Ärzte Zeitung online, 22.11.2013
 

Tochter geht vor

Sprechstunde mit Baby im Gurt

Die angestellte Orthopädin Kirsten Thöm wagt den Spagat zwischen Praxis und Kinderbetreuung. Schnell wird Tochter Ida-Marie zum festen Bestandteil im Praxisalltag.

Von Dirk Schnack

Sprechstunde mit Baby im Gurt

Powerfrauen: Orthopädin Kirsten Thöm und Tochter Ida-Marie lassen sich im Praxisalltag nicht aus der Ruhe bringen.

© Dirk Schnack

PINNEBERG. Wer sich in der ambulanten ärztlichen Versorgung etablieren will und als "die Verrückte mit Kind" bekannt wird, hat nicht die besten Startvoraussetzungen.

Im Fall von Kirsten Thöm war die Bezeichnung aber positiv gemeint - und der Patientenandrang gibt der Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie Recht.

Das MVZ der Regio-Kliniken in Pinneberg, in dem Thöm angestellt ist, konnte seine Fallzahl um ein Viertel steigern - und das in einem Quartal, in dem Thöms gerade geborene Tochter Ida-Marie ganztags in der Praxis mitbetreut wurde.

Klinikkarriere programmiert?

"Frauen müssen besser sein als Männer, um das Gleiche zu erreichen": dies hat Kirsten Thöm von klein auf verinnerlicht. Sie schließt ihr Studium schneller ab als der Durchschnitt ab und ist trotzdem unter den besten zehn Prozent ihres Jahrgangs.

In der Weiterbildung hält sie in einem Fach mit, das noch immer mehrheitlich Männer wählen.

Um bei anstrengenden Operationen Männern nicht körperlich unterlegen zu sein, legt sie zusätzliche Schichten im Fitnessraum ein.

Ihre Chefs honorieren ihren Einsatzwillen und fördern die junge Frau, die ohnehin nicht an mangelndem Selbstbewusstsein leidet: "Ich bin gut", weiß die Ärztin, für die nach der Weiterbildung in einem Haus der Maximalversorgung alles für eine Klinikkarriere bereitet ist.

Thöm aber hat keine Lust mehr auf die vielen Nachtdienste, will weniger Wochenenden opfern und auch mal Freizeit genießen.

Aufhebungsvertrag angeboten

Deshalb bewirbt sie sich 2012 auf eine Stelle im MVZ der Regio-Kliniken in Pinneberg. Familienplanung spielt zu diesem Zeitpunkt keine Rolle.

Nach der Unterschrift wird sie schwanger. Ihrem neuen Arbeitgeber bietet sie sofort einen Aufhebungsvertrag an - wissend, dass ihr alter Arbeitgeber sie auch mit drei Kindern gerne behalten würde.

Die Regio-Kliniken wollen sie auch - nicht ahnend, dass Thöm trotz Schwangerschaft und Geburt beruflich weiter Vollgas gibt.

Mitte Mai beginnt sie, schon mit sichtbarem Schwangerschaftsbauch, ihren Dienst im Pinneberger MVZ. Bis kurz vor der Geburt ihrer Tochter arbeitet sie ganztags in der Sprechstunde.

Das Baby ist in der Sprechstunde dabei

Und unmittelbar nach dem Mutterschutz steht sie wieder in der Praxis - jetzt mit der drei Monate alten Ida-Marie, Bauchgurt und Babynahrung.

"Das war mit dem Arbeitgeber und meinem Praxisteam abgesprochen. Und keiner von uns hat es bereut", sagt Kirsten Thöm.

Sie arbeitet zwar ganztags, hat ihre Tochter aber immer in unmittelbarer Nähe. Mal auf der Krabbeldecke in der Obhut ihrer Praxisangestellten, mal im Bauchgurt während des Patientengesprächs.

Thöm ist nicht etwa so schnell zurückgekommen, weil sie sonst berufliche Nachteile befürchtet, sondern schlicht, weil sie gerne arbeitet. "Ich liebe meinen Beruf. Zu Hause langweile ich mich schnell", sagt die Ärztin.

Zugleich ist ihr bewusst, dass die schnelle Rückkehr zur Arbeit ihr auch einige Abschnitte mit dem Kind raubt: Wenn andere Mütter etwa über ihre Erlebnisse beim Babyschwimmen berichten, kann sie nur zuhören.

"Ida geht immer vor"

Die Patienten sind begeistert von der Kleinen, die im Praxisumfeld Urvertrauen entwickelt und auf positive Resonanz stößt. Das Praxisteam um Petra Lietzke, Heike Timm und Andrea Badermann wird für das Mädchen schnell zur zweiten Familie.

"Ida geht immer vor. Das wissen und akzeptieren die Patienten", sagt die 34-jährige Mutter über ihre Erfahrungen mit Kleinkind in der Praxis.

Inzwischen müssen Patienten und Praxisteam ohne die Kleine auskommen, weil Thöm für ihre Tochter seit Ende August einen Betreuungsplatz in Pinneberg gefunden hat.

Die Erfahrungen aber waren für alle Beteiligten so positiv, dass die Ärztin sich jetzt schon festlegt: "Das Ida-Experiment ist gelungen. Ein zweites Kind würde ich die ersten Monate wieder genauso in die Praxis mitnehmen."

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