Medizinstudent bloggt aus dem Op

Die Hierarchie der Aufschneider

Medizinstudent Philipp Humbsch berichtet im Blog von den Hierarchien im Op – und erklärt, warum manche Ärzte sozusagen intrinsisch keimfrei sind.

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Im Operationssaal gibt es klare Hierarchien.

Im Operationssaal gibt es klare Hierarchien.

© Kzenon / fotolia.com

Er kommt: Der Tag, an dem sich der Medizinstudent als Famulus im Operationssaal wiederfindet. Unbekannte Gerüche nach verbranntem Fleisch, Operationen am offenen Bauch und Einblicke in den lebenden Situs, die irgendwie so gar nicht mit den gemalten Bildern aus dem Prometheus zusammen passen wollen.

Es gibt immer zwei Möglichkeiten in diesem Saal als Medizinstudent vor dem zweiten Staatsexamen zu stehen: als Famulus der Chirurgie oder der Anästhesie. Unabhängig davon muss jeder Student in eine klare Hierarchie einfügen. Die Hierarchie des Operationssaals.

Keine Hemmungen

Philipp Humbsch

Die Hierarchie der Aufschneider

© privat

Der Medizinstudent, Jahrgang 1991, pendelt für sein Studium jeden Tag 200 Kilometer von Frankfurt (Oder) nach Berlin und zurück.

Er arbeitet im Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree und außerdem als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt.

Zuoberst steht der jeweilige Operateur, der meist erst dann zum Geschehen kommt, wenn der Patient nicht nur schon gewaschen, sondern auch mit den Operationstüchern beklebt und fertig gelagert ist, meist von der Nummer zwei im Saal, seinem Assistenten.

An dritter Stelle steht die Operationsschwester, sie reicht dem Aufschneider nicht nur Skalpelle und Klemmen, sondern hat auch keine Hemmungen, neugierige Famulanten mit selbigen zu bewerfen, um sie vom ominösen sterilen Bereich fernzuhalten.

Dieser ist in seiner Ausdehnung absolut relativ ist und in Abhängigkeit von der Position in der Hierarchie. Für Anästhesiefamulanten umfasst er nicht selten den größten Teil des Saals, ausgenommen einen kleinen Zirkel um die Anästhesiemaschine.

Dreh- und Angelpunkt

Dort sitzt Nummer vier im Op-Ranking – der Anästhesist. Es soll Anästhesisten geben, die aus einer Tiefschlafphase heraus die vitalbedrohende Hypotonie des Patienten rechtzeitig entschärft haben und Bradykardien therapierten, weil sie im Traum den Rhythmus gehört haben wollen.

Aber meistens hilft beim Erwachen die Nummer fünf im Ranking: die Anästhesiepflegerin. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der Anästhesiefamulatur, denn für gewöhnlich bereiten die Anästhesiepfleger den Patienten vor.

Sie legen intravenöse Zugänge und weisen den Anästhesisten schon mal gern darauf hin, dass der Famulant vor zehn Minuten gefragt hat, warum der Blutdruck nach der Propofolgabe so in den Keller rauscht, und wann der Patient Blutkonserven intraoperativ braucht.

Steril per Facharzt, sozusagen

Position sechs geht an den PJler, und der wird von der Op-Schwester genauso ins Kreuzfeuer genommen wie die Schwesternschülerin auf Position sieben, wenn sie sich dem sterilen Bereich nähert. Nur ist ihr steriler Bereich noch einmal bedeutend kleiner als der vom Famulus.

Wenn man die Hierarchie akzeptiert und sich freundlich gibt, dann kann man im Anästhesiebereich des Op-Saals unwahrscheinlich viel lernen, wie etwa die Tatsache, das chirurgische Fach- und alle Chefärzte mit bloßen Händen den Op-Tisch anfassen können, ohne dass die Op-Schwester das Skalpell zückt. Wahrscheinlich sind sie intrinsisch keimfrei, steril per Facharzt sozusagen.

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