Ärzte Zeitung online, 11.10.2017
 

Start im Haff

AOK präsentiert eine digitale Gesundheitsakte

In die Digitalisierung des Gesundheitswesens kommt Bewegung. Die AOK startet ab November eine Gesundheitsakte.

Von Anno Fricke

AOK präsentiert eine digitale Gesundheitsakte

Die AOK startet im November eine Gesundheitsakte.

© Kobes / Fotolia

BERLIN. Ein wesentliches Hindernis für die Einführung digitaler Anwendungen im Gesundheitswesen steht vor dem Fall. Die Gesellschafterversammlung der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) hat das Zwei-Schlüssel-Prinzip für obsolet erklärt. Das hat AOK-Bundesverbandschef Martin Litsch am Dienstag bei der Vorstellung einer AOK-eigenen Gesundheitsakte in Berlin berichtet.

Das Zwei-Schlüssel-Prinzip sieht vor, dass im Zuge der Einführung elektronischer Patientenakten gesetzlich Versicherte ihre von Ärzten hinterlegten Gesundheitsdaten nur gemeinsam mit einem Arzt freischalten können sollen. Dieses vor rund 15 Jahren festgelegte Verfahren sei "rechtlich nicht mehr notwendig", sagte Litsch. Grund sei die Verabschiedung der europäischen Datenschutzgrundverordnung im kommenden Mai. Das Gesundheitsministerium hat bereits ein zweites E-Health-Gesetz angekündigt, das die neue europäische Rechtslage aufgreifen soll.

In den kommenden Monaten wird die AOK zwei digitale Gesundheitsnetzwerke aufsetzen. Damit sollen digitale Gesundheitsakten erprobt werden, über die sich medizinische Informationen und Dokumente bereitstellen und abrufen lassen. AOK-Projektleiter Christian Klose betonte bei der Vorstellung in Berlin, dass die Informationen "unkompliziert aus der Praxis- und Klinikverwaltungssoftware heraus" zur Verfügung gestellt werden sollen.

Start ist im November in Mecklenburg-Vorpommern. Teilnehmer sind das Ärztenetz "Haffnet", zwei Kliniken und rund 8000 Versicherte. Vier Anwendungen stehen in der Erprobungsphase zur Verfügung: Das Aufnahme- und Entlassmanagement, der Austausch von Dokumenten zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten, die Möglichkeit zum Hochladen eigener Dokumente wie Impfpass, Organspendeausweis oder Mutterpass sowie die Möglichkeit, selbst erhobene Gesundheitsdaten wie Gewicht, Körpertemperatur, Blutdruck und was Fitness Tracker sonst noch aufzeichnen, einzuspeisen.

Im Januar soll dann der Schritt in die Hauptstadt folgen. Gemeinsam mit der Sana Kliniken AG und Deutschlands größtem kommunalen Klinikkonzern Vivantes will das AOK-Gesundheitsnetzwerk rund 114.000 AOK-Versicherte erreichen. Dann soll die elektronische Gesundheitsakte der AOK auch einen digitalen Medikationsplan enthalten, die Bereitstellung von Labordaten durch die beteiligten Ärzte sowie die Möglichkeit zur Terminvereinbarung mit niedergelassenen Ärzten und Kliniken.

Litsch betonte, dass die AOK-Akte mit der Telematik-Infrastruktur kompatibel sein soll. Zudem sollen auch andere Kassen die Akte übernehmen können.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Investition in die Zukunft

[11.10.2017, 17:57:09]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ergänzung zum AOK-Gesundheitsnetzwerk
Das Deutschen Ärzteblatt kolportiert unter
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/81786/AOK-geht-mit-Portal-zum-Austausch-von-Gesundheitsdaten-an-den-Start
allen Ernstes:
„Wir brauchen unterschiedliche, auch regionale Lösungen, die aber natürlich miteinander kommunizieren können müssen.“ Das AOK-Gesundheitsnetzwerk sei offen für alle – Kassen, Krankenhäuser wie Kassenärztliche Vereinigungen. Von der neuen Bundesregierung fordert er [Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes] bei der Umsetzung der EU-Datenschutzverordnung Augenmaß. Die Verordnung, die bis Mai 2018 in deutsches Recht umgesetzt werden muss, müsse an die hiesigen Realitäten angepasst werden. Generell sieht Litsch die Entscheidungsstrukturen in der Gematik als gescheitert an". (Zitat Ende)

Ohne jemals demokratisch, gesundheitspolitisch und Expertise-mäßig legitimiert zu sein, versucht Martin Litsch als Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes im Spitzenverband von Körperschaften Öffentlichen Rechts, an der Bundesregierung, dem Bundesgesundheitsminister und der EU vorbei zu lavieren und politische Entscheidungen vorwegzunehmen?

