Ärzte Zeitung, 16.11.2016
 

Vernetzung ist alles

Wieso die Prävention in Kinzigtal funktioniert

Von Rebekka Höhl

Wieso die Prävention in Kinzigtal funktioniert

Auch im Kinzigtal sind es eher die Frauen, die sich zum Training aufraffen. Über 60 Prozent der Trainierenden sind weiblich.

© Gesundes Kinzigtal

Wie bekommt man Versicherte dazu, Sport zu treiben und Präventionsangebote zu nutzen? Die Ideenschmiede quot;Gesundes Kinzigtalquot; hat ein eigenes Rezept parat: Alle Akteure arbeiten eng zusammen - und man schaut mit Zuversicht auf die e-Patientenakte.

HAUSACH. "Ich komme zwei Mal die Woche zum Training." – Ulrike Wust ist sichtlich zufrieden mit ihren eigenen Fortschritten. Der 76-jährigen Rentnerin machen seit Jahren Asthma und ein chronisches Rückenleiden zu schaffen. Doch davon ist kaum etwas zu sehen, wenn sie zwischen Gewichtestemmen und Laufband mal eben hin und her wechselt.

"Ich brauchte vorher regelmäßig Cortison und teure Stromwellenbehandlungen", berichtet sie. Das sei nun nicht mehr notwendig. Überhaupt benötige sie nun weniger Medikamente. Und sie spürt, dass sie zunehmend mehr Kraft bekommt.

"Wenn man so etwas sieht, geht einem als Arzt das Herz auf", sagt Dr. Arthur Feyrer. Der Orthopäde und Unfallchirurgie aus Gengenbach gehört zu der ärztlichen Projektgruppe, die den Aufbau des Trainings- und Bewegungszentrums im Versorgernetz "Gesundes Kinzigtal" mit begleitet hat.

Das Zentrum trägt den prägnanten Namen "gesund+aktiv" und ist Teil der neuen "Gesundheitswelt Kinzigtal". Letztere soll neben einem möglichst niederschwelligen Zugang zu Bewegungsangeboten und Gesundheitsseminaren gerade auch die Kommunikation zwischen Ärzten und Trainern verbessern.

Was der Arzt nicht weiß...

"Wenn ich das Muster 56 für Reha-Sport ausfülle, ist der Patient bislang erst einmal aus meiner Praxis raus. Und ich weiß nicht, ob er trainiert und welches Training er macht", so Feyrer. Deshalb war der Orthopäde auch gleich Feuer und Flamme, als das Versorgungsnetz eine ärztliche Projektgruppe für ihr neues Präventionskonzept aufgelegt hat.

Im Trainingsbereich stehen vollautomatische Geräte, die alle über einen Bildschirm verfügen und mit der individuellen Trainings-Chipkarte des Nutzers gesteuert werden. Das hat den Vorteil, dass Trainingswerte erfasst werden können und sichergestellt ist, dass sich Patienten auch beim individuellen Training nicht überfordern und gleichzeitig ihre Trainingsziele im Blick behalten.

Die Anzeige auf dem Bildschirm erinnert den Nutzer außerdem daran, wie die jeweilige Übung richtig ausgeführt wird.

Trainingswerte sollen in ePA wandern

"Das war uns sehr wichtig", berichtet Feyrer. Gemeinsam mit drei anderen Ärzten, darunter auch zwei Hausärzte, die der medizinischen Arbeitsgruppe angehören, hat er die möglichen Trainingsgeräte vor der Investition genau geprüft.

"Wir haben ja auch ein begrenztes Budget", gesteht er. Dennoch habe man sich hier – unter Berücksichtigung der betriebswirtschaftlichen Komponenten – doch auf die etwas teureren Geräte einigen können.

Wie wichtig diese Investition für die Zukunft ist, zeigt der Plan, den Feyrer und seine Kollegen eigentlich haben: Das Fernziel ist, die Trainingswelt in die elektronische Patientenakte, die es im Gesunden Kinzigtal schon gibt, zu integrieren. Feyrer: "Die Geräte können das."

So sollen dann Ärzte, aber auch Trainer auf die Daten zugreifen können. "Wir sind noch dabei, die Datenschutzfragen zu klären", berichtet Feyrer. "Das bis Ende des Jahres zu erreichen ist zwar ein hehres Ziel", räumt er ein, aber so sieht der Wunschplan aus.

Hier trainieren nicht durch die Sportlichen

Ulrike Wust fühlt sich jetzt schon gut betreut. In ein richtiges Fitnessstudio wäre sie nicht gegangen. "Das ist nicht meine Welt", sagt die Rentnerin sehr deutlich. Dabei hat sie sich vorab sogar zwei solcher Studios angesehen, weil sie unbedingt etwas für ihren Rücken tun wollte.

Was sie überzeugt hat: In der Gesundheitswelt trainieren nicht nur die Fitten, sondern tatsächlich auch diejenigen, die gesundheitlich schon etwas gebeutelt sind. "Das Durchschnittsalter bei den Trainierenden in Fitnessstudios in Deutschland liegt bei 41 Jahren, bei uns sind es 48 Jahre", berichtet Sporttherapeut Patrik Bothor. Rund 16 Prozent sind sogar über 65.

Außerdem werde in der Gesundheitswelt nach den jeweiligen Möglichkeiten und Ressourcen des Einzelnen geschaut, sagt Bothor.

Zentrum offen für alle

Seit Winter letzten Jahres sind die Türen des eigenen Trainings- und Bewegungszentrums in Hausach geöffnet. Und dies nicht nur für die Versicherten der AOK und LKK in Baden-Württemberg, die in die Integrierte Versorgung des Kinzigtals eingeschrieben sind. Das Zentrum steht allen Bürgern der Region offen.

