Ärzte Zeitung, 13.12.2016
 

Unter Verschluss

"Ärzte Zeitung" veröffentlicht geheimen Masterplan 2020

Die "Ärzte Zeitung" gibt einen Überblick der wichtigsten Inhalte des streng unter Verschluss gehaltenen Reformplans für das Medizin-Studium. Bund und Länder wollen die Weichen für die Zukunft stellen.

"Ärzte Zeitung" veröffentlicht geheimen Masterplan 2020

© Illian

NEU-ISENBURG. Künftig sollen neben der Abiturnote auch kommunikative und soziale Fähigkeiten Zulassungskriterien für das Medizinstudium werden. Gleichzeitig soll dieses "konsequent kompetenzorientiert" ausgerichtet werden. Das geht aus dem Masterplan Medizinstudium 2020 vor, mit dem Bund und Länder die "Weichen für die Ausbildung der nächsten Medizinergeneration stellen" wollen. Der 37 Einzelmaßnahmen umfassende Plan, der als "streng vertraulich" deklariert ist, liegt der "Ärzte Zeitung" vor.

Das Projekt, das Union und SPD bereits 2013 im Koalitionsvertrag vereinbart haben, hängt weiter im Getriebe der Ministerialbürokratie: Bereits Ende Juni erreichten die Gesundheits- und Kulturministern der Länder mit dem Bund zwar eine grundsätzliche Einigung (die "Ärzte Zeitung" berichtete). Doch die Kostenfolgen des Pakets sind noch ungeklärt. Die Kultusminister fordern mehr Geld, da die Unikliniken ohnehin schon rote Zahlen schreiben.

Brisant ist der Plan insbesondere, weil die Neustrukturierung des Medizinstudiums mit versorgungspolitischen Fragen verknüpft wird. "Die Allgemeinmedizin muss im Studium den Stellenwert erhalten, der ihr auch in der Versorgung zukommt", heißt es im Masterplan. Das spiegelt sich im Maßnahmenpaket:

Zulassung zum Studium: Die Abiturnote bleibt ein wichtiges Auswahlkriterium. Doch die Hochschulen müssen zusätzlich mindestens zwei weitere Kriterien anwenden. Ausdrücklich genannt werden die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten und die "Leistungsbereitschaft" der Bewerber. Ins Gewicht fallen sollen auch die vorherige Ausbildung und Tätigkeit in medizinischen Berufen sowie ehrenamtliches Engagement im medizinnahen Bereich.

Kompetenzorientiertes Studium: Das Studium soll "konsequent kompetenzorientiert" ausgerichtet werden. Den Studierenden soll neben Wissen auch "Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen" vermittelt werden. Basis dafür soll der Nationale Kompetenzbasierte Lernzielkatalog (NKLM) sein, der weiterentwickelt und dann "verbindlicher Bestandteil der Approbationsordnung" werden soll. Die Prüfungsinhalte sollen entschlackt und den neuen Lernzielen angepasst werden.

Zahl der Studienplätze: Ausdrücklich verzichtet wird auf die Forderung, diese aufzustocken. Zuletzt hatten wie berichtet die drei Landesärztekammern Saarland, Hessen und Rheinland-Pfalz vereint eine Aufstockung um mindestens zehn Prozent gefordert.

Praxisnahe Ausbildung: Studierende sollen neben der hochspezialisierten Medizin auch "ganz alltägliche Erkrankungen in der ambulanten und stationären Praxis" kennenlernen. Daher sollen vom ersten Semester an theoretische und klinische Inhalte verknüpft und Lehrpraxen stärker als bisher in die Ausbildung eingebunden werden. "Erwartet" wird, dass Kammern, KVen und Berufsverbände dies unterstützten.

Allgemeinmedizin stärken: Am Ende des Studiums sollen alle Studierenden in der Allgemeinmedizin geprüft werden. Das PJ wird statt drei künftig vier Ausbildungsabschnitte je zwölf Wochen umfassen. Innere Medizin und Chirurgie bleiben Pflicht und werden durch zwei Wahlquartale ergänzt. Ein Quartal muss in der ambulanten Versorgung absolviert werden. Lehrveranstaltungen in der Allgemeinmedizin sollen durch "regelmäßige wiederkehrende Hospitationen" flankiert werden. Die Hochschulen sollen mehr Lehrkrankenhäuser auf dem Land einbinden. Das Blockpraktikum Allgemeinmedizin soll beibehalten werden, die Famulatur in der Hausarztpraxis entfallen.

Das einzige ausdrücklich strittige Instrument bleibt die Landarztquote. Den Ländern soll die Möglichkeit eingeräumt werden, mindestens zehn Prozent der Studienplätze vorab an Bewerber zu vergeben, die sich verpflichten, nach der Weiterbildung "bis zu zehn Jahre" hausärztlich in schlecht versorgten Regionen zu arbeiten. Die Verpflichtung soll mit "wirksamen Sanktionen abgesichert" werden, heißt es im Masterplan. (fst, aze, jk)

[16.12.2016, 17:14:20]
Claudia Nowack 
Kein Kompetenzerwerb für wissenschaftliche Methoden vorgesehen?
Anscheinend ist auch im neuen Masterplan für das Medizinstudium nicht vorgesehen, angehende Mediziner besser als bisher in Wissenschaftsmethodik auszubilden. Nach wie vor ist die Ausbildung in Methodenlehre und Statistik im Medizinstudium leider schlecht bis katastrophal. Aus diesem Grund gehen viele Bemühungen im wissenschaftlichen Bereich am Ziel vorbei und schaffen statt Klärung Verwirrung. Die wenigsten Mediziner sind in der Lage, eine medizinische Studie kritisch zu beurteilen. Daher steht inzwischen das ganze Fach auf ziemlich schwachen Füßen. Selbst in Bezug auf "ganz alltägliche Erkrankungen in der ambulanten und stationären Praxis" bleibt so die vorhandene Evidenz für den durchschnittlichen Studierenden weitgehend unklar. Als Erfüllungsgehilfe der Pharmaindustrie oder alternativ als Pseudomediziner, dem mit sauberer wissenschaftlicher Methodik erbrachte Wirksamkeitsnachweise nichts sagen, kann auch der Landarzt wenig Gutes bewirken.  zum Beitrag »

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