Alle Schwangeren brauchen einen Diabetestest - aber wer bezahlt?

90 Prozent der niedergelassenen Gynäkologen empfehlen bereits allen Schwangeren den oralen Glukosetoleranztest (OGTT) auf Gestationsdiabetes (GDM).

Veröffentlicht:
Ein Hand-Blutzuckermessgerät eignet sich nicht allein zur Diabetesdiagnose. Zusätzlich ist eine qualitätskontrollierte Labormessung nötig.

Ein Hand-Blutzuckermessgerät eignet sich nicht allein zur Diabetesdiagnose. Zusätzlich ist eine qualitätskontrollierte Labormessung nötig.

© Foto: DAK

LEIPZIG. Nur noch knapp 10 Prozent der Gynäkologen beschränken das GDM-Screening auf Verdachtsfälle, etwa bei Risikopatientinnen mit familiärer Disposition oder mit Glukosurie. Das hat eine repräsentative Untersuchung mit 2605 Ärzten ergeben - das entspricht einem Viertel aller niedergelassenen Frauenärzte in Deutschland. Vorgestellt haben die Studie Privatdozent Martin Füchtenbusch aus München und Dr. Helmut Kleinwechter aus Kiel beim Diabeteskongress in Leipzig.

Eine Beschränkung des OGTT auf Schwangere mit positivem Urinzucker-Screening ist riskant: Dabei werden neun von zehn Fällen mit GDM übersehen. Dass 90 Prozent der Gynäkologen immer ein OGTT-Screening empfehlen ist also gut - allerdings ist nicht bekannt, wie oft das Screening dann tatsächlich auch vorgenommen wird.

Beim Testen nehmen 71 Prozent der Gynäkologen den empfohlenen 2-Stunden-OGTT mit 75 g Glukose vor, so Füchtenbusch bei einer Veranstaltung von Bayer Vital. Die übrigen nutzen den 1-Stunden-OGTT. Der kann zu jeder Uhrzeit erfolgen, ist aber ungenauer. Als Kritikpunkt kristallisierte sich das Messverfahren heraus, denn fast jeder zweite Arzt benutzte zur OGTT-Messung ein normales Hand-Blutzuckermessgerät. Das eignet sich aber nur zur Blutzucker-Selbstkontrolle. Die Diabetesdiagnose dagegen muss mit einer qualitätskontrollierten Labormessung erfolgen, so Füchtenbusch.

Für den GDM-Test gelten voraussichtlich ab Herbst etwas niedrigere Grenzwerte als bisher: nüchtern 92 mg/dl, eine Stunde postprandial 180 mg/dl (wie bisher) und zwei Stunden postprandial 153 mg/dl. Kleinwechter empfiehlt, sich schon jetzt an die neuen Werte zu halten. Denn bereits im vergangenen Jahr wurde in einer großen Studie nachgewiesen, dass das Risiko für Folgeschäden linear mit dem Blutzucker zunimmt; einen Schwellenwert gibt es offenbar nicht.

Die hohe Empfehlungsrate der Gynäkologen zeigt, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit des Screenings inzwischen überall gewachsen ist. Kein Wunder: Schließlich gefährdet ein GDM ja sowohl die Mutter als auch das Kind erheblich. Die Risiken reichen von der Makrosomie bis zum perinatalen Tod.

Kritisch sind zurzeit aber noch die Regelungen zur Kostenübernahme des GDM-Screenings. Sie variieren in Deutschland stark und werden derzeit meist als IGeL angeboten. Kleinwechter lehnt das strikt ab: "Das ist eine Zwischenlösung, die wir auf lange Sicht nicht gutheißen können", betont er. "Die am stärksten gefährdeten Frauen können sich den Test nicht leisten." (hbr)

Lesen Sie dazu auch: Zunehmend im Blick: Schutz der Betazellen Für welche Patienten ist eine Insulinpumpe optimal? Heiterkeit bessert Stoffwechsel bei Diabetes Wirkstoff aus grünem Tee günstig bei Typ-2-Diabetes Günstiges Programm für Bewegungsmuffel

Für Fachkreise : Studie stützt Vildagliptin-Kombi Neue Fertigpens für Insulin lispro

Mehr zum Thema

Kommentar zu augenscheinlichen Diabetes-Diagnosen

Hände auf den Tisch! Blickdiagnose für Yogis

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Komplikationen bei Diabetes

Diabetische Hand: leicht zu erkennen, oft übersehen

Lesetipps
 Auf therapeutischer Seite lohnt der Blick in Richtung Mikrobiom deswegen, weil es Einfluss nehmen kann auf die Effektivität bzw. die Toxizität einer Krebstherapie.

© © maxrosoftig / stock.adobe.com

Einfluss von Bakterien & Co

Mikrobiom und Krebs – viel Hoffnung, noch mehr Fragezeichen

Kooperation | In Kooperation mit: Deutsche Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Mit ihren Erfahrungen seien Krebspatienten als gleichwertige Partner in der Forschung anzusehen, sie seien deshalb in diese mit einzubeziehen, forderte Kongresspräsident Professor Reinhard Büttner bei der Eröffnung des DKK 2024.

© Peter-Paul Weiler

Eröffnung des DKK 2024

Appell beim Krebskongress: Patienten stärker in die Forschung einbeziehen!

Kooperation | In Kooperation mit: Deutsche Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Der 35. Deutsche Krebskongress findet von 13. bis 16. November 2022 in Berlin statt.

Themenseite

Deutscher Krebskongress: Die aktuellen Beiträge im Überblick