Direkt zum Inhaltsbereich

Krebstherapie im hohen Alter

Auch mal Nein sagen

Wie können alte Krebspatienten erkannt werden, die noch von einer Maximaltherapie profitieren, ohne unnötig belastet zu werden? Experten plädieren für den Einsatz onkogeriatrischer Scores.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Unerwünschte Nebenwirkungen einer Krebstherapie treten bei ältere Patienten rascher ein.

Unerwünschte Nebenwirkungen einer Krebstherapie treten bei ältere Patienten rascher ein.

© Ugurhan Betin / istockphoto.com

BERLIN. Viele Krebstherapien sind bei alten Patienten längst nicht so effektiv wie bei jungen, und meist steigt auch die Toxizität. Onkogeriatrische Scores und ein systematisches Medikationsmanagement sollen die Krebstherapie im Alter gezielter und sicherer machen.

Die gesundheitliche Gesamtsituation älterer Menschen werde in der Krebstherapie oft nicht genug berücksichtigt, sagte Professor Yon-Dschun Ko vom Johanniter-Krankenhaus Evangelische Kliniken Bonn beim Deutschen Krebskongress in Berlin. So sterben 40 Prozent der Menschen, die das 70. Lebensjahr erreichen, innerhalb von zehn Jahren an nicht onkologischen Erkrankungen. Die Wirksamkeit einer adjuvanten Therapie, durch die 2 bis 4 Prozent mehr Patienten zehn Jahre lang leben, werde allein schon deswegen statistisch ausgedünnt.

Gesamtprognose berücksichtigen

Hinzu komme, dass in Folge eingeschränkter Leber-, Nieren- und Hirnfunktion unerwünschte Wirkungen rascher eintreten und schwerer rückgängig zu machen sind. "Wir müssen uns deswegen bei alten Krebspatienten immer fragen, ob eine Therapie eigentlich noch relevant ist", so Ko. Entscheidend sei, die nicht krebsbezogene Gesamtprognose der Patienten zu bewerten.

Doch wie genau können diejenigen erkannt werden, die von einer Maximaltherapie noch profitieren? Imke Ortland von der Klinischen Pharmazie der Universität Bonn plädierte für den Einsatz onkogeriatrischer Scores, die sowohl krebs- und krebstherapiebezogene als auch altersbezogene Faktoren einbeziehen. Zwei derartige Scores sind der CRASH-Score und der CARG-Score, die in Bonn derzeit klinisch evaluiert werden.

Ein interessantes Ergebnis hat die Pilotphase mit 20 Krebspatienten jenseits der 70 bereits gehabt. Die beiden Scores gaben jeweils rund drei von vier Patienten ein mittleres bis hohes Risiko für starke unerwünschte Wirkungen. Wurden dagegen die behandelnden Ärzte gefragt, dann hielten die 16 von 20 Patienten für fit genug für eine Maximaltherapie. Bei über 100 Patienten wird jetzt prospektiv überprüft, ob die Scores oder die Ärzte die Patienten besser einschätzen.

Natürlich geht es bei alten Krebspatienten auch darum, wie eine sinnvolle Therapie so gestaltet werden kann, dass unerwünschte Wirkungen im Rahmen bleiben. Professor Ulrich Jaehde vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn stellte eine klinische Studie vor, in der bei Krebspatienten in Abhängigkeit vom Risiko für unerwünschte Wirkungen wie Mucositis, Nausea/Emesis, Schmerzen oder Fatigue bestimmte Medikationsmanagementmodule durchliefen.

So wurde dafür gesorgt, dass auftretende Probleme früh erkannt wurden. Unabhängig vom Alter der Patienten ließ sich dadurch das Auftreten schwerer unerwünschter Wirkungen im Mittel um einen Therapiezyklus verzögern, so Jaehde. Im nächsten Schritt soll das Bonner Medikationsmanagement jetzt um onkogeriatrische Assessments erweitert werden.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Cochrane-Review

Familiärer Brustkrebs: Wie gut sind Risikokalulatoren im Vergleich?

Das könnte Sie auch interessieren
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Aktuelle explorative Ad-hoc-Analysen der Studien SPOTLIGHT und GLOW: mOS vor und nach Zensierung†

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

CLDN18.2+, HER2− Adenokarzinom des Magens/gastroösophagealen Übergangs

Mit optimiertem Therapiemanagement den Behandlungserfolg mit Zolbetuximab unterstützen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Astellas Pharma GmbH, München
Abb. 1: OS von Patientinnen mit Endometriumkarzinom und Mismatch-Reparatur-Profizienz bzw. Mikrosatellitenstabilität

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Primär fortgeschrittenes/rezidivierendes Endometriumkarzinom

Nachhaltiger Überlebensvorteil durch Immuntherapie plus Carboplatin-Paclitaxel

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: GlaxoSmithKline GmbH & Co. KG, München
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sechs Monate längeres Gesamtüberleben

Daraxonrasib beim Pankreaskarzinom: Besser als die Chemotherapie?

Medikalisierung und Desinformation

Wie Social Media elterliche Entscheidungen prägt

Lesetipps
Tollwut-Impfung: Bei wem zahlt die Krankenkasse?

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Tollwut-Impfung: Bei wem zahlt die Krankenkasse?

Harnwegsinfekt bei einem Mann

© anut21ng Stock / stock.adobe.com

Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie

Neue Klassifikation von Harnwegsinfektionen räumt mit Missverständnissen auf