Allerdings beteiligen sich die Krankenkassen bislang noch nicht an den Trainingskosten – es gibt höchstens Zuschüsse zu einzelnen Kursen. Ulrike Wust zahlt die 45 Euro monatlich bislang selbst. Dabei versteht die Rentnerin nicht, dass die Kasse nicht einspringt – schließlich spare sie der Versicherung dadurch, dass nun andere teure Therapien wegfallen, auch einiges an Kosten ein.

Das Trainings- und Bewegungszentrum ist nur einer der neuen Gesundheitsbausteine im Kinzigtal. Das "Gesunde Kinzigtal" hat mehr als 3,1 Millionen Euro in den Kauf und Umbau des Gebäudes investiert, das nun unter dem Namen "Gesundheitswelt Kinzigtal" zusätzlich eine Gesundheitsakademie mit Schulungsräumen und die Geschäftsstelle des Versorgungsnetzes beherbergt.

Ärzte als Seminarleiter

In der Gesundheitsakademie werden in regelmäßigen Abständen Vorträge zu Gesundheitsthemen für die Bevölkerung gehalten, etwa zum Thema Osteoporose oder gesundes Herz. Dabei bringen sich die Ärzte aus dem Netzwerk aktiv mit Vorträgen ein.

Es gebe aber auch klassische Fort- und Weiterbildungen etwa zum Konflikt- oder Stressmanagement, wie Projektleiterin Janina Stunder erläutert. Ebenfalls im Angebot sind Ernährungs- und Kochkurse – wobei die Kochkurse in externen Küchen, zum Beispiel in Schulen, abgehalten werden.

Und auch für chronisch kranke Patienten gibt es spezielle Programme. So hat das Kinzigtal INSEA-Kurse aufgelegt. INSEA steht für "Initiative für Selbstmanagement und aktives Leben". Das Selbstmanagementprogramm für Chroniker wurde an der Universität Stanford entwickelt und und evaluiert.

Derzeit laufen die Kurse, die immer von zwei Trainern – einem Angehörigen der Gesundheitsberufe und einem selbst betroffenen Patienten – geleitet werden noch innerhalb eines dreijährigen Förderprojektes. Für die Teilnehmer sind die Kurse, bei denen sie "Werkzeugkästen" für den Alltag mit der Erkrankung erarbeiten, kostenfrei. Gefördert wird das Projekt von der Robert Bosch Stiftung und der Barmer GEK.

"Zusätzlich bieten wir passgenaue Fortbildungen für Leistungserbringer", berichtet Stunder. Dazu gehören etwa das Medikationsmanagement, aber auch Qualitätszirkel. Oder das Angebot an regelmäßigen Pflichtfortbildungen für die Praxisteams – zum Beispiel zum Notfallmanagement –, die die Praxen dadurch bündeln können.

Spannend ist, dass die Akademie ab Januar auch Nichtärztliche Praxisassistentinnen (NäPA) ausbilden will. Die Zertifizierung des Kurses bei der Ärztekammer sei bereits beantragt, sagt Stunder.

Infossprechstunde zur Konzeptvermittlung

Weil aber auch die Ärzte im Kinzigtal gemerkt haben, dass der bunteste Strauß an Gesundheitsangeboten nichts bringt, wenn sich die Patienten nicht aufraffen können, haben sie sich noch etwas einfallen lassen.

Unter dem Baustein "Meine Gesundheit" bieten qualifizierte Mitarbeiter des Versorgungsnetzes oder Medizinische Fachangestellte künftig "Sprechstunden" an, bei denen sie über Gesundheitsthemen und zugehörige Angebote – nicht nur aus dem Gesunden Kinzigtal – informieren.

Die Ärzte können die Beratung über das normale Überweisungsformular verordnen. "Das haben wir bewusst so gewählt, weil der Überweisungsschein bereits in der Praxis-EDV hinterlegt ist und für die Praxen nichts Neues, also keine Mehrarbeit ist", sagt Martin Volk, Facharzt für Allgemeinmedizin in Hausach, der das neue Beratungsangebot gerade in seiner Praxis testet. Dadurch, dass auf dem Schein auch gleich die Diagnose mit drauf ist, könne das Beratungsgespräch noch besser auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.

Das Angebot ist zwar freiwillig, der Überweisungsschein bringt aber eine gewisse Verbindlichkeit. Volk: "Die Patienten sind sehr aufgeschlossen." Dabei spricht der Hausarzt natürlich gezielt diejenigen seiner Patienten an, bei denen er auch den Eindruck hat, dass er sie zusätzlich motivieren muss.

Der Termin bei der Patientenberaterin besteht dann aus einem Einführungsgespräch und einer Zielvereinbarung. Je nachdem, wie offen der Patient für die Angebote ist, werde ihm auch schon einmal eine direkte Handlungsempfehlung mit Tipps, wo man sich etwa für einen Bewegungskurs anmelde mitgegeben, sagt Petra Zimmer, Programmkoordinatorin beim Gesunden Kinzigtal.

Auch hier ist für die Zukunft laut Volk geplant, dass die Berater direkt in die elektronische Patientenakte schauen und den Gesprächsbericht dort einstellen können. Denn auch das beinhaltet das Programm: Der Arzt erhält eine Rückmeldung von dem Berater.

Die Testphase läuft seit Ende August in zwei Hausarztpraxen. Bislang wurden 17 Gespräche geführt. Finanziert werden die Gespräche derzeit allein vom "Gesunden Kinzigtal".

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