Im medizinisch-diagnostischen Bereich umschreibt man so etwas mit "Egozentrik" und/oder "Selbstüberschätzung" bis zur "illusionären Verkennung" von Tatsachen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[11.10.2017, 15:45:29]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
AOK-Gesundheitsnetzwerk ohne Netz und mit doppeltem Boden?
Der Wortlaut im Deutschen Ärzteblatt: "Das AOK-Gesundheitsnetzwerk sei offen für alle – Kassen, Krankenhäuser wie Kassenärztliche Vereinigungen" vergisst die entscheidenden Akteure im GKV-Gesundheits-, Krankheitsbewältigungs- und Krankenversorgungs-System. Nämlich die Patientinnen und Patienten und uns, die Ärztinnen und Ärzte.
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/81786/AOK-geht-mit-Portal-zum-Austausch-von-Gesundheitsdaten-an-den-Start

Im Statement von Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, liest sich das so: "Das AOK-Gesundheitsnetzwerk besteht im Kern aus einer digitalen Akte. Sie soll die verschiedenen Leistungserbringer im ambulanten und stationären Bereich über die Sektorengrenzen hinweg miteinander vernetzen. Dabei stehen die Patienten im Mittelpunkt und spielen eine zentrale Rolle: Sie haben die Hoheit über ihre Daten. Das heißt, sie können ihre Gesundheitsinformationen, die von Ärzten und Kliniken bereitgestellt werden, einsehen und für andere Leistungserbringer zur Verfügung stellen. Außerdem haben sie die Möglichkeit, selbst erhobene Daten, zum Beispiel Messwerte von Wearables, im AOK-Gesundheitsnetzwerk zu speichern..."
http://www.aok-gesundheitsnetzwerk.de/04_Statement_Litsch_Gesundheitsnetzwerk_2017web.pdf
Pressekonferenz zum Start des AOK-Gesundheitsnetzwerkes AOK-Bundesverband, 10. Oktober 2017, Berlin

Bei Christian Klose, dem Projektleiter „AOK-Gesundheitsnetzwerk“, ist später davon die Rede "…der Versicherte [kann] selbst entscheiden, wem die von Ärzten und Kliniken bereitgestellten Gesundheitsinformationen zur Verfügung gestellt werden."
http://www.aok-gesundheitsnetzwerk.de/05_Statement_Klose_Gesundheitsnetzwerk_2017web.pdf

Weiter heißt es: "Die erste Ausbaustufe unserer digitalen Patientenakte, die im Rahmen des Piloten zum Einsatz kommt, wird zum Start vier konkrete Anwendungen umfassen:
• das Aufnahme- und Entlassmanagement
• den Dokumentenaustausch zwischen den beteiligten Kliniken und niedergelassenen Ärzten
• die Möglichkeit für den Patienten, eigene Dokumente wie Organspendeausweis oder
Mutterpass hochzuladen und in die Akte einzustellen sowie
• die Möglichkeit, selbst erhobene Vitaldaten aus Fitness-Trackern oder Wearables einfließen
zu lassen.
Zum Jahreswechsel geht es in einer zweiten Region los: Dann starten wir gemeinsam mit Vivantes und
Sana das AOK-Gesundheitsnetzwerk in Berlin. Bei diesem Piloten wird eine ganze Reihe von weiteren
Anwendungsszenarien zum Einsatz kommen, die wir gemeinsam mit unseren Partnern entwickelt
haben. Dazu gehören:
• ein digitaler Medikationsplan
• die Bereitstellung von Labordaten des Patienten und
• die Möglichkeit, dass der Patient mit den beteiligten Kliniken und Ärzten Termine vereinbart.
Der Schutz der Patientendaten liegt uns natürlich besonders am Herzen – deshalb ist auf Basis des
geltenden Rechtes ein eigenes Datenschutz-Konzept wissenschaftlich entwickelt worden. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die AOK keinen Zugriff auf die Daten der Versicherten hat, die am Gesundheitsnetzwerk teilnehmen…“

Soweit die Zitate. Doch finden sich keinerlei Hinweise auf den Schweigepflicht-Paragrafen 203 StGB bzw. die informationelle Selbstbestimmung, der nicht nur für Ärzte, Behörden und Einrichtungen im Gesundheits- und Krankheitswesen gelten, sondern auch und besonders für Amtsträger bei Körperschaften Öffentlichen Rechts (KÖR). Die Verschwiegenheitsplicht einfach aufzuheben ist als Entbindungserklärung von der Schweigepflicht auch nicht immer einseitig möglich, weil eine Aufhebung der Strafbarkeit nach § 203 StGB durchaus auch unabsehbare negative Konsequenzen und Rechtsfolgen haben kann.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Progesteron-Gel kann Frühgeburt vermeiden

Sinkt der Progesteronspiegel in der Schwangerschaft zu früh, verursacht das wohl eine vorzeitige Wehentätigkeit und Geburt.Einige Frauen schützt eine vaginale Hormonapplikation davor. mehr »

Statine mit antibakterieller Wirkung

Die kardiovaskuläre Prävention mit einem Statin schützt möglicherweise auch vor Staphylococcus-aureus-Bakteriämien. Das hat eine dänische Studie ergeben. mehr »

Das steht in der neuen Hausarzt-Leitlinie Multimorbidität

Die brandneue S3-Leitlinie Multimorbidität stellt den Patienten als "großes Ganzes" in den Mittelpunkt – und gibt Ärzten eine Gesprächsanleitung an die Hand. mehr »