HINTERGRUND

Alkohol ist das schlimmste Gift für Ungeborene: Für geschädigte Kinder gibt es kaum Therapien

Von Helga Brettschneider Veröffentlicht:

"Die größte Gefahr für die Entwicklung eines ungeborenen Babys liegt heute weder in Medikamenten noch Drogen oder Umweltgiften, sondern im Alkoholkonsum der Mutter." Das betont die Stiftung Kindergesundheit aus München. Nach ihren Angaben kommen in Deutschland pro Jahr etwa 2200 Kinder alkoholgeschädigt zur Welt und damit mehr als doppelt so viele wie Kinder mit Down-Syndrom. Die Stiftung appelliert an Ärzte, Schwangere noch stärker als bisher zu motivieren, auf Alkohol zu verzichten. Denn schon kleinste Mengen Alkohol können Ungeborenen schaden.

Den Effekt von geringen Alkoholmengen haben britische Forscher aus Bristol in einer Studie mit über 9000 jungen Müttern und ihren Kindern untersucht. 44 Prozent der Mütter tranken während der Schwangerschaft gar keinen Alkohol, 40 Prozent weniger als ein Glas und 16 Prozent mehr als ein Glas pro Woche. Die im Alter von vier, sieben und neun Jahren nachuntersuchten Kinder wurden auf Verhaltensauffälligkeiten geprüft. Das überraschende Ergebnis: Vor allem viele Mädchen unter den untersuchten Kindern hatten schon bei einem Glas Bier oder Wein in der Woche zwar leichte aber anhaltend negative Folgen in ihrer Entwicklung.

Die meisten Betroffenen sind äußerlich unauffällig

Schwere Schädigungen werden als fetales Alkoholsyndrom (FAS) bezeichnet. Sichtbare Kennzeichen gibt es dabei eher selten, etwa bei Kindern chronisch alkoholkranker Frauen. Dazu gehören Minderwuchs, Untergewicht, abgeflachtes Mittelgesicht mit kurzem, breitem Nasenrücken und großer Augenabstand. Trinken werdende Mütter nur relativ kleine Mengen Alkohol, sind ihre Kinder körperlich oft nicht auffällig. Trotzdem können sie hirnorganische Schäden haben, wie Dr. Reinhold Feldmann von der Uniklinik Münster zur "Ärzte Zeitung" gesagt hat. Der Psychologe und Psychotherapeut hat schon über 800 Kinder mit FAS in Deutschland betreut. FAS-Kinder haben zum Beispiel Probleme mit Gedächtnis, Konzentration und Verhalten. In einer Stichprobe hatten sie einen mittleren Intelligenz-Quotienten von 75 Punkten (Normal sind 85 bis 115).

"Die Kinder verstehen oft ab-strakte Dinge nicht", sagt Feldmann. Das schlechte Gedächtnis macht die Schule zum Kraftakt. So besuchte von 135 Kindern jedes zweite die Förderschule, kein einziges machte Abitur. Wissen aufeinander aufzubauen fällt ihnen besonders schwer. Wenn sie Neues lernen, überlagert es das zuvor Gelernte - es verschwindet einfach. Die Merkfähigkeit kann von Tag zu Tag extrem variieren. Eltern und Lehrer fühlen sich daher oft gefoppt, wenn ein Kind eine Aufgabe nicht lösen kann, die es gestern noch beherrscht hat. Betroffene können zudem oft Regeln nicht einhalten, weil sie sie immer wieder vergessen. "Es gibt Kinder mit FAS, die morgens ins Bad gehen und ratlos ihre Eltern fragen: Was soll ich hier tun?", berichtet Feldmann.

Andere verirren sich auf dem gewohnten Schulweg. Emotionale Auffälligkeiten und Verhaltensprobleme belasten die Familien - oft sind es Pflegefamilien - schwer. So entwickeln die Kinder kein Gefahrenbewusstsein und sind im Straßenverkehr gefährdet. Riskant ist auch das fehlende Misstrauen Fremden gegenüber. Die meisten FAS-Kinder sind zudem sehr aktiv, unruhig, leicht ablenkbar und stören oft den Unterricht. Häufigste Fehldiagnose ist deshalb Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Kinder mit ADHS können aber im Gegensatz zu FAS-Kindern Lernen und Konzentration trainieren. Zudem verstehen ADHS-Kinder soziale Situationen. FAS-Kindern dagegen fällt es enorm schwer, zu erkennen, ob ihr Gegenüber traurig ist und ob das an ihnen liegt.

