Ärzte Zeitung, 30.04.2012

Arztpraxis mit Solarantrieb

Die Praxis für Strahlentherapie in Singen ist Vorreiter in Sachen Solarstrom: In Spitzenzeiten können über die Solaranlage auf dem Dach bis zu 550 Kilowatt pro Tag produziert werden - genug um drei Linearbeschleuniger und ein CT zu betreiben.

Von Kerstin Mitternacht

An sonnenreichen Tagen reicht es für die ganze Praxis

Die 400 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach der Praxis für Strahlentherapie liefert etwa 30 Prozent der benötigten Energie.

© Praxis für Strahlentherapie Singen-Friedrichshafen (2)

SINGEN. Die Stadt Singen am Hohentwiel gehört mit über 2000 Sonnenstunden im Jahr zu den Top 10 der sonnenreichsten Orte Deutschlands. Genau diesen Effekt hat sich die Gemeinschaftspraxis für Strahlentherapie am Hegau-Klinikum zunutzen gemacht.

Auf dem Dach befindet sich eine etwa 400 Quadratmeter große Solaranlage, die Sonnenlicht in Elektrizität umwandelt. Damit kann an sonnenreichen Tagen die gesamte Praxis mit Energie versorgt werden.

Und davon benötigt die Strahlentherapie-Praxis, mit ihren zwei Linearbeschleunigern und einem CT, einiges.

An sonnenreichen Tagen reicht es für die ganze Praxis

Holger Wirtz, technischer Leiter und Medizinphysiker, hatte die Idee, die Praxis auf Solarenergie umzustellen.

Im Jahr werden etwa 30 Prozent der benötigten Energie der Praxis mit Sonnenenergie abgedeckt. In Spitzenzeiten, wenn die Sonne scheint, können 550 Kilowatt pro Tag (das entspricht einem Siebtel des Ganzjahresverbrauchs eines Einfamilienhauses) erzeugt werden, das reicht um den Praxisbedarf abzudecken.

"Bei schlechtem Wetter oder in den Wintermonaten müssen wir Energie aus dem Stromnetz dazu kaufen", sagt Holger Wirtz, technischer Leiter und Medizinphysiker, der die Solarpraxis von Anfang an mit aufgebaut hat.

Verbrauch eines PKW eingespart

Die Module auf dem Dach sind aber so dimensioniert, dass sie auch Energie produzieren, wenn wenig Sonne scheint, berichtet Wirtz. Und nicht nur Energie wird eingespart, sondern auch der CO2-Ausstoß ist geringer.

"Wir sparen 36 Tonnen CO2 im Jahr ein", sagt Wirtz. Das entspricht etwa dem Verbrauch eines Mittelklasse-PKWs bei 80.000 Kilometern.

Die Zweigpraxis in Friedrichshafen kann sich leider nicht selbst mit Solarstrom versorgen. "Dazu steht sie zu ungünstig zwischen zwei hohen Häusern", sagt der technische Leiter.

"Am Anfang musste ich die Ärzte überzeugen, dass Solarmodule für unsere Praxis sinnvoll sind und das Thema wurde anfangs auch kontrovers diskutiert. Überzeugt hat dann aber schließlich, das mit der Sonnenenergie sich die Hälfte an monatlichen Stromkosten einsparen lassen."

Vor allem die beiden Linearbeschleuniger verbrauchen im Betrieb viel Energie. Während der Bestrahlung, die etwa 90 Sekunden dauert, werden Spitzenwerte von 18 Kilowatt pro Stunde benötigt.

"Zum Vergleich, vier Herdplatten benötigen etwa zwischen 10 und 14 Kilowatt bei voller Leistung in der Stunde", erklärt Wirtz. Diese Spitzenwerte können bei Sonnenschein von den Solarmodulen abgedeckt werden. Das senkt auch für die ganze Region die Energielast.

Erster Nachahmer haben sich gefunden

Ein Vorteil der beiden Linearbeschleuniger ist, dass sie am Abend abgeschaltet werden können und im Stand-By-Modus nur sehr wenig Energie benötigen, so Wirtz. Pro Gerät können am Tag etwa 50 bis 60 Patienten bestrahlt werden.

