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Verdacht widerlegt

Chemotherapie sorgt wohl nicht für Gedächtnisstörung

Seit Jahren gibt es den Verdacht, dass kognitive Störungen eine Nebenwirkung der Chemotherapie sein könnten. Offenbar hat das jedoch eine andere Ursache.

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Chemobrain? Etliche Brustkrebspatientinnen klagen unter der Therapie über kognitive Störungen, wie Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Konzentration und anderer geistiger Fähigkeiten.

Chemobrain? Etliche Brustkrebspatientinnen klagen unter der Therapie über kognitive Störungen, wie Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Konzentration und anderer geistiger Fähigkeiten.

© Lisa F. Young / Fotolia

MÜNCHEN. Milde kognitive Störungen, wie Beeinträchtigungen des Gedächtnisses, der Konzentration und anderer geistiger Fähigkeiten, werden immer wieder bei Brustkrebspatientinnen unter der Chemotherapie beobachtet. Das weckte den Verdacht, erdacht, dass dies durch die Therapie bedingt wird – das Schlagwort dazu lautet "Chemobrain". In einer Studie unter Leitung von Dr. Kerstin Hermelink vom Brustzentrum der LMU München wurde nun festgestellt, dass die Symptome wohl eher mit posttraumatischem Stress zusammen hängen. Die Daten wurden jetzt im Journal of the National Cancer Institute publiziert.

"Es ist gut nachgewiesen, dass posttraumatischer Stress – nicht zu verwechseln mit normalem Alltagsstress – tief in die Arbeitsweise des Gehirns eingreift", erklärt Studienleiterin Hermelink in einer Pressemitteilung der LMU. "Eine Krebserkrankung kann als Trauma erlebt werden. Deshalb war es naheliegend, die Hypothese aufzustellen, dass kognitive Auffälligkeiten bei Krebspatientinnen eine Folge von posttraumatischer Stressbelastung sind."

An der von der Deutschen Krebshilfe geförderten Längsschnittstudie Cognicares (Cognition in Breast Cancer Patients – the Impact of Cancer-related Stress; doi.org/10.1093/jnci/djx108 ) nahmen 166 Frauen teil, bei denen Brustkrebs neu diagnostiziert worden war. Die Kontrollgruppe bestand aus 60 Frauen, bei denen eine Routineuntersuchung der Brust keinen Verdacht auf Krebs ergeben hatte. Zu drei Zeitpunkten innerhalb eines Jahres wurden alle Teilnehmerinnen mittels eines klinischen Interviews auf posttraumatische Symptomatik hin untersucht. Ihre kognitiven Funktionen wurden mit neuropsychologischen Verfahren umfangreich getestet, wie die LMU berichtet.

Im Vergleich mit den Teilnehmerinnen in der Kontrollgruppe zeigten den Wissenschaftlern zufolge die Patientinnen insgesamt eine leichte, gerade noch nachweisbare Abnahme ihrer Testleistungen. Zudem hätten die Patientinnen sowohl vor Behandlungsbeginn als auch ein Jahr später mehr Fehler in einem von mehreren Tests der Aufmerksamkeit gemacht. Alle diese Auffälligkeiten hingen mit der Stärke posttraumatischer Symptomatik zusammen. Der Effekt der Krebserkrankung auf die Aufmerksamkeit sei nicht mehr statistisch signifikant gewesen, wenn der Effekt von posttraumatischem Stress berücksichtigt wurde.

Nur ein einziges auffälliges neuropsychologisches Ergebnis trat nach Angaben der Münchner Wissenschaftler ausschließlich bei Chemotherapie-Patientinnen auf und hatte nichts mit posttraumatischer Symptomatik zu tun: Die Patientinnen zeigten einige Monate nach Abschluss der Chemotherapie etwas längere Reaktionszeiten in einem computerbasierten Test, bei dem sie klicken mussten, sobald ein Kreuz auf dem Bildschirm erschien.

"Der minimale Unterschied – im Mittel 19 Millisekunden – könnte auch durch eine periphere Neuropathie, eine Schädigung der Fingernerven durch bestimmte Zytostatika, entstanden sein und nichts mit kognitiven Funktionen zu tun haben," so die Erklärung von Hermelink.

Die Studienergebnisse legten daher nahe, dass Störungen kognitiver Funktionen bei Krebspatientinnen eher auf psychologische Faktoren zurückzuführen seien als auf neurotoxische Nebenwirkungen der Behandlung. "Unser Gehirn ist keine Maschine, die immer gleich funktioniert, sondern es verändert seine Funktionsweise und auch seine Struktur ständig in Abhängigkeit von dem, was wir tun und erleben", so Hermelink in der Pressemitteilung. "Es wäre sonderbar, wenn all das, was eine Krebserkrankung an Folgen für die Psyche und an Eingriffen in das Leben mit sich bringt, spurlos am Gehirn und den kognitiven Funktionen vorübergehen würde. In unserer Studie haben wir uns auf die Effekte von posttraumatischem Stress beschränkt, aber auch Schlaflosigkeit, unter der viele Krebspatientinnen leiden, eine berufliche Auszeit, Angst, Depressivität und andere Faktoren könnten an der Verursachung der kognitiven Beeinträchtigungen beteiligt sein. In der Forschung zu kognitiven Störungen bei Krebspatienten sind solche Faktoren bisher vernachlässigt worden." Für Patientinnen seien die Studienergebnisse eine gute Nachricht: Sie müssten nicht damit rechnen, durch neurotoxische Wirkungen der Chemotherapie zwangsläufig eine Schädigung ihrer kognitiven Funktionen zu erleiden. (run)

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