Ärzte Zeitung online, 26.10.2016
 

Medizinstudent bloggt aus dem Op

Die Hierarchie der Aufschneider

Medizinstudent Philipp Humbsch berichtet im Blog von den Hierarchien im Op – und erklärt, warum manche Ärzte sozusagen intrinsisch keimfrei sind.

Die Hierarchie der Aufschneider

Im Operationssaal gibt es klare Hierarchien.

© Kzenon / fotolia.com

Er kommt: Der Tag, an dem sich der Medizinstudent als Famulus im Operationssaal wiederfindet. Unbekannte Gerüche nach verbranntem Fleisch, Operationen am offenen Bauch und Einblicke in den lebenden Situs, die irgendwie so gar nicht mit den gemalten Bildern aus dem Prometheus zusammen passen wollen.

Es gibt immer zwei Möglichkeiten in diesem Saal als Medizinstudent vor dem zweiten Staatsexamen zu stehen: als Famulus der Chirurgie oder der Anästhesie. Unabhängig davon muss jeder Student in eine klare Hierarchie einfügen. Die Hierarchie des Operationssaals.

Keine Hemmungen

Philipp Humbsch

© privat

Der Medizinstudent, Jahrgang 1991, pendelt für sein Studium jeden Tag 200 Kilometer von Frankfurt (Oder) nach Berlin und zurück.

Er arbeitet im Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree und außerdem als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt.

Zuoberst steht der jeweilige Operateur, der meist erst dann zum Geschehen kommt, wenn der Patient nicht nur schon gewaschen, sondern auch mit den Operationstüchern beklebt und fertig gelagert ist, meist von der Nummer zwei im Saal, seinem Assistenten.

An dritter Stelle steht die Operationsschwester, sie reicht dem Aufschneider nicht nur Skalpelle und Klemmen, sondern hat auch keine Hemmungen, neugierige Famulanten mit selbigen zu bewerfen, um sie vom ominösen sterilen Bereich fernzuhalten.

Dieser ist in seiner Ausdehnung absolut relativ ist und in Abhängigkeit von der Position in der Hierarchie. Für Anästhesiefamulanten umfasst er nicht selten den größten Teil des Saals, ausgenommen einen kleinen Zirkel um die Anästhesiemaschine.

Dreh- und Angelpunkt

Dort sitzt Nummer vier im Op-Ranking – der Anästhesist. Es soll Anästhesisten geben, die aus einer Tiefschlafphase heraus die vitalbedrohende Hypotonie des Patienten rechtzeitig entschärft haben und Bradykardien therapierten, weil sie im Traum den Rhythmus gehört haben wollen.

Aber meistens hilft beim Erwachen die Nummer fünf im Ranking: die Anästhesiepflegerin. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Anästhesiefamulatur, denn für gewöhnlich bereiten die Anästhesiepfleger den Patienten vor.

Sie legen intravenöse Zugänge und weisen den Anästhesisten schon mal gern darauf hin, dass der Famulant vor zehn Minuten gefragt hat, warum der Blutdruck nach der Propofolgabe so in den Keller rauscht, und wann der Patient Blutkonserven intraoperativ braucht.

Steril per Facharzt, sozusagen

Position sechs geht an den PJler, und der wird von der Op-Schwester genauso ins Kreuzfeuer genommen wie die Schwesternschülerin auf Position sieben, wenn sie sich dem sterilen Bereich nähert. Nur ist ihr steriler Bereich noch einmal bedeutend kleiner als der vom Famulus.

Wenn man die Hierarchie akzeptiert und sich freundlich gibt, dann kann man im Anästhesiebereich des Op-Saals unwahrscheinlich viel lernen, wie etwa die Tatsache, das chirurgische Fach- und alle Chefärzte mit bloßen Händen den Op-Tisch anfassen können, ohne dass die Op-Schwester das Skalpell zückt. Wahrscheinlich sind sie intrinsisch keimfrei, steril per Facharzt sozusagen.

