Ärzte Zeitung, 28.06.2012

Ärzte anlocken - mit Geld und guten Taten

Lehren aus einer traumatischen Erfahrung: Aus der Not des Ärztemangels hat eine Klinikgruppe eine Tugend gemacht. Dort gibt es jetzt mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Selbst die Chefärzte werden umworben.

Von Ilse Schlingensiepen

Ärzte locken mit Geld und guten Taten

Leerer Klinikflur: Mit einer Kommission will ein Klinikverbund das vermeiden.

© Sergio Castelli / shutterstock

KÖLN. Ein sperriger Name, aber ein erfolgreiches Konzept: Bei einem westfälischen Klinikverbund hat die Arbeit einer "Kommission Ärztebindung" wesentlich dazu beigetragen, den personellen drastischen Aderlass zu stoppen.

Den Anstoß für die ungewöhnliche Initiative gab eine "traumatische Erfahrung", berichtete der Hauptgeschäftsführer des St. Vincenz-Krankenhauses Paderborn und des St.-Josef-Hospitals Salzkotten Dr. Josef Düllings.

Im Jahr 2009 waren in einer Abteilung eine von drei Oberarztstellen und drei von acht Assistenzarztstellen nicht besetzt.

Der Leistungsumfang der Abteilung verringerte sich notgedrungen, das hatte direkte Auswirkungen auf die Erlössituation.

"Zudem bestand die Gefahr, dass durch die steigende Belastung noch mehr Ärzte kündigen würden", sagte Düllings kürzlich auf dem 5. Westfälischen Ärztetag in Münster. Die Abwärtsspirale hätte sich weiter gedreht.

Von Abiturient bis Chefarzt, alle werden umworben

So fiel der Beschluss, die "Kommission Ärztebindung" einzurichten. "Sie hat sehr gute, wichtige Entscheidungen getroffen, weil sie die Betroffenen einbezogen hat", sagte er. Das Problem aus dem Jahr 2009 ist gelöst, die Kommission tagt aber weiter.

Sie hat für alle Gruppen von Abiturienten bis zu Chefärzten Konzepte entwickelt, mit denen die Kliniken als Arbeitgeber für Ärzte attraktiv werden und bleiben.

Die Häuser, die zusammen 780 Betten haben, präsentieren sich auf verschiedenen Informationsveranstaltungen für Abiturienten. Medizinstudierenden, deren Eltern im Kreis Paderborn leben, bieten die Kliniken Ferienjobs in der Pflegeassistenz an, die mit 1400 Euro im Monat bezahlt werden.

Die künftigen Ärzte können für 400 Euro eine Famulatur mit kostenfreier Unterbringung machen oder nach dem Physikum ein Stipendium über 400 Euro im Monat beantragen.

"Sie müssen sich verpflichten, nach dem Studium zwei Jahre bei uns zu arbeiten", sagte Düllings. Tun sie das nicht, müssen die jungen Ärzte das Stipendium als zinsloses Darlehen zurückzahlen.

Besetzungsquote liegt jetzt zwischen 95 und 99 Prozent

Studierenden im Praktischen Jahr winken in den beiden Häusern ebenfalls 400 Euro monatlich und kostenfreie Unterbringung sowie die Betreuung durch einen Mentor.

Bei Assistenzärzten wollen die Arbeitgeber neben dem "marktüblichen" Gehalt mit möglichst geregelten Arbeitszeiten und flexiblen Arbeitszeiten für Eltern punkten.

Hinzu kommen die Vergütung von Überstunden sowie Erleichterungen im Alltag wie das digitale Diktieren, regelmäßige interne Fortbildungen und die Unterstützung bei externen Weiterbildungen.

Für Fach- und Oberärzte gelten dieselben Regelungen. Sie erhalten zudem eigenständige fachliche Schwerpunkte, die sie in Qualitätszirkeln oder der Pressearbeit auch nach außen vertreten können.

Für die Kompensation erheblicher Mehrleistungen der Fach- und Oberärzte haben die Kliniken einen zusätzlichen Vergütungspool eingerichtet, berichtete Düllings. "In einem guten Jahr kann das ein 14. Monatsgehalt sein."

Die Chefärzte bleiben in dem Programm nicht außen vor. "Auch Chefärzte sind wechselgefährdet", betonte er. Die Klinikleitungen bemühten sich unter anderem, ihnen weitestgehende Gestaltungsspielräume einzuräumen und sie leistungsgerecht zu bezahlen.

Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Die beiden Krankenhäuser in der Trägerschaft der Paderborner Vinzentinerinnen haben heute Besetzungsquoten von 99 Prozent und 95 Prozent.

Neben den finanziellen Anreizen und den besseren Arbeitsbedingungen spiele der Umgang mit den Mitarbeitern eine entscheidende Rolle, sagte Düllings, der auch Präsident des Verbands der Leitenden Krankenhausdirektoren Deutschlands ist.

"Wenn der Arbeitgeber erkennbar gute Rahmenbedingungen schafft, sind die Ärzte auch bereit, sich für den Arbeitgeber einzusetzen."

[29.06.2012, 17:48:23]
Dr. Wolf - Dieter Olbrich 
Zum Totlachen!
All diese sogenannten Anreize sind doch wohl selbstverständlich. Allein schon die Tatsache, daß "möglichst geregelte Arbeitszeiten" und ein marktübliches Gehalt überhaupt erwähnt werden müssen, zeigt die miserable Behandlung der Klinikärzte. Wer chronisch unterbezahlt und chronisch durch Vakanzen überfordert ist, wird für die Maßnahmen der "Kommission Ärztebindung" allenfalls ein müdes (!) Lächeln übrig haben.  zum Beitrag »

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