Ärzte Zeitung, 27.05.2010

Landarzt: Begleiter im gesamten Lebenszyklus

Die Diskussion um den drohenden Ärztemangel erweckt manchmal den Eindruck, als würde kein Arzt mehr Freude an der Landarzttätigkeit haben. Horst Kiehl beweist das Gegenteil.

Von Dirk Schnack

Landarzt: Begleiter im gesamten Lebenszyklus

Auch wenn es manchmal anstrengend ist, Landarzt zu sein, Horst Kiehl aus dem nordfriesischen Wester-Ohrstedt würde mit keinem Stadtkollegen tauschen. © di

WESTER-OHRSTEDT. Das Dorf in Nordfriesland hat vieles, was anderen Gemeinden in der Größenordnung um 1000 Einwohner längst abhanden gekommen ist. In Wester-Ohrstedt gibt es zwei Bankfilialen, einen Bäcker, eine Tankstelle, eine Schule und vor allem eine Arztpraxis.

Seit 27 Jahren kümmert sich Allgemeinarzt Horst Kiehl um die Gesundheit seiner Mitmenschen. Natürlich gab und gibt es Phasen, in denen er die Tätigkeit als anstrengend und das Gefühl, ständig verfügbar sein zu müssen, als belastend empfunden hat. Das aber hat in ihm nie Zweifel daran aufkommen lassen, dass seine Entscheidung für die Niederlassung in dem Dorf bei Husum richtig war. "Ich habe den Schritt nie bereut. Meine Frau und ich stammen beide von der Küste und wir wollten hierher zurück", sagt Kiehl heute.

In den Sprechzimmern seiner Einzelpraxis finden sich Bastelmodelle bekannter Schiffsmodelle, die ihm ein inzwischen verstorbener Patient geschenkt hat. Zeugnisse einer Arzt-Patienten-Beziehung, wie sie auf dem Land oft noch selbstverständlich ist. "Hinter jedem Patienten steht ein Schicksal, das man kennt", beschreibt Kiehl diese enge Verbindung."Der Doktor", wie der Facharzt für Allgemeinmedizin meist genannt wird, ist eines der bekanntesten Gesichter im Ort. Durchschnittlich 1800 Patienten behandelt er im Quartal, viele davon auf Hausbesuchen.

Wenn Kiehl über seine Tätigkeit berichtet, steht das Positive im Vordergrund. "Als Hausarzt kann und muss ich alle gesundheitlichen Probleme lösen, das geht vor der Geburt eines Kindes los und endet mit dem Tod", beschreibt er das hausärztliche Spektrum, das er abdeckt. Kiehl ist zwar in Einzelpraxis niedergelassen, aber nicht allein in seiner Region. In jede Himmelsrichtung muss man nur acht Kilometer fahren, um eine weitere Praxis zu finden. Im Westen liegt die Kreisstadt Husum, wo viele Kollegen praktizieren und ein Krankenhaus ihm die Möglichkeit gibt, bei Bedarf schnell einweisen zu können. Die Infrastruktur in seiner Umgebung ist also noch intakt - weshalb Weshalb Kiehl auch optimistisch ist, seinen Patienten in einigen Jahren eine gesicherte Nachfolge für seine Praxis präsentieren zu können.

Der wird sich seine Patienten dann voraussichtlich genauso wie Kiehl erziehen. Er selbst hat die 1983 von seinem Vorgänger übernommene Praxis im kombinierten Wohn-Praxisgebäude umgebaut und das Grundstück mit einer Hecke versehen. Das war nötig, weil die Menschen im Dorf es noch gewohnt waren, zu jeder Tageszeit "beim Doktor" anklopfen zu können. Kiehl stellte schnell fest, dass die meisten gesundheitlichen Probleme, die dabei angesprochen wurden, auch in der Sprechstunde abgeklärt werden können. Seine Patienten fingen an, sich damit abzufinden, dass sie diese Zeiten einzuhalten haben und nur in Notfällen sein Dienst-Handy anrufen. "Das wird von den Menschen inzwischen akzeptiert", sagt Kiehl.

Dennoch verhehlt er nicht, dass die Jahrzehnte als Landarzt anstrengend sind. Zum einen wegen der großen Verantwortung - "jeder übersehene Herzinfarkt ist einer zu viel". Und nach Todesfällen fühlt sich Kiehl verpflichtet, seelischen Beistand zu geben. Auch er selbst kann dann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Jeder unvorhergesehene Zwischenfall aber führt zugleich dazu, dass die Praxis stillsteht, auch wenn das Wartezimmer voll ist. Zum anderen wegen der vielen Dienste. Besonders die Jahre vor der Notdienstreform in Schleswig-Holstein haben auch bei Kiehl ihre Spuren hinterlassen.

Der Landarzt, der in seiner Praxis eine Voll-, zwei Teilzeitkräfte und eine Auszubildende beschäftigt, ist sicher, dass er die Arbeit in dieser Form ohne die Unterstützung seiner Frau kaum durchgehalten hätte. Die Lehrerin hat neben der Erziehung der drei Kinder auch im Hintergrund geholfen, die Praxisorganisation zu bewältigen. Die immense Arbeitsbelastung durch die Praxis ist denn auch einer der wenigen Kritikpunkte Kiehls an der Landarzttätigkeit. Es gab Zeiten, als er sich von einer Arzthelferin auf Hausbesuche fahren ließ, obwohl er selbst auf Krücken angewiesen war. Auch die Rahmenbedingungen haben sich nicht gebessert.Doch diese Zeiten kommen nicht wieder, genauso wie die vielen Dienste im Notdienst vor der Reform. Die haben mit dazu beigetragen, dass sich bei seinem inzwischen erwachsenen Nachwuchs die Wahrnehmung des stets arbeitenden Vaters fest verankert hat. Bis heute lebt er von einem Quartal zum Nächsten, die Einnahmen differieren immer, eine langfristige Planung von Investitionen fällt schwer. "So lange sich die Honorierung der Landärzte auf einer der untersten Stufen befindet, nützen alle blauäugigen Vorschläge wie Landpraxispflicht oder mehr Studenten nichts."

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