Die Kinder sind naiv und arglos und werden oft ausgenutzt

Dabei sind FAS-Kinder meist hilfsbereit, freundlich, naiv und verleitbar. Sie verstehen nicht, wenn sie ausgenutzt werden, sagt Feldmann: "Wenn andere Kinder einem FAS-Kind sagen ,Wenn du unser Freund sein willst, musst du für uns Zigaretten klauen‘, dann macht es das. Ohne zu erkennen, dass es das nicht darf." Die naive Freundlichkeit erhöht später auch die Gefahr, missbraucht zu werden: Von 60 FAS-Patienten bis zum Alter von 25 Jahren waren in einer Studie 70 Prozent bereits vergewaltigt oder sexuell ausgebeutet worden.

Die Möglichkeiten der Therapie sind begrenzt: Einige Kinder profitieren von Ergotherapie oder Logopädie. ADHS-Präparate wie Methylphenidat können bei hochaktiven Kindern die Konzentration bessern, aber nicht normalisieren. FAS-Kinder müssen daher umfassend betreut werden. Bei Erwachsenen kann eine vollstationäre Einrichtung und die Arbeit in einer betreuten Werkstätte sinnvoll sein. Denn selbst die Körperpflege muss oft angeleitet werden. "Im Wesentlichen", sagt Feldmann, "müssen die Patienten geschützt werden: vor sich selbst, ihrer Naivität und vor anderen, die das ausnutzen."

Hilfe für betroffene Familien

Familien, die ein Kind mit FAS betreuen, können an folgende Adressen weitervermittelt werden:

  • Dr. Reinhold Feldmann, Sozialpädiatrisches Zentrum, Uniklinikum Münster, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Albert-Schweitzer-Str. 33, 48149 Münster, Tel.: 0251 / 83 -485 18, Fax: -495 94, E-Mail: feldrei@uni-muenster.de
  • Ev. Verein Sonnenhof e.V., Beratungsstelle für alkohol- geschädigte Kinder, Neuendorfer Straße 60, 13585 Berlin, Tel.: 030/33 505-273, Fax -562, E-Mail: fasd-beratung@hotmail.de
  • Im Internet: www.fasworld.de www.faskinder.de, www.fasd-beratung.de, www.nacoa.de
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Urteil zur Substitutionsbehandlung

Methadon-Praxis darf nicht beliebig erweitert werden

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

© Matt LaVigne | iStock

Neue in-vitro-Daten

DMykG 2025: So dringt Bifonazol effektiv in die Nagelplatte ein

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

© Irina Esau | Getty Images/iStockphoto

Fokus: Integrität der Haut

Bifonazol: Antimykotikum mit antientzündlicher Wirkung

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

© Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Tietz

Pilzinfektion Kopfhaut

Die Bedeutung von Bifonazol in der Therapie der Tinea capitis

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Wirksamkeit in der klinischen Praxis von Brivaracetam über 12 Monate (alle Formen fokaler Anfälle)d

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Zusatzbehandlung fokaler Epilepsien

Effektivere Anfallskontrolle in der Kombinationstherapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: UCB Pharma GmbH, Monheim
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München

Chronisch kranke Kinder

Mangelernährung frühzeitig erkennen und konsequent angehen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Danone Deutschland GmbH, Frankfurt/Main
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
 Shabnam Fahimi-Weber

© Jochen Tack

Einsatz im Kriegsgebiet

Essener HNO-Ärztin hilft Menschen im Iran via Telemedizin

Endoskopische Auffälligkeiten bei der Colitis ulcerosa

© Gastrolab / Science Photo Library

Interview

Das ist neu in der S3-Leitlinie Colitis ulcerosa