Gar nicht so selten

Depressiv nach dem Sex

Fast die Hälfte aller jungen Frauen hat das schon mal erlebt: eine scheinbar grundlose Traurigkeit nach dem Sex. Aber was steckt dahinter?

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Fast die Hälfte der jungen Frauen hat einen postkoitalen Blues schon erlebt. Die Hintergründe sind noch nicht geklärt.

Fast die Hälfte der jungen Frauen hat einen postkoitalen Blues schon erlebt. Die Hintergründe sind noch nicht geklärt.

© TommL / iStock

KELVIN GROOVE. Nein, es geht hier nicht um Sex, der so schlecht ist, dass Frauen danach unweigerlich heulen müssen.

Auch wenn das vermutlich der häufigste Grund für eine miese Stimmung nach dem Geschlechtsakt sein dürfte, mit dem postkoitalen Blues oder der postkoitalen Dysphorie ist etwas anderes gemeint: das Gefühl, ohne erkennbaren Grund traurig zu sein, eine erdrückende Melancholie, aber auch plötzliche Angst oder grundlose Aggression und Wut unmittelbar nach dem Geschlechtsakt.

Bindungsangst, Unsicherheit, Kontrollverlust

Erklärt wird dieses Phänomen, das zum Formenkreis der weiblichen Sexualfunktionsstörungen gehört, mit Bindungsängsten, Unsicherheit, Kontrollverlust, einer mangelhaften Abgrenzung des Ichs und dem Verlust des Selbstgefühls während des Aktes, schreiben australische und Schweizer Psychologen um Dr. Robert Schweitzer von der Queensland University in Kelvin Groove (Sexual Medicine 2015; epub 5.10.15).

Wie häufig Frauen vom postkoitalen Blues befallen werden, ist jedoch weitgehend unklar. Erste Studien deuten darauf, dass rund jede dritte Frau schon einmal ein solches Erlebnis hatte, 5-10 Prozent scheinen regelmäßig davon betroffen zu sein.

Die Forscher um Schweitzer wollten die Prävalenz nun anhand einer eigenen Studie ermitteln.

Dazu konnten sie über eine Anzeige an australischen Universitäten knapp 200 heterosexuelle Studentinnen (Durchschnittsalter 26 Jahre) gewinnen, die online einen Fragebogen ausfüllten. Dieser enthielt unter anderem den "Female Sexual Functioning Index (FSFI)" mit 19 Fragen, zusätzlich sollten sie zwei Fragen zur postkoitalen Dysphorie beantworten.

"Hatten Sie jemals in ihrem Leben nach einvernehmlichem Sex ein Problem, weil Sie sich unerklärlicherweise den Tränen nahe oder sehr traurig fühlten?" sowie "Hatten Sie dieses Problem innerhalb der vergangenen vier Wochen?" Die Frauen konnten zudem angeben, wie häufig sie den Blues bekamen.

Häufigkeit unterschätzt

Die Ergebnisse: Knapp die Hälfte der jungen Frauen (46 Prozent) konnte sich daran erinnern, schon einmal von postkoitaler Dysphorie heimgesucht worden zu sein, 5 Prozent hatten den Blues in den vergangenen vier Wochen und 2 Prozent gaben an, sich meist oder immer nach dem Geschlechtsakt unerklärlich traurig zu fühlen.

Insgesamt zeigte sich ein gewisser Zusammenhang mit dem FSFI-Wert: Frauen mit anderen sexuellen Problemen fühlten sich nach dem Akt gehäuft dysphorisch, auch solche mit Missbrauchserlebnissen in der Kindheit - das waren immerhin 20 Prozent - waren vermehrt betroffen. Dagegen gab es keinen Zusammenhang mit Alter oder Dauer der Beziehung.

Der postkoitale Blues sei in seiner Häufigkeit bislang weit unterschätzt worden, interpretieren Schweitzer und Mitarbeiter die Ergebnisse. Auch sei über die Ursachen wenig bekannt - es müsse daher noch viel zu diesem Phänomen geforscht werden.

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