nach Einführung einer entsprechenden Abgabe auf süße Lebensmittel.

Auf diese Weise ließen sich Übergewicht und Adipositas bei jungen Menschen vorbeugen, sagte Verbandssprecher Dr. Hermann Josef Kahl am Montag der „Ärzte Zeitung“.

Erste Ergebnisse bis Ende März

Für den Herbst hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Überprüfung der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie angekündigt.

Darin hatten sich Bundesregierung und Nahrungsmittelindustrie darauf geeinigt, bis 2025 mindestens 20 Prozent des bislang enthaltenen Zuckers aus Frühstückscerealien, 15 Prozent aus Limonaden und Tees sowie zehn Prozent aus Kinderjoghurts herauszunehmen. Bis Ende März 2020 sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Erstmals sei es somit gelungen, „die Lebensmittelwirtschaft daran zu beteiligen, die genannten Nährstoffe zu reduzieren“, teilte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) der „Ärzte Zeitung“ am Montag mit.

Angesichts der Herausforderung von 47 Prozent übergewichtigen Frauen, 62 Prozent übergewichtigen Männern und 15 Prozent übergewichtiger Kinder sei das ein Meilenstein.

Kinderärzte kritisieren Industrie

„Die Industrie tut nichts“, sagte BVKJ-Sprecher Kahl. Eine Untersuchung des Robert Koch-Instituts zur Kindergesundheit (KIGGS) von 2014 bis 2017 unter über 15.000 Kindern zwischen drei und 17 Jahren hat ergeben, dass 15,4 Prozent übergewichtig und 5,9 Prozent sogar adipös sind.

Vor allem Kinder und Jugendliche aus prekären und bildungsfernen Verhältnissen gelten als betroffen. Für Kinder- und Jugendärzte ein Alarmsignal: „Wir fühlen uns auch für deren Gesundheit verantwortlich“, sagte Kahl. Die Zuckersteuer müsse kommen.

Die aktuell vorgestellte freiwillige Lebensmittelkennzeichnung (Nutri-Score) reiche nicht aus. In einer Stellungnahme zur Reduktionsstrategie hatte der Berufsverband bereits auf die Fernwirkungen der derzeitigen Politikstrategie verwiesen. Ein Erreichen der Ziele bis 2025 sei nicht ambitioniert genug. Bis dahin seien wieder unnötig viele Kinder und Jugendliche adipös geworden. „Das muss in jedem Fall verhindert werden“, heißt es in der Stellungnahme.

Studien belegten, dass eine Zuckerreduktion in Fünf-Prozent-Schritten pro Jahr binnen fünf Jahren erfolgreich sein könne. Deshalb müsse schneller gehandelt werden, so der BVKJ.

SPD: Gesundheitsbewusste Ernährung wird Menschen schwer gemacht

SPD-Politiker sprangen den Kinderärzten bei. „An meiner Position zur Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke hat sich nichts verändert: Ich halte sie – eingebettet in ein größeres Maßnahmenpaket zur Zuckerreduktion – für ein sehr sinnvolles Instrument“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, der „Ärzte Zeitung“. Wichtig sei zudem eine verpflichtende, verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln. Eine an Kinder gerichtete Lebensmittel-Werbung gehöre verboten.

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD), sagte, es gehöre heute „leider zur Normalität, dass gerade Fertigprodukte und Getränke hohe Zuckeranteile enthalten“. Gesundheitsbewusste Ernährung werde den Menschen schwer gemacht.

Häufig suggerierten die Produkte, „gesund zu sein, sind aber eigentlich Zuckerbomben und tarnen die Süßungsmittel im Kleingedruckten“. Die höhere Besteuerung von Tabak und Alkopops habe gezeigt, dass sich damit der Konsum schnell und deutlich senken lasse. „Deshalb spreche ich mich für die Einführung einer Zuckersteuer aus.“ Langfristig seien die Umsatzsteuer-Regeln dahingehend zu überarbeiten, dass gesunde Lebensmittel niedriger zu besteuern seien.