[26.10.2016, 21:04:36]
Wolfgang P. Bayerl 
wie sehr schön demonstriert,
ist nicht jeder für diesen beneidenswerten Beruf geeignet :-) zum Beitrag »
[26.10.2016, 11:40:35]
Diethard Friedrich 
Hierarchie vor 60 Jahren (Auszug meiner Memoiren)
Während ich in der privaten Klinik weitaus mehr durfte als nur Hakenhalten, sah das in der Chirurgie der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf UKE völlig anders aus. Professor Zuckschwerdt war der Chef, ein über Deutschland Grenzen hinaus bekannter Chirurg. Auf der einen Seite war er zu seinen Untergebenen sehr jovial und loyal, auf der anderen Seite herrschten Machtverhältnisse wie vor einem Jahrhundert. Daneben herrschte Prof. Horatz, der den ersten Hamburger Lehrstuhl für Anästhesie innehatte und der auch nicht zimperlich mit seinen Eleven umging. Ich will es an einem Beispiel erklären, was ich so persönlich erlebt habe. Professor Z. behielt es sich vor, eigene kranke Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundsätzlich selbst zu operieren. Nun litt eine junge Krankenschwester an einer Entzündung des Wurmfortsatzes des Blinddarmes, kurz Appencitis genannt. Nachdem Prof. Horatz die zierliche Frau mit viel Brimborium ins Nirwana geschickt hatte, begann der abkommandierte Leitende Oberarzt, etwa 50 Jahre alt und selbst Professor der Chirurgie, assistiert vom zweiten Oberarzt, der auf der Gegenseite stand und unterstützt vom Stationsarzt, der zwischen den Beinen zu stehen versuchte, mit der Operation. Hoch über allem thronte ich auf einem Hocker, die große Operationslampe ständig neu justierend. Der Oberarzt setzte den typischen Hautschnitt, zerteilte fein säuberlich anatomisch korrekt die schlanke Muskulatur, hob mit einer Pinzette vorsichtig das innere Bauchfell an und öffnete dieses. Dann ging er mit dem rechten Zeigefinger in die Tiefe und lupfte vorsichtig den Dünndarm leicht heraus, um sich dann von einem an einer mittelgroßen Zange festgeklemmten, wallnussgroßen Tupfer unterstützt bis zum Übergang des Dünndarms zum Dickdarm, auch Blinddarm genannt, vorzuarbeiten. Noch eine kleine Drehung und es zeigte sich dort ein regenwurmdicker, etwa 8 cm langer, leicht gedunsener und geröteter Fortsatz, an dessen Rückseite ein kleiner, gelblich getönter Fettstreifen längst ging. Dieser Wurmfortsatz wurde nun auf dem Bauch auf einem rosettenförmig gefalteten Tuch fein präsentiert und zunächst von der OP-Schwester mit einem feuchten Tuch gegen Austrocknung geschützt. In diesem Moment lief eine weitere Hilfsschwester, auch Springer genannt, die alles genau beobachtet hatte, den rund 50 Meter langen Gang entlang zum Arbeitszimmer von Prof. Zuckschwerdt und klopfte mit dem Ruf „ Herr Professor, Sie können nun kommen“. Der gut 1.90 Meter große, kräftige Prof. machte sich darauf mit großen Schritten auf den Weg, während die Hilfsschwester versuchte, ihm im Gehen daneben trippelnd die Gummischürze umzuhängen und ihm im Laufen die Brille abnahm, sie putzte und auch wieder aufsetzte. Im Waschraum des Operationssaales angekommen, wusch sich Herr Professor nun tatsächlich selbst mit Kernseife kurz beide Hände und Arme. Dann hielt er demonstrativ beide Hände mit abgespreizten Fingern nach vorn, während eine dritte Person aus einer großen Flasche Isopropylalkohol ihm über die „goldenen Hände“ goss. Schließlich stülpte man eine Mütze über seinen Kopf und half ihm beim Einkleiden in den Operationskittel. Da ja die Hände eines Professors quasi immer „steril“ sind, war es auch nicht nötig, die sonst streng vorgeschriebene Waschzeit einzuhalten. Nun trat Prof. Zuckschwerdt auf die rechte Seite der Patientin, das heißt, er versuchte es. Denn zunächst fand das große Durchtauschen der Plätze statt. Nicht ganz einfach, denn für die drei Ersten war es schon eng genug. Nun begann die große Stunde des großen Chirurgen. Mit einer Pinzette hob er den Wurmfortsatz an, zog einen Faden durch das Fettgewebe, um durch einen Zug so gleichzeitig die dort liegende winzige Arterie, die aber manchmal viel Ärger machen kann, abzubinden. Nun setzte er zwei Klemmen an das darmnahe Ende des Wurmfortsatzes und schnitt diesen zwischen den Klemmen ab. Der verbliebene Stumpf wurde sorgfältig abgebunden und anschließend noch einmal desinfiziert. Ringsherum wurde mit feinster Nadel eine sackartige Verschlussnaht, auch Tabaksbeutelnaht bezeichnet, angelegt, mit einer Pinzette der Stumpf in die Tiefe gedrückt und die Sacknaht darüber verschlossen. Noch ein Kontrollblick und der Operateur verabschiedete sich. Die ganze oben beschriebene Prozedur dauerte keine fünf Minuten, was bei erfahrenen Operateuren ohne Komplikationen durchaus üblich ist. Den Verschluss des Bauchraumes überließ er seinen Untergebenen. Der Professor aber konnte immer behaupten, er hätte selbst und höchstpersönlich den entzündeten Wurmfortsatz entfernt. Hier in der Chirurgie sah ich sehr viel, wenn ich auch bestenfalls als dritter Assistenz den Haken halten durfte oder den wichtigen Posten des Beleuchters innehatte. Überrascht war ich doch, als ich zum ersten Mal ein ganzes amputiertes Bein in einem Tuch eingeschlagen zur benachbarten Pathologie auf meiner Schulter bringen durfte. Ich hätte nie gedacht, dass ein menschliches Bein so schwer sein kann. zum Beitrag »

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