Ärzte Zeitung, 04.02.2015

Diagnosefehler

Arzt haftet nicht immer

Diagnoseirrtümer, die auf eine Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen sind, sind laut einem Oberlandesgericht nicht in jedem Fall dem behandelnden Arzt anzulasten.

Von Matthias Wallenfels

KOBLENZ. Diagnoseirrtümer kann ein Arzt trotz aller Sorgfalt nicht immer vermeiden. Diagnostiziert ein Arzt zum Beispiel das Naheliegende, obwohl das Fernliegende korrekt gewesen wäre, wie die Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) mit Blick auf ein Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Koblenz hinweist (Az.: 5 U 222/14).

Im konkreten Fall erhielt die Patientin laut DAV aufgrund einer Neuralgie das Medikament Carbamazepin. Nach rund drei Wochen habe sie ab dem 19. Oktober 2010 außerdem das Antibiotikum Amoxicillin einnehmen müssen.

Wegen einer heftigen Hautreaktion am gesamten Körper habe die Frau am darauf folgenden Tag die Notfallambulanz eines Krankenhauses aufgesucht.

Die behandelnde Ärztin habe eine allergische Reaktion auf das Antibiotikum vermutet und die Patientin unter anderem mit der Empfehlung nach Hause geschickt, ein Antihistaminikum zu nehmen.

Dramatischer Krankheitsverlauf

Der weitere Krankheitsverlauf war nach Angaben des DAV derart dramatisch, dass sich die Frau ab dem 29. Oktober in einer anderen Klinik stationär behandeln lassen musste.

Nachdem die Ärzte dort Carbamazepin abgesetzt hatten, hätten sich die dermatologischen Beschwerden deutlich gebessert.

Die Frau habe das Krankenhaus auf Schadenersatz verklagt, in dem sie zunächst die Notfallambulanz aufgesucht hatte.

Sie sei der Meinung gewesen, die Ärzte hätten die Symptome für eine Unverträglichkeitsreaktion auf das Medikament Carbamazepin nicht erkannt.

Das OLG winkte jedoch ab. Es handele sich nicht um einen vorwerfbaren Diagnosefehler, entschieden die Richter, so der DAV.

Für einen Diagnosefehler hafte ein Arzt nur unter bestimmten Voraussetzungen. Grundsätzlich sei es zwar als Behandlungsfehler zu werten, wenn ein Arzt eine feststellbare Erkrankung und deren Symptome nicht erkenne.

Erkrankungen nicht immer eindeutig

Irrtümer bei der Diagnose seien dem Arzt jedoch oft gar nicht vorzuwerfen. So seien nämlich die Symptome einer Erkrankung nicht immer eindeutig, sondern könnten auf die verschiedensten Ursachen hinweisen.

Das gelte auch, wenn man die vielen technischen Hilfsmittel berücksichtige, die zur Gewinnung von zutreffenden Untersuchungsergebnissen einzusetzen seien.

Diagnoseirrtümer, die auf eine Fehlinterpretation der Befunde zurückzuführen seien, könne man deshalb nur mit Zurückhaltung als Behandlungsfehler werten.

Die angenommene allergische Reaktion auf das tags zuvor erstmals eingenommene Antibiotikum habe viel näher gelegen als eine Unverträglichkeit des schon länger eingesetzten Carbamazepin.

Entscheidend sei daher, dass die Ärztin nicht damit habe rechnen müssen, dass das scheinbar Naheliegende wohl nicht zutreffe. Hier treffe sie keine Schuld.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Diabetikern wird der HbA1c-Wert nicht oft genug kontrolliert

Eigentlich sollten Ärzte mindestens zweimal im Jahr den HbA1c-Wert bei Typ-2-Diabetikern bestimmen. Bei jedem vierten Patienten messen sie ihn aber nur einmal oder gar nicht. mehr »

Weg frei für GroKo-Gespräche und Nachverhandlungen

Es war eine Zitterpartie: Weniger als 60 Prozent der SPD-Delegierten auf dem Parteitag stimmten Gesprächen zur Bildung einer große Koalition zu. Nun soll weiterverhandelt werden – auch in Sachen Gesundheit. mehr »

Beunruhigend hohe Zahlen in der Altenpflege

Altenpflegekräfte fehlen fast doppelt so oft wegen psychischer Erkrankungen wie andere Beschäftigte, heißt es im länderübergreifenden Gesundheitsbericht für Berlin und Brandenburg. mehr »