Nur bessere Ernährungsbildung bringt Erfolge

Die verbraucherpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Katharina Willkomm, nannte die Forderung der Kinderärzte nach einer Zuckersteuer nachvollziehbar. „Wenn aber der Wunsch der Vater der Gedanken ist, ignoriert man gerne die Fakten.“

Das Beispiel England tauge nicht, um den Erfolg der Abgabe zu belegen. Zwar würden dort seither weniger zuckerhaltige Getränke verkauft. Das liege vor allem daran, dass die Limonadenhersteller ihre Werbebudgets auf Light-Produkte ausgerichtet hätten „Insgesamt nimmt in England der Zuckerkonsum aber zu.“

Gesünder werde durch die Zuckersteuer niemand. Langfristig sorge nur bessere Ernährungsbildung für Erfolge. „Bereits in der Schule muss Kindern besser vermittelt werden, welche Ernährung gesund ist und bei welchen Lebensmitteln man nur gelegentlich zugreifen sollte.“

Im Frühjahr 2018 hatte der Deutsche Ärztetag bereits zahlreiche Entschließungen verabschiedet, die auf eine stärkere Gesundheitsprävention abzielen. Notwendig seien auch „geeignete gesetzgeberische Maßnahmen der Besteuerung und Lebensmittelkennzeichnung“, um den Verzehr ungesunder Lebensmittel insbesondere durch Kinder und Jugendliche zu reduzieren.

Die Delegierten hatten dabei auf Berechnungen der WHO verwiesen, wonach schon eine 20-prozentige Preiserhöhung auf zuckerhaltige Getränke zu einer 20-prozentigen Konsumreduktion führen könne.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[08.10.2019, 22:17:22]
Roland Henning 
Wenn man sich den evolutionären Bauplan
des Menschen anschaut, dann begreift man den Wahnsinn, in dem wir uns als Gesellschaft im Hinblick auf Ernährung befinden. Die natürliche Auslese war eine Determinante von Darwin - das ist sie auch jetzt.
Mit dem aktuellen Konsum gilt das Prinzip der (natürlichen) Auslese auch. Zahlreiche Experten aus den Ernährungswissenschaften, der Ärzteschaft und vieler anderer Professionen mahnen seit Jahren - und werden von der Politik ignoriert. Das muss man als Verbrechen an der Bevölkerung bezeichnen.
Wer adipös ist, hat weniger Zeit zwischen Geburt und Tod.

Hochachtungsvoll

Podologe R Henning  zum Beitrag »
[08.10.2019, 14:16:41]
Cordula Petit 
Langfristig seien die Umsatzsteuer-Regeln dahingehend zu überarbeiten
Hier liegt das Problem. Man könnte mal ganz beherzt alle unverarbeiteten Nahrungsmittel von der Steuer befreien und die verarbeiteten höher besteuern. Zuckerhaltige sowieso bzw. besonders.
Wer mit Hunger in einen Supermarkt oder eine Tankstelle geht, merkt, dass auch wir genauso wie die Amerikaner in einer "Food Desert" leben und es einem mit aller Macht schwer gemacht wird, sich vernünftig zu ernähren, weil das artgerechte Essen zugedeckt wird von allem anderen - und zudem auch noch teurer ist. Wenn überhaupt verfügbar.
Frau Willkomms Meinung in allen Ehren - aber Ernährungsbildung führt alleine niemals zum Ziel, solange die Situation so ist. Da brauchts schon ein ganzes Bündel von Maßnahmen, an die sich unsere Politik niemals rantraut, es könnte Wählerstimmen kosten. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

MB fordert sechs Prozent mehr Gehalt für Uni-Ärzte

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund geht mit einer Fülle an Forderungen in die Tarifverhandlungen für die Ärzte an 23 Universitätskliniken. mehr »

Bei häufigen Stürzen an Natriummangel denken!

Bei geriatrischen Patienten lohnt es sich, den Natriumspiegel im Blick zu behalten: So manches mit der Elektrolytstörung assoziierte Symptom wird oft anderen Ursachen zugeschrieben. mehr »

Buttersäure-Anschlag auf Arztpraxis

Ein Vermummter hat eine Hamburger Arztpraxis mit Buttersäure angegriffen. Drei Personen wurden verletzt. Der Staatsschutz ermittelt, da die Attacke einen politischen Hintergrund haben könnte. mehr »