Sportmedizin

Das Schienbeinkanten-Syndrom bremst ehrgeizige Freizeitläufer

HOMBURG (ner). Das schmerzhafte Schienbeinkanten-Syndrom kommt bei Hobby-Läufern und bei professionellen Leichtathleten vor, die den Bodenbelag wechseln. Dabei handelt es sich um eine Funktionsstörung in einem geschlossenen Muskelkompartiment. Im Extremfall muss operiert werden.

Veröffentlicht: 16.04.2007, 08:00 Uhr

Das Schienbeinkanten-Syndrom ist der dritthäufigste Sportschaden bei Leichtathleten, vor allem Läufern. Darauf haben Dr. Sascha Bambach aus Homburg/Saar und seine Kollegen hingewiesen (Dtsch Zschr für Sportmed 57, 2006, 282). Synonyme sind mediales tibiales Stress-Syndrom oder Periostitis.

Bei körperlicher Anstrengung nehme das Muskelvolumen bis auf das 15-fache zu, so die Orthopäden. Es komme zu einem Missverhältnis zwischen der sich rasch vermehrenden Muskelmasse und der wenig elastischen Muskelfaszie. Dadurch erhöht sich der Gewebsdruck, die Sauerstoffversorgung nimmt ab, die Flüssigkeitsfreisetzung aus den Gefäßen nimmt zu. Folge sind degenerierte oder ne-krotische Muskelzellen in dem Kompartiment.

Ausgelöst werden die Veränderungen durch forciertes Training oder Fußüberlastung beim Laufen auf hartem Boden. Denn das Fußlängsgewölbe wird von Unterschenkelmuskeln stabilisiert, die als Pronationsbremse wirken. Diese Muskeln sind M. tibialis posterior, M. flexor digitorum longus und M. flexor hallucis longus. Gerade auf hartem Boden seien die Pronationsgeschwindigkeiten hoch, so Bambach. Auch ein Anabolika-Missbrauch könne die Ursache des Syndroms sein.

Die Patienten klagen über Schmerzen, die nach einer Laufstrecke von etwa 500 m auftreten und sie zum Abbruch des Sports zwingen. Es sind diffuse Schwellungen über dem mittleren und unteren Drittel der medialen Schienbeinkante zu erkennen, die schmerzhaft gegen Druck sind. In schweren Fällen treten auch Par- und Hypästhesien in der medialen Fußwölbung auf.

Zum Ausschluss einer Stressfraktur sollte eine Röntgenaufnahme in zwei Ebenen sowie eine Skelettszintigrafie veranlasst werden. Mit Magnetresonanztomografie sind Knochenödeme zu erkennen, gegebenenfalls sogar ausgestrichene Gefäße. Zur Bestätigung der Diagnose empfehlen Bambach und seine Kollegen die Messung des intrakompartimentalen Drucks in Ruhe.

Körperliche Schonung, also ein Trainingsabbruch, ist der Kern der Behandlung. Die Patienten können ihre Fitness mit Schwimmen oder Fahrradfahren erhalten. Beim Fahrradfahren sollten sie das Pedal allerdings mit der Ferse treten. Zu lokaler Wärme, lokalen oder systemischen Antiphlogistika und Muskelrelaxanzien raten die Homburger Sportmediziner ebenfalls. Hinzu kommen Hochvolttherapie und niederfrequente Ströme, um die Regeneration zu beschleunigen.

Schmerzhaft, aber wirkungsvoll sei die Periostmassage, so Bambach. Dabei handelt es sich um eine besondere Form der Reflexzonenmassage, bei der ein starker Druck auf das Periost ausgeübt wird. Ergänzend erfolgen Lockerungsmassagen. Die ultima ratio ist die chirurgische Längsspaltung der Faszie.

Zwei bis vier Wochen Pause müssen die Sportler akzeptieren, bevor sie das Training allmählich wieder aufnehmen können. Damit sich möglichst kein Rezidiv entwickelt, sind verschiedene vorbeugende Maßnahmen möglich. So muss der Sportler die Trainingsintensität an seine Möglichkeiten anpassen oder Fußfehlstellungen mit entsprechendem Schuhwerk oder Einlagen ausgleichen. Den Wechsel auf einen anderen Bodenbelag sollten sie langsam vollziehen und dabei weiche Böden bevorzugen. Ausreichendes Aufwärmen vor jedem Training sollte selbstverständlich sein.



Häufige Ursachen der Periostitis

  • Wechsel der Lauftechnik oder Wechsel des Bodenbelags im Frühjahr und Herbst,
  • intensives Training auf hartem Belag,
  • Sprungsportarten,
  • intensives Lauftraining
  • Vorfußbelastung bei Vorfußläufern,
  • vermehrte Fußaußenrotation oder Pronation,
  • Spikes- oder Schuhwechsel,
  • abrupte Belastungssteigerungen oder Änderungen im Trainingsregime. (ner)
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