"Wir rechnen mit zehn Minuten pro Patient", berichtet Anke Marx, leitende Medizintechnische Assistentin (MTA) in der Gemeinschaftspraxis in Singen.

Die Bestrahlung läuft komplett digital ab. Eine Medizinisch Technische Fachangestellte bereitet den Patienten auf die Bestrahlung vor. Die Position für die Bestrahlung und die Einstelldaten der Therapiegeräte werden dann digital vom PC an den Linearbeschleuniger übertragen.

Praxismitarbeiter und Patienten sind begeistert, dass die Praxis Sonnenenergie nutzt. Und es gibt auch schon die ersten Nachahmer, erzählt Wirtz: "Eine Laborgemeinschaft aus der Region hat schon mit Photovoltaik nachgezogen."

Wirtz ist davon überzeugt, dass gerade auch bei einer kleinen Arztpraxis die Energie mit Solarplatten auf dem Dach komplett abgedeckt werden kann.

In der Gemeinschaftspraxis wird aber nicht nur Sonnenenergie genutzt, sondern auch sonst auf eine ökologische und ökonomische Arbeitsweise geachtet. So stellen sich zum Beispiel Heizung und Klimaanlage automatisch ab, wenn ein Fenster geöffnet wird.

Sparen bei der IT

Energiesparen lässt sich aber auch schon beim Kauf von PCs. So wird gerade ein Zero-Watt-PC in der Praxis getestet. Und auch bei den Servern hat Medizinphysiker Wirtz auf einen geringen Energieverbrauch geachtet, der sich auch durch das Reduzieren der "energiefressenden" Netzteile noch einmal verringert hat.

"Wir versuchen bei allen Geräten Energie zu sparen und die Abläufe in der Praxis optimal zu gestalten." So gibt es in einigen Räumen Bewegungsmelder, damit nicht den ganzen Tag das Licht brennt.

Bei Geräten, die nicht ausgeschaltet werden können, etwa dem CT, wird die Wärme die das Gerät ständig produziert, genutzt, um das Brauchwasser in der Praxis zu erwärmen.

Wenn am Abend die Sonne hinter dem Hohentwiel untergegangen ist und der letzte Mitarbeiter die Praxis verlassen hat, wird der Energieverbrauch der Praxis abgesenkt und alle Steckdosen schalten sich automatisch aus.

"So wird keine Energie verschwendet, wenn sie nicht auch gebraucht wird", sagt Wirtz.

Praxis für Strahlentherapie in Singen und Friedrichshafen

Die Gemeinschaftspraxis Singen-Friedrichshafen besteht seit 2006, seit 2011 mit Solarfeld auf dem Dach.

Praxisteam: Dr. Susanne Bartelt, Dr. Stephan Hennings, Prof. Johannes Lutterbach (Ärzteteam Singen); Dr. Mari Björnsgard und Dr. Ursula Reichmann (Ärzteteam Friedrichshafen), vier Medizinphysiker, ein Azubi (MedizinPhysik) zehn Medizinisch-Technische-Fachangestellte, vier Schreibkräfte

Patientenzahlen: In der Praxis für Strahlentherapie werden 150 bis 200 Patienten am Tag an beiden Standorten behandelt (an drei medizinischen Linearbeschleunigern).

Eckdaten zur Solarenergie: Kosten ca. 140.000 Euro für Anlage, Planung und Installation, 432 Quadratmeter Solaranlage, In neun Monaten hat die Praxis 17,5 Megawatt erzeugt und dabei 12,3 Tonnen CO2 vermieden. Das entspricht etwa dem Jahresverbrauch von fünf Einfamilienhäusern. Die Prognose für ein Jahr liegt bei etwa 26 MegaWatt. Der Verbrauch der Linearbeschleuniger liegt mit 144.000 Kilowatt pro Jahr (ca. 40 mal höher als der Verbrauch eines Einfamilienhauses).

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