Direkt zum Inhaltsbereich

HINTERGRUND

Bei Morbus Basedow ist auch der Verzicht auf das Rauchen eine unerläßliche Maßnahme

Von Werner Stingl Veröffentlicht:

Die endokrine Orbitopathie (EO) ist die häufigste extrathyreoidale Manifestation bei Morbus Basedow. Nach Schätzungen ist jeder zweite Basedow-Kranke betroffen. EO kann im schlimmsten Fall zur Erblindung führen. Für eine erfolgreiche EO-Therapie sind Wiederherstellung der Euthyreose und Rauchverzicht Grundvoraussetzung. Die Therapie richtet sich nach dem Stadium.

Therapie-Optionen mit Medikamenten, Op und Radiojod

Aus vielen Untersuchungen gibt es Hinweise, daß bei Morbus Basedow Rauchen durch Immunmodulation eine EO begünstigt, eine EO erheblich verstärkt und das Ansprechen auf eine Therapie deutlich schmälert. Darauf hat Professor George J. Kahaly vom Universitätsklinikum Mainz beim 3. Münchener Schilddrüsensymposium hingewiesen. Allen rauchenden Basedow-Patienten und besonderes jenen mit ersten Anzeichen einer EO sollte deshalb ein Rauchverzicht dringend geraten werden.

Die hyperthyreoten Basedow-Kranken müssen mit Medikamenten, Op oder Radiojod-Therapie wieder euthyreot werden. Welche gezielten Maßnahmen bei EO einzuleiten sind, hängt ab vom EO-Schweregrad - es gibt sechs - und davon, ob die EO in einem aktiven oder inaktiven Stadium ist.

Bei einer milden aktiven EO mit wenig subjektiven Beschwerden und nur geringgradigen Entzündungszeichen genügt meist eine symptomatische Therapie mit Tränenersatzmitteln sowie entzündungshemmenden Augensalben zur Nacht. Die Einnahme von Antioxidantien wie hochdosierten verschiedenen Vitaminen oder Selen erscheint theoretisch sinnvoll, kann sich aber noch nicht auf überzeugende Studienergebnisse stützen, sagte Kahaly auf der von Merck Pharma organisierten Veranstaltung.

Bei einer schwereren aktiven EO mit ausgeprägten Entzündungszeichen ist eine systemische Glukokortikoidtherapie Mittel der Wahl. Das geht entweder oral mit Prednisolon oder intravenös mit Methylprednisolon, wie Kahaly sagte. Bei oraler Therapie sollte mit täglich 1 mg/kg pro Kilogramm Körpergewicht gestartet werden.

Danach wird über zwölf Wochen das Medikament kontinuierlich in kleinen Schritten ausgeschlichen. Nach Kahalys Erfahrung ist eine i.v.-Therapie noch effektiver und besser verträglich. Bei dieser Therapieform werden sechs Wochen lang einmal wöchentlich etwa Methylprednisolon 500 mg und weitere sechs Wochen 250 mg einmal pro Woche infundiert.

Sind Betroffene älter als 35 Jahre, und haben sie neu aufgetretene Doppelbilder, die auf eine noch frische muskuläre Motilitätsstörung hinweisen und die mit Kortikoiden nur unzureichend beherrschbar sind, ist eine mehrwöchige Orbita-Bestrahlung bis zu einer Gesamtdosis von 16 bis 20 Gray (Gy) angezeigt.

Dabei verdichten sich die Hinweise, daß mit einer bis auf 1Gy pro Woche reduzierten Dosis oft genauso gute Effekte zu erzielen sind wie mit der üblicherweise empfohlenen konzentrierteren Bestrahlung von bis zu 2Gy pro Tag, vier bis fünfmal wöchentlich. Die einmal wöchentliche Bestrahlung hatte auch weniger unerwünschte Effekte auf die Retina. Dies fand Kahaly in eigenen Untersuchungen.

Bei akuter Visusgefährdung durch Kompression des Sehnerven im Verlauf einer schweren aktiven EO ist eine intravenöse Kortikoidtherapie mit 500 bis 1000 mg Methylprednisolon Therapie der ersten Wahl.

Falls das erfolglos ist, müssen die Sehnerven und muß damit das Augenlicht durch eine baldige operative Dekompression gerettet werden. Ist eine solche Operation kontraindiziert oder wird sie abgelehnt, gilt die Kombination einer hoch dosierten Kortikoidtherapie mit nichtsteroidalen Immunsuppressiva wie Ciclosporin oder Methotrexat als Reserveoption. Als neuere Strategie wird derzeit die Therapie mit Octreotid und weiteren, länger wirksamen Somatostatin-Analoga erprobt.

Bei störendem Exophthamus hilft eine Operation

Bei einer bereits länger bestehenden inaktiven EO mit stabilen retrobulbären Fibrosierungen sei von einer konservativen Therapie nicht mehr viel zu erwarten, stellte Kahaly klar. Ein störender Exophthalmus kann dann operativ korrigiert werden - etwa durch eine endonasale ossäre Orbitadekompression. Operativ korrigiert werden auch Fettansammlungen in den Lidern und Lidretraktionen, ebenso eine dauerhaft fixierte Diplopie (Schiel-Operation).



STICHWORT

Endokrine Orbitopathie

Bei der endokrinen Orbitopathie kommt es zu Veränderungen von Augenmuskeln und -bindegewebe:

Bei Grad I ist das Oberlid zurückgezogen, der Lidschlag selten, es besteht eine Konvergenz-Schwäche.

Bei Grad II haben Kranke eine Konjunktivitis mit ödematöser Schwellung. Auch um die Orbita herum kommt es durch eingelagerte Mukopolysaccharide zu Schwellungen.

Bei Grad III ist der Exophthalmus führendes Zeichen.

Bei Grad IV kommt es durch Störungen der Augenmuskeln zu Doppelbildern.

Bei Grad V finden sich Ulzerationen auf der Kornea.

Bei Grad VI wird der Sehnerv komprimiert; es droht Erblindung.

Mehr zum Thema

Systematische Ursachensuche

Therapierefraktäre Hypothyreose: Was steckt dahinter?

Prävalenz-Vergleich der Kreise

Auffällig hoher Anteil an multimorbiden Menschen in Ostdeutschland

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
 Abb. 1: Anwendung von Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [1,8]

Ruxolitinib-Creme bei mittelschwerer AD

Topische steroidfreie Behandlungsoption bei atopischer Dermatitis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Incyte Biosciences Germany GmbH, München
Abb. 1: MATTERHORN-Regime beim GC/GEJC: ereignisfreies Überleben (EFS)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Perioperativ behandeln – kurativ denken

Durvalumab-basierte Therapie bei drei Tumorentitäten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Alle Diabetes-Patienten gegen Herpes zoster impfen?

Euglykämische diabetische Ketoazidose

Kasuistik: Seltene Nebenwirkung unter SGLT2-Hemmern

Lesetipps
Illustration eines molekularen Modells von Messenger RNA.

© Dr_Microbe / Getty Images / iStock

Personalisierte mRNA-Therapien

Verheißungsvolle RNA-Krebsimpfstoffe: Wo steht die Forschung gerade?

Ein Mann niest und putzt sich die Nase.

© Dragana Gordic / stock.adobe.com

Kasuistik

Plötzliche Niesanfälle bringen Mann in Lebensgefahr

Auch 2024 war die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen in Deutschland insgesamt erneut leicht rückläufig

© Rosi / stock.adobe.com / Generated with AI

Herzbericht 2026

Das sind die aktuellen Trends in der Herzmedizin