Interview mit Professor Mehnert

Bei Diabetes "nicht gleich mit Verboten kommen!"

Professor Hellmut Mehnert ist eine wahre Kapazität auf dem Gebiet der Diabetologie. Anlässlich seines 90. Geburtstags am 22. Februar sprach die "Ärzte Zeitung" mit ihm über Patienten-Motivation, Defizite, neue Therapie-Optionen und die Forschung.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Ein Leben für Diabetes-Patienten: Prof. Hellmut Mehnert.

Ein Leben für Diabetes-Patienten: Prof. Hellmut Mehnert.

© Yves Sucksdorff / Sanofi

Professor Hellmut Mehnert: Das künstliche Pankreas! In einem geschlossenen Kreis von Zuckermessgerät und Insulinpumpe drosselt oder steigert die Pumpe anhand der ermittelten Glukosewerte automatisch die Insulinabgabe. Damit wird eine optimierte Einstellung des Diabetes unter Vermeidung von Hyper- und Hypoglykämien möglich.

Das ist – nach der Entwicklung der Analoginsuline vor 20 Jahren – ein weiterer großer Schritt auf dem langen Weg, der Wirkungsweise des körpereigenen Insulins näher zu kommen. Ich wünsche mir, dass mit solchen Systemen künftig möglichst viele Patienten versorgt werden können.

Was ist in Zukunft von der Diabetes-Forschung zu erwarten?

Professor Hellmut Mehnert

  • Medizin-Studium an der LMU München (1949 bis 1954).
  • Berufsstationen an der Medizinischen Poliklinik der LMU bei Walter Seitz (1955 bis 1965). Chefarzt am Akademischen Lehrkrankenhaus München Schwabing (1966 bis 1993).
  • Gastarzt bei dem berühmten US-Diabetologen Elliott Joslin, Joslin-Klinik in Boston (1957).
  • Tätigkeiten (Auswahl): Vorstand und jetzt Ehrenpräsident der Forschergruppe Diabetes des Instituts für Diabetesforschung in München. Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (1972/73), Vizepräsident der Internationalen Diabetes Vereinigung (1975 bis 1982), Vertreter im WHO-Diabetes-Experten-Komitee (1964 bis 1990).
  • Auszeichnungen (Auswahl): Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft (2003), Ernst-von-Bergmann-Plakette (2004), Leopold-LichtwitzMedaille der DGIM (2016).

Mehnert: Intelligente Smart-Insuline könnten künftig die Therapie revolutionieren. Solche Insuline würden beim Patienten nur wirken, wenn der Blutzucker erhöht ist. Untersucht wird bereits ein ausgeklügelter Mechanismus: Die Insulin-Moleküle werden an ein Eiweiß gekoppelt, das sie im Gewebe festbindet.

Steigt der Blutzucker, verdrängt die viele Glukose einen Teil des Insulins, sodass es ins Blut gelangen kann – der Zucker wird so wieder gesenkt. Solche Insuline hätten einen unglaublichen Vorteil, der bisherige Präparate entbehrlich machen könnte.

Zur Therapie gegen Typ-2-Diabetes gibt es viele neue Optionen. Was ist dabei zu beachten?

Mehnert: Weg von Sulfonylharnstoffen! Es gibt mit den Gliptinen, Gliflozinen und GLP1-Agonisten heute tolle Alternativen, die zum Teil auch das hohe kardiovaskuläre Risiko der Patienten reduzieren können.

Die orale Therapie sollte deshalb bis hin zur Triple-Therapie ausgereizt werden. Die Voraussetzung ist allerdings, dass sich damit der Stoffwechsel gut einstellen lässt.

Was braucht ein Arzt, um Patienten die antidiabetischen Therapien gut zu vermitteln?

Mehnert: Man muss Vertrauen zum Patienten aufbauen und darf nicht gleich mit Verboten kommen, etwa bei der Ernährungsberatung. Hier sollte man Patienten vielmehr nach ihren Essgewohnheiten fragen und dann spezifische Tipps geben.

Mit einer guten Kooperation lässt sich viel erreichen. Ein Beispiel: In den 1960er Jahren sind bei zuckerkranken Müttern 25 Prozent der Neugeborenen gestorben. Wir haben damals durch gute Betreuung einen Weltrekord aufgestellt: 300 Entbindungen ohne diabetesbezogenen Kindsverlust.

Schwangere Frauen sind ja die kooperativsten Patienten, weil es auch um ihr Kind geht. Heute ist die Neugeborenen-Sterblichkeit auf 2 bis 4 Prozent zurückgegangen.

Welche Bereiche in der Diabetologie werden vernachlässigt?

Mehnert: Da habe ich viele Punkte:

  • Wir brauchen unbedingt ein Diabetes-Register für genaue epidemiologische Daten in Deutschland. Es gibt hier nach wie vor keine genauen Zahlen, und wir arbeiten bei vielen Fragen zur Versorgung im Dunkeln.
  • Die Schulungen müssen ausgebaut und auch für Prädiabetiker angeboten werden. Patienten wird dabei ja vor allem auch vermittelt, was sie selbst zur Prävention und Therapie beitragen können. Durch ein verbessertes Selbstmanagement lassen sich vor allem auch Folgeschäden vermeiden und so die Prognose verbessern.
  • Alte Typ-1-Diabetiker müssen besser gepflegt und betreut werden. Sie sind ja durch Funktionseinschränkungen und Polypharmazie besonders gefährdet. Je nach Einschränkungen brauchen sie individualisierte Therapien, die von ihnen selbst oder vom Pflegepersonal auch bewältigt werden können. Daher muss bei ihnen auch regelmäßig ein Diabetologe zurate gezogen werden.
  • Der Checkup 35 muss stärker genutzt werden. Zwischen Manifestation und Diagnose des Typ-2-Diabetes liegen heute immer noch mehrere Jahre. Eine bessere Früherkennung ist deshalb nötig, besonders bei Menschen mit massivem Übergewicht und positiver Familienanamnese.

Sie haben die Entwicklung von Diabetes zu einer Volkskrankheit erlebt. Welche Fehlentwicklungen lassen sich vielleicht beeinflussen, um die enorme Zunahme von Diabetes zu bremsen? Haben Sie einen Rat für die Politik?

Mehnert: Man sollte bereits im Kindergarten und in der Schule damit beginnen, Kinder zu Bewegung und gesunder Ernährung zu erziehen und gegen Computer- und Fernsehsucht vorzugehen. In den Schulen sollten auch keine ungesunden Lebensmittel wie süße Getränke oder Chips mehr verkauft werden dürfen.

Die Entwicklung ist dramatisch: Als wir 1967 die ersten Fälle von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen beschrieben haben, hat uns keiner geglaubt. Heute sind in Deutschland schon fünf Prozent aller neuen Diabetesfälle bei Kindern und Jugendlichen Typ-2-Erkrankungen, und in den USA sind es schon 25 Prozent.

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