Multiple Sklerose

Alkohol als Immunbremse?

Viel Alkohol ist bekanntlich nicht gesund. Er könnte aber möglicherweise einer Multiplen Sklerose vorbeugen, glaubt man zumindest zwei Fall-Kontroll-Studien. Doch die Hypothese steht auf tönernen Füßen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Ein Sektchen in Ehren ...?

Ein Sektchen in Ehren ...?

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STOCKHOLM. Wer morgens mit einem Kater aufwacht, hat seinen Hirnzellen garantiert nichts Gutes getan. Ein Trost könnte aber immerhin sein, dass häufiges Über-den-Durst-Trinken das Immunsystem bremst und somit das MS-Risiko senkt. Das wäre zumindest eine Erklärung für die Ergebnisse zweier schwedischer Fall-Kontroll-Studien. Allerdings sollte man diese Ergebnisse ebenso mit Vorsicht genießen wie eine gute Flasche Wein.

Ein Team um Dr. Anna Karin Hedström vom Karolinska-Institut in Stockholm hatte Daten von zwei Fall-Kontroll-Studien zu MS mit Blick auf den Alkoholkonsum ausgewertet (JAMA Neurol 2014; online 6. Januar).

Für die "Epidemiological Investigation of Multiple Sclerosis" (EIMS) konnten 745 MS-Patienten kurz nach der Diagnose und 1761 gleichalte gesunde Kontrollpersonen gewonnen werden, an der Studie "Genes and Environment in Multiple Sclerosis" (GEMS) nahmen knapp 5900 frisch diagnostizierte MS-Patienten und rund 5200 gesunde Kontrollpersonen teil.

Erkrankte und Kontrollen wurden per Fragebogen unter anderem nach ihren Ess- und Trinkgewohnheiten befragt. In EIMS wurde das Trinkverhalten in den vergangenen fünf Jahren ermittelt. Das Team um Hedström berücksichtigte dabei nur Teilnehmer, bei denen die Gewohnheiten konstant geblieben sind. In GEMS mussten sich die Teilnehmer möglichst exakt an den Alkoholkonsum zu unterschiedlichen Phasen in ihrem Leben erinnern.

MS-Risiko um bis zu 50 Prozent reduziert

Zunächst schauten sich die Forscher die Rate der Abstinenzler bei den Erkrankten und den Kontrollen an. Hierbei gab es jedoch keine signifikanten Unterschiede. Diese zeigten sich lediglich bei den Teilnehmern, die moderat bis viel Alkohol konsumierten.

Als moderater Konsum galten bei Männern ein bis zwei Liter Wein oder fünf bis zehn Flaschen Bier pro Woche, bei Frauen etwa die Hälfte. Als hoher Konsum galt entsprechend alles, was darüber lag. In EIMS lag der Anteil solcher Vieltrinker unter den Männern bei 9,6 Prozent unter den Kontrollen, bei den MS-Patienten jedoch nur bei 7,5 Prozent. Ein ähnliches Bild ergab sich bei den Frauen (9,1 versus 7,6 Prozent).

Vergleichbare Unterschiede traten auch in der GEMS-Studie zutage. Daraus berechneten die Forscher unter Berücksichtigung weiterer Risikofaktoren ein 30 bis 50 Prozent reduziertes MS-Risiko für Männer mit hohem Alkoholkonsum sowie ein 30 bis 40 Prozent reduziertes Risiko für viel trinkende Frauen - jeweils im Vergleich zu Abstinenzlern.

Für Menschen mit mäßigem Alkoholkonsum ergibt sich nach diesen Berechnungen nur noch eine Risikoreduktion um 20 bis 30 Prozent, bei geringem Konsum um 0 bis 20 Prozent, sodass ein Dosiseffekt erkennbar ist: Je mehr Alkohol jemand trinkt, so könnte man annehmen, umso geringer ist sein MS-Risiko.

Verzerrtes Ergebnis durch falsche Angaben?

Allerdings erlauben Fall-Kontroll-Studien generell keine Aussagen zu Ursache-Wirkungsbeziehungen. Sollten MS-Patienten in der Vergangenheit tatsächlich im Schnitt etwas weniger Alkohol getrunken haben als Gesunde, heißt das noch lange nicht, dass sie deswegen MS bekommen haben.

Vielleicht treten bei ihnen bestimmte Verhaltensweisen und Lebensstilfaktoren, die mit einem geringeren Alkoholgenuss einhergehen, häufiger auf. Vielleicht vertragen sie aufgrund genetischer Faktoren auch weniger Alkohol und meiden daher einen übermäßigen Konsum.

Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass MS-Kranke nach der Diagnose ihren Alkoholkonsum reduzieren und daher auch ihren Konsum in der Vergangenheit viel niedriger einschätzen als er tatsächlich war. Schließlich fällt es den meisten Menschen schon schwer, realistische Angaben zum aktuellen Alkoholkonsum zu machen, geschweige denn, zum Konsum in der Vergangenheit.

Aus subjektiv gefärbten Angaben zum Alkoholkonsum vor vielen Jahren sollte man also keine Hypothesen oder gar Empfehlungen schmieden. Besser wären schon prospektive Kohortenstudien, die über viele Jahre hinweg immer wieder die aktuellen Trinkgewohnheiten ermitteln.

In einer solchen bereits veröffentlichten Kohortenstudie war dann auch kein Zusammenhang mehr zwischen Alkoholkonsum und MS-Inzidenz zu beobachten. Die Hoffnung, dass ein gelegentlicher Rausch vor MS schützt, könnte folglich sehr trügerisch sein.

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