Ärzte Zeitung, 18.05.2011

Hochrisikoprojekt: Hausarzt auf dem Land

Zwei Jahre war die Praxis in Wenholthausen im Sauerland verwaist. Seit diesem Quartal hat das Dorf und damit die gesamte Region wieder einen Arzt: Martin Thöne wagte den Neuanfang bei Null.

Von Kerstin Mitternacht

Hochrisikoprojekt: Hausarzt auf dem Land

Das Dorf Wenholthausen im Hochsauerland hat seit April wieder einen Hausarzt.

© Klaro

WENHOLTHAUSEN. In den ersten Tagen nach dem Umzug hat Landarzt Martin Thöne wenig geschlafen. Neben der Sorge um die gute und richtige Versorgung seiner Patienten kam die wirtschaftliche Sorge und die Frage: Erreichen wir ad hoc die kalkulierte Mindestfallzahl?

Denn eine Anlaufphase mit Aussetzung der Fallzahlzuwachsbegrenzung ist laut Kassenärztlicher Vereinigung nur für Jungärzte vorgesehen, die noch nicht niedergelassen waren. Der 47-Jährige Martin Thöne war jedoch zuvor 15 Jahre in einer mittelgroßen Stadt im Sauerland niedergelassen.

Daher hat seine Praxis diese Karenzzeit nicht. "Wir müssen also aus dem Stand wirtschaftlich sein, damit uns die unselige Fallzahlzuwachsbegrenzung nicht die kommenden Jahre wirtschaftlich ruiniert", sagt Thöne.

Ebenso nicht zu unterschätzen sei die Regressgefahr: "Wenig Patienten, heißt auch wenig Verdünnerscheine und da man auf dem Land Allrounder sein muss, tappt man da sehr leicht in die Regressfalle." Dies sei übrigens einer der wichtigsten Gründe, warum junge Ärzte das Niederlassungsrisiko scheuen, meint Thöne.

Trotz des wirtschaftlichen Risikos hat sich der Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren für die Herausforderung entschieden. Überzeugt habe ihn das Engagement des Dorfes, so Thöne. Zwei Jahre stand die Praxis im Dorf leer.

Der Ort hat sich nicht nur einen Arzt gewünscht, sondern hat dafür einiges in Bewegung gesetzt: Funk, Fernsehen, Internet, Flyer, ein riesiges Plakat an der Hauptstraße.

"Durch das Plakat bin ich das erste Mal auf die Arztsuche aufmerksam geworden, durch Flyer ein zweites Mal. Zudem hat mich die Unerschütterlichkeit aller Beteiligten, es entgegen jede wirtschaftliche Vernunft angesichts des engen Kassenarztkorsetts weiter zu versuchen, beeindruckt", erzählt Thöne.

Hochrisikoprojekt: Hausarzt auf dem Land

Landarzt Martin Thöne behandelt die ersten Patienten in seiner Praxis.

© Klaro

Bevor Thöne sich entschieden hat, hat er das Projekt über Monate aus der Ferne begleitet und viele Misserfolge des Dorfes mitverfolgt. "Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste und nach ausgiebiger Diskussion mit meiner Familie haben wir uns für dieses wirtschaftliche Hochrisikoprojekt entschieden."

Damit sich Thöne in Wenholthausen, mit seinen etwa 1600 Einwohnern, halten kann, muss die Bevölkerung die Praxis mittragen. "Wir haben eine kalkulierte wirtschaftliche Mindestgröße von 700 Patienten im Quartal für die Berechnung zugrunde gelegt. Momentan sind wir noch weit unter Soll", sagt Thöne.

Aus diesem Grund informiert er von Anfang an seine Patienten auch über die wirtschaftliche Seite einer Arztpraxis: über die Fallzahlen, die Kalkulationen, die Regressandrohungen. Thöne: "Dass es so schwierig und bedrohlich ist, heute in Deutschland Hausarzt zu sein, das haben sich die wenigsten meiner Patienten so vorgestellt."

Angenehm überrascht waren Thöne und seine Mitarbeiterinnen von der freundlichen, bodenständigen und oft bescheidenen Art der Menschen. "Ich spüre täglich, wie sehr die Menschen sich freuen, und auf einen Arzt gewartet haben."

Martin Thöne ist gerne Landarzt im Sauerland. "Ich bin und war immer Sauerländer", erzählt er. "Ich fahre jeden Tag eine halbe Stunde durch eine der schönsten Regionen des Sauerlandes zur Arbeit oder zu Hausbesuchen. Bis auf die Tempoblitzer an der Straße genieße ich die Fahrt." Täglich eine halbe Stunde von Köln-Nord nach Köln-Süd mit dem Auto fahren zu müssen, das wäre Stress. Hier sei schon die Fahrt eine Erholung.

"Man spricht von der Notwendigkeit zur Entschleunigung, um das Heer der stresskranken Menschen zu behandeln - hier geht das!" Die seelischen Vorteile überwiegen gegenüber den scheinbar mangelnden Bequemlichkeiten eines Dorfes. Thöne ist zuversichtlich, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, die Praxis auf dem Land zu übernehmen.

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