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Hintergrund

Deutschland traut sich nicht an die Dicken ran

In Hamburg tagen die weltweit führenden Adipositas-Chirurgen. Ihre einhellige Meinung: In Deutschland könnte mehr für Fettleibige getan werden - vor allem mit Hilfe der Chirurgie. Ein Problem sind Fragezeichen bei der Kostenübernahme.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Eine stark adipöse Patientin wird für eine laparoskopische Op zum Einsatz eines Magenschrittmachers vorbereitet.

Eine stark adipöse Patientin wird für eine laparoskopische Op zum Einsatz eines Magenschrittmachers vorbereitet.

© Ebener / dpa

In Hamburg findet gerade der 16. Weltkongress der Internationalen Vereinigung für Chirurgie der Adipositas und Stoffwechselerkrankungen (IFSO) statt. Besonders die noch nicht komplett verstandenen Langzeitfolgen der bariatrischen Chirurgie werden erörtert.

"Für mich ist die Frage am spannendsten, warum adipöse Typ-2-Diabetiker am Tag nach der Operation ihren Diabetes verlieren und teilweise keine Medikamente zur Diabetes-Therapie mehr brauchen. Ich erhoffe mir Antworten zu den Mechanismen der Adipositas-Chirurgie", sagt Professor Matthias Blüher von der Universitätsklinik in Leipzig der "Ärzte Zeitung".

Der Endokrinologe ist Mitglied der elfköpfigen Expertengruppe Metabolische Chirurgie*.

Das Gremium aus Internisten, Chirurgen und Ernährungsberatern kümmert sich seit Jahren darum, die auch "metabolische Chirurgie" genannten Adipositas-chirurgischen Verfahren in Deutschland zu etablieren, zu evaluieren und deren Qualität zu sichern.

Nutzen ist groß, aber es gibt auch einige Risiken

Letzteres ist nötig, denn die teilweise erheblichen Veränderungen am gesunden Verdauungstrakt mit dem Ziel der Gewichtsreduktion berühren medizinethische Fragen.

Nur in Ansätzen ist klar, wieso die verschiedenen Operationsverfahren unter Umständen drastische metabolische Konsequenzen haben - zunächst in positivem Sinne.

Andererseits riskieren die Patienten Mangelerscheinungen und Folgeerkrankungen, wenn sie sich nach der Operation nicht richtig ernähren, etwa keine Vitamine und Spurenelemente substituieren.

Hinzu kommt eine zwar geringe, aber vorhandene postoperative Mortalität von durchschnittlich 0,3 Prozent. Insgesamt gewinnen die Patienten Lebensjahre: Nach der Operation sinkt die Mortalitätsrate um durchschnittlich 40 