Ärzte Zeitung online, 21.08.2018

Digital Health

Industrie mahnt, Innovationshürden abzubauen

Bei den digitalen Lösungen zur Gesundheitsversorgung glänzt in Deutschland wenig, moniert ein Industrieverband. Fortschritte bei E-Health brauchen aus Verbandssicht niedrigere Marktzugangsbarrieren.

Von Matthias Wallenfels

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Bei E-Health-Lösungen muss Deutschland aufs Tempo drücken, mahnt der Fachverband Medizintechnik des Branchenverbands Spectaris.

© adam121 / stock.adobe.com

BERLIN. Wenn die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung in Deutschland an Fahrt gewinnen soll, braucht es jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung aller Beteiligten im Gesundheitswesen, einschließlich der Politik, mahnt der Fachverband Medizintechnik des Deutschen Industrieverbands für optische, medizinische und mechatronische Technologien (Spectaris).

"Die Digitalisierung hilft, die Effizienz im Gesundheitswesen zu optimieren, Krankheiten früher zu erkennen, Diagnosen verlässlicher zu stellen und Klinikaufenthalte zu vermeiden oder zu verkürzen. Um die Potenziale ausschöpfen zu können, müssen jedoch endlich die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden", betont der Geschäftsführer des Industrieverbandes, Jörg Mayer.

In einem aktuellen Positionspapier adressiert der Fachverband die aus seiner Sicht wichtigsten Baustellen und formuliert erste Lösungsvorschläge. Die Medizintechnikbranche drückt unter anderem beim Marktzugang der Schuh. "Die heutigen Prozesse zur Erlangung der CE-Kennzeichnung für ein Medizinprodukt dauern zu lange, sind zu teuer und hemmen die Innovationsfähigkeit der Unternehmen", heißt es im Positionspapier.

Zusätzlich müsse den immer kürzer werdenden Innovationszyklen Rechnung getragen werden. Digitale, gesundheitsversorgende Anwendungen und kollaborative Geschäfte sollten über eine qualitätsgesicherte Gesundheitsplattform als ‚Smart Services‘ abgewickelt werden können.

Integration aller Leistungserbringer

Der Verband plädiert zudem für die Beschleunigung der Prozesse zur Erstattung digitaler Anwendungen durch die Gesetzliche Krankenversicherung sowie Vergütungsregeln für telemedizinische Anwendungen.

"Die aktuellen Prozesse und Methodiken zum Nachweis medizinischer Evidenz dauern zu lange, sind zu aufwändig und sind insbesondere nicht auf telemedizinische, digitale Anwendungen ausgerichtet", stellt der Vorsitzende des Spectaris-Fachverbandes Medizintechnik, Dr. Martin Leonhard, fest. "Hier braucht es neue Instrumente, die besser auf digitale Versorgungslösungen ausgerichtet sind als die bisherigen", ergänzt er.

Auch müssten die Versorgungsprozesse ganzheitlich digitalisiert werden und alle Akteure des Gesundheitswesens integriert werden, insbesondere auch die nicht-ärztlichen Leistungserbringer, die im Rahmen der häuslichen Pflege eine zunehmend wichtige Rolle im Gesundheitswesen einnehmen, lautet das Branchenpostulat.

Ruf nach Infrastruktur-Standards

Nur ein Bruchteil der heute schon technologisch möglichen E-Health-Anwendungen komme zurzeit zum Einsatz. Das liegt aus Verbandsperspektive unter anderem daran, dass in der Vergangenheit oft nur Insellösungen für digitale Anwendungen gefunden wurden, der Weg in die Regelversorgung aber ausblieb.

"Wir brauchen E-Health-Lösungen, die von Beginn an auf Grundlage einer standardisierten Infrastruktur entwickelt werden", lautet Leonhards Plädoyer.

Weitere Baustellen sieht Spectaris bei den Themen Datenschutz und Fernbehandlungsverbot – in puncto Fernbehandlung hat sich der Deutsche Ärztetag im Mai für die Aufhebung des Verbots ausgesprochen. "Dass das Fernbehandlungsverbot jetzt endlich gelockert werden soll, ist überfällig und unbedingt zu begrüßen", so Leonhard.

"Und der Datenschutz darf sinnvolle Datennutzung nicht behindern. Hier muss die Nutzung von Gesundheitsdaten neu geregelt werden, ohne dabei die Persönlichkeitsrechte der Patienten einzuschränken", postuliert er.

Patienten ernst nehmen

Dabei müssten, wie er betont, die Sorgen der Patienten ernst genommen werden. Gleichzeitig müssten der Gesellschaft aber auch die Chancen der Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung besser und vorurteilsfrei vermittelt werden.

Die Spectaris-Forderungen decken sich größtenteils mit denen im gemeinsamen Appell der Verbände der industriellen Gesundheitswirtschaft für ein E-Health-Zielbild. Ende Juni hatten acht Verbände der industriellen Gesundheitswirtschaft in einem öffentlichen Appell einen von der Politik moderierten branchenübergreifenden Dialog gefordert.

Mit von der Partie waren neben Spectaris der Biotechnologieverband BIO Deutschland, der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), der Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg), der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH), der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) sowie der der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI).

Dieser Appell scheint im gesundheitspolitischen Berlin zumindest zum Teil Anklang gefunden zu haben. "Es ist ermutigend, dass die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion viele Themen ähnlich sieht und angehen will, wie wir, sowie dazu aufruft, dass die Politik bei diesem Thema eine Führungsrolle einnehmen muss.

Das von der AG anvisierte ‚E-Health-Gesetz 2.0‘ muss nun rasch in Angriff genommen und auch der nationale E-Health-Strategieprozess muss mit Leben gefüllt werden", resümiert SpectarisMann Mayer. Die Industrie habe ihre Vorstellungen klar artikuliert und stehe für einen weiteren Dialog mit der Politik bereit.

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