Wachstumsbremse

Bekommen Kinder O-Beine durch Sport?

Zu O-Beinen neigen offenbar viele Kinder, die bestimmte Sportarten betreiben. Dabei wirkt die einseitige Druckbelastung im Knie als Wachstumsbremse, vermuten Forscher.

Von Dr. Elke Oberhofer Veröffentlicht:
Manche Sportarten scheinen die Entwicklung von O-Beinen zu befeuern.

Manche Sportarten scheinen die Entwicklung von O-Beinen zu befeuern.

© Jasmin Merdan / stock.adobe.com

PELLENBERG. Dass man es trotz ausgeprägtem Genu varum, besser bekannt als O-Beine, zum Dribbelkönig bringen kann, hat seinerzeit vor allem der Starfußballer Pierre Littbarski vorgemacht. Für den säbelbeinigen Nachwuchs mag das ermutigend sein – allerdings mehren sich die Hinweise, dass es möglicherweise der intensive Sport ist, der die Kinderbeine in die Krümmung zwingt.

Erst kürzlich wurde im Deutschen Ärzteblatt eine Studie der Ludwig-Maximilians- Universität München publiziert, in der bei jungen Fußballtalenten bereits im Alter von zwölf Jahren die Lücke zwischen den Knien deutlich größer war als bei gleichaltrigen Nichtfußballern.

Nicht nur Fußballer betroffen

Das Problem scheint sich jedoch nicht nur auf den Fußballsport und auch nicht auf das männliche Geschlecht zu beschränken, wie die Ergebnisse einer österreichisch-belgischen Studie nahelegen. Laurens de Cock, orthopädischer Chirurg an der Universitätsklinik Löwen, und sein Team haben die Knie von 564 Jungen und 444 Mädchen zwischen zwölf und 19 Jahren vermessen und die Ergebnisse zur Intensität der jeweiligen Sportarten, die die Heranwachsenden betrieben, in Relation gesetzt (Int Orthopaedics 2018; online 15. Juni).

Neben Fußball waren das Tennis, Jogging, Volleyball, Basketball und Tanzsport, wobei teilweise auch mehrere Sportarten parallel ausgeübt wurden.

Als Messparameter dienten den Ärzten die Abstände zwischen den beiden medialen Femurkondylen (IC) sowie den beiden medialen Fußknöcheln (IM). Aus beiden Messwerten wurde jeweils der Quotient gebildet (IC/IM).

Die Daten der Teilnehmer wurden für drei Altersgruppen ausgewertet: Zwölf- bis Dreizehnjährige, Vierzehn- bis Fünfzehnjährige und Ältere. Mithilfe von Fragebögen wurde eruiert, welche Sportarten die Jugendlichen betrieben und wie viele Stunden sie pro Woche damit zubrachten.

Studienergebnisse

  • Es gab eine deutliche Korrelation zwischen der Intensität des Impact-Sports und der Entwicklung zum O-Bein.
  • Der Zusammenhang war am deutlichsten in der Phase mit ausgeprägtestem Wachstumsschub.

Was die Forscher feststellten, war eine deutliche Korrelation zwischen der Intensität des High-Impact-Sports und der Entwicklung der Knieausrichtung hin zum O-Bein. Dazu trug nicht nur der Fußball, sondern jede der untersuchten Sportarten ihr Scherflein bei.

Signifikant positive Assoziationen fanden sich für alle Teilnehmer bei Fußball, Jogging und Volleyball, wobei Letzteres die Fehlstellung sogar noch stärker zu begünstigen schien als Fußball. Bei Mädchen war die Trainingsintensität für alle untersuchten Sportarten mit höheren IC/IM-Werten verknüpft.

Hueter-Volkmann-Gesetz als Erklärung

Der Zusammenhang zwischen Sportintensität und O-Bein-Entwicklung zeigte sich in allen Altersgruppen. Am deutlichsten war dieser jedoch in der Phase, in der die Teenies ihren ausgeprägtesten Wachstumsschub erlebten. So war die IC/IM-Zunahme bei Mädchen zwischen 12 und 13 Jahren am stärksten, bei den Jungen zwischen 13 und 14 Jahren.

Die Werte stiegen bei Mädchen bis zum Alter von 15 Jahren (IC/IM-Maximum: 15,2 mm), bei Jungen war der höchste Wert von im Mittel 30,3 mm im Alter von 17 Jahren erreicht.

Als Erklärung ziehen die belgischen Wissenschaftler das Hueter-Volkmann-Gesetz heran: Demnach hemmt ein dauerhafter Druck im pathologischen Bereich das Längenwachstum. Bei High-Impact-Sportarten wird vor allem das mediale Knie-Kompartiment belastet.

Kumulativer Belastungsstress, so die Theorie, könne also in einer einseitigen medialen Wachstumsverzögerung resultieren; die Folge seien O-Beine.

Risikofaktor für Arthrose

Diese Zusammenhänge müsse man dringend näher untersuchen, fordern De Cock und Kollegen, vor allem im Hinblick darauf, dass eine Varus-Fehlstellung im Knie die Entstehung von Arthrose begünstige. Derzeit sei allerdings noch nicht klar, ob der Sport die Fehlstellung bedingt oder ob Kinder aufgrund ihrer Kniestellung für die eine oder andere Sportart prädestiniert sind.

Kinder von sportlichen Aktivitäten abhalten kann jedenfalls nicht die Lösung sein. Alternativ schlagen die Autoren zweierlei vor: zum einen ein spezielles Gangtraining, zum anderen Schuheinlagen mit verstärkten Außenrändern.

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