Ärzte Zeitung online, 13.03.2017
 

Kinder

Schmerztherapie mit vielen Defiziten

Experte: Große Unterschiede bei der Schmerztherapie von Kindern und Erwachsenen.

BREMEN. Der Kinderarzt Professor Sven Gottschling vom Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Uniklinikum des Saarlandes kritisierte auf dem Bremer Palliativkongress am vergangenen Wochenende die im Vergleich zu erwachsenen Patienten schlechtere Palliativversorgung sterbender Kinder. "Lebenslimitierend erkrankte Kinder sind dramatisch schlechter versorgt als Erwachsene", sagte Gottschling in seinem Vortrag in der Bremer "Glocke".

So liege die Inzidenz nicht oder unterbehandelter leidvoller Symptome bei sterbenden Kindern bei 89 Prozent, zitierte Gottschling Studiendaten. (Symptoms and suffering at the end of life in children with cancer. Walfe J, et al. N Engl J Med. 2000: 342: 326-33). Bei Erwachsenen liegen sie bei 72 Prozent. Bei Schmerzen liegt das Verhältnis bei 85 zu 75 Prozent und bei schwerer Atemnot sogar bei 60 zu 45 Prozent.

Eine Ursache seien fehlende für die Pädiatrie zugelassene Arzneimittel. "Wir haben zum Beispiel keine Opiate für Kinder unter zwölf Jahren, die wir einsetzen dürften." Gottschling präsentierte eine Medikamentenliste des im Jahr 2004 geborenen Jungen Luca. Sie verzeichnet 15 Präparate, von denen 13 Off-Lable sind", so Gottschling. Das gelte etwa für Morphin-Gel, Dronabinol oder Ondansetron. Dabei zieht sich die Versorgung lebenslimitierend erkrankter Kinder sehr in die Länge. "Sie kann sich über mehrere Jahre bis Jahrzehnte erstrecken", so Gottschling.

Für die rund 50 000 betroffenen Kinder stünden außerdem nur drei Einrichtungen der Kinderpalliatvversorgung zur Verfügung. "Weit unter 50 Prozent der Kinder haben Zugang zur Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung – Tendenz sinkend." Eine allgemeine Palliativversorgung für Kinder fehle ganz.

Die Folge: Mehr als die Hälfte dieser jungen Patienten sterben in einem Krankenhaus, meistens auf der Intensivstation. Dabei wünschen sich 90 Prozent der Eltern, dass ihr Kind zu Hause sterben kann. Zugleich scheint das Sterben quälender als es sein müsste. Jedenfalls berichten laut Gottschling 90 Prozent der Eltern über eine schlechte Symptomkontrolle am Lebensende ihrer Kinder.

"Je jünger und je behinderter die Kinder sind, um so schlechter die Symptomkontrolle", so Gottschling. "Sprechen Sie mal mit einem anderthalbjährigen Kind darüber, wo es wehtut! Die schlechte Symptomkontrolle beruht vor allem auf Kommunikationsdefiziten."

Gottschling forderte die flächendeckende Versorgung "in der Regel schon lange vor der Lebensendphase, und zwar für alle betroffenen Kinder. Denn wir werden immer mehr junge Palliativpatienten haben, unter anderem deshalb weil die Medizin immer besser wird und immer mehr Frühchen überleben." (cben)

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