Direkt zum Inhaltsbereich

HINTERGRUND

Bei jedem vierten Anaphylaxie-Patienten lautet die Devise: Adrenalin intramuskulär

Ingrid KreutzVon Ingrid Kreutz Veröffentlicht:

Anaphylaktische Reaktionen bis hin zum Atem- oder Herzstillstand sind bei Patienten mit Allergien, vor allem auf Nahrungsmittel oder Wespenstiche, nicht nur recht häufig. Nach neuen Studienergebnissen ist außerdem bei etwa jedem dritten Patienten mit wiederholten anaphylaktischen Reaktionen zu rechnen. Daher appelliert die Berliner Allergologin Professor Margitta Worm an alle Kollegen, sich über die Akuttherapie bei Anaphylaxie unbedingt auf dem laufenden zu halten und betroffene Patienten über das richtige Vorgehen in Notsituationen zu schulen.

In Deutschland sind 0,8 bis fünf Prozent der Bevölkerung von Bienen- oder Wespengift-Anaphylaxie betroffen, belegen epidemiologische Daten. Und: Anaphylaktische Reaktionen auf Nahrungsmittelallergene treten bei zwei bis drei Prozent auf.

Viele heftige Reaktionen auf Nahrungsmittel und Wespen

Bei Patienten mit Nahrungsmittel- oder Insektengift-Allergie kommt es nach Ergebnissen einer Studie an der LMU München offenbar häufig zu wiederholten anaphylaktischen Ereignissen. Denn: Etwa jeder dritte Patient hatte in der Studie eine wiederholte Reaktion dieser Art. Und: Jeder vierte hatte eine schwere anaphylaktische Reaktion bis hin zu Zyanose, Schock und Kreislaufstillstand. Die häufigen Wiederholungen belegen erste Daten aus dem Anaphylaxie-Register, das die Allergologin leitet. "Seit Juni 2006 haben Kollegen bereits 462 schwere Anaphylaxie-Reaktionen mit Herz-Kreislaufbeteiligung gemeldet, davon 62 bei Kindern und 400 bei Erwachsenen", sagte Worm zur "Ärzte Zeitung". Zwei dieser Reaktionen führten zum Tod.

Bei Kindern sind die häufigsten Auslöser Nahrungsmittel, vor allem Erdnüsse und Nüsse, gefolgt von Wespen- und Bienengift. Bei Erwachsenen stehen Insektengifte als Anaphylaxie-Auslöser an erster Stelle. Es folgen Medikamente wie Schmerzmittel und Antibiotika sowie Lebensmittel, etwa Krustentiere und Sojabohnen. Die Versorgung der Anaphylaxie-Patienten erfolgte nach den Register-Daten zu fast 50 Prozent durch Notärzte. Aber auch die Patienten selbst sowie die Angehörigen und Hausärzte hätten die Notfallbehandlung häufig übernommen, so Worm.

Eine schwere Anaphylaxie liegt nach der aktualisierten Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften zur "Akuttherapie anaphylaktischer Reaktionen" dann vor, wenn außer Hautsymptomen Befunde wie Erbrechen, Bronchospasmus, Zyanose, Schockzustand (Grad III) oder gar Atemstillstand oder Kreislaufstillstand (Grad IV) hinzukommen (Allergo J 16, 2007, 420).

Antihistaminika und Kortikoide sind nicht ausreichend

Bei solchen Patienten genügen Antihistaminika und Kortikoide als Gegenmaßnahme nicht. Sie benötigen zusätzlich Adrenalin, und zwar parenteral. Die Leitlinie empfiehlt die sofortige intramuskuläre Applikation von 0,3 bis 0,5 mg Adrenalin (bei Kindern 0,1 mg/10 kg Körpergewicht) in die Außenseite des Oberschenkels. Diese Therapie könne bei Bedarf je nach Wirkung und unerwünschten Wirkungen alle 10 bis 15 Minuten wiederholt werden.

Selbstmedikation möglich mit Adrenalin intramuskulär

Zur Selbstmedikation für Patienten oder deren Angehörigen werden Autoinjektoren empfohlen wie Fastjekt® oder Anapen®, mit denen 0,3 mg oder 0,15 mg für Kinder ab 15 kg Adrenalin intramuskulär auf einfache Weise appliziert werden kann. Die Patienten und deren Angehörigen müssen im Umgang mit der Notfallmedikation einschließlich Antihistaminika und Kortisontabletten geschult werden. Anaphylaxie-Patienten sind angehalten, diese Medikation stets mitzuführen.

Die intramuskuläre Behandlung mit Adrenalin sei aufgrund neuer Studiendaten viel rascher wirksam als die subkutane oder inhalative, so die Experten. Auch das Risiko für schwere unerwünschte kardiale Wirkungen sei geringer. Besondere Vorsicht und Aufmerksamkeit bei der Anwendung von Adrenalin sei bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen oder kardiovaskulärer Erkrankung geboten. Es kann zu einer akuten Koronarinsuffizienz kommen.

Für Patienten mit Insektengiftallergie gibt es außer der Allergenkarenz noch eine weitere effektive Maßnahme zur Prophylaxe: die subkutane spezifische Immuntherapie (SCIT) zur Desensibilisierung. 80 bis 100 Prozent der Patienten tolerieren nach einer solchen Behandlung einen Stich mit dem entsprechenden Insekt reaktionslos (Allergo J 15, 2006, 56). Besonders bei Kindern ist ein langanhaltender Schutz belegt. Dennoch sollten auch SCIT-Patienten in der relevanten Jahreszeit ein Notfall-Set bei sich tragen.

Mehr Infos zur Akuttherapie bei Anaphylaxie gibt es in der Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften unter: www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/ 061-025.htm

STICHWORT

Anaphylaxie-Register

Das Allergie-Centrum-Charité in Berlin hat 2006 ein Meldesystem geschaffen, mit dem möglichst alle anaphylaktischen Reaktionen im deutschsprachigen Raum erfasst werden sollen. Nach Angaben der Leiterin des Registers, Professor Margitta Worm, beteiligen sich mittlerweile 62 allergologische Zentren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Datenerhebung. Die Daten werden pseudonymisiert und können nachträglich von dem behandelnden Zentrum wieder entschlüsselt werden. Geplant ist, dass sich demnächst auch niedergelassene Allergologen und auch Hausärzte an dem Meldesystem zu Anaphylaxie beteiligen können. Es steht ein Fragebogen zur Verfügung, der überwiegend nur zum Ankreuzen ist, und zwar im Internet unter: www.anaphylaxie.net

(ikr)

Lesen Sie dazu auch: Jede dritte Anaphylaxie ist ein wiederholtes Ereignis

Mehr zum Thema

Kasuistik

Plötzliche Niesanfälle bringen Mann in Lebensgefahr

Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

© piyato | iStock

Vaginalmykose im Fokus

Vaginalmykosen neu denken: Pathogenese, Zyklus und Therapie

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

© iStock / okskukuruza

Vaginale Gesundheit

Intimhygiene: Was die vaginale Schleimhaut wirklich braucht

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

© Kateryna_Kon / stock.adobe.com

PPAR-Isoform-Selektivität: wissenschaftliche Grundlagen und klinische Relevanz

Primär Biliäre Cholangitis: therapeutisches Potenzial der PPAR-Aktivierung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Gilead Sciences GmbH, Planegg-Martinsried

Vitamin-B12-Mangel

Frühzeitig erkennen, gezielt therapieren

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Wörwag Pharma GmbH & Co. KG, Böblingen
ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

© CLIPAREA.com / stock.adobe.com

Transthyretin-Amyloidose mit Kardiomyopathie

ATTR-CM-Therapien im Wandel: Die Rolle von Acoramidis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Leserumfrage

Umfrage zur E-Patientenakte: Alltag statt Aufbruch

Lesetipps
Einsame jüngere Frau

© Photographee.eu / stock.adobe.com

DEGAM-Kongress

Einsamkeit trifft nicht nur Ältere

Eine Frau sitzt mit einer brennenden Zigarette hinter dem Lenkrad ihres Autos.

© Peter Steffen/dpa

DEGAM-Kongress

Wie viele KHK-Patienten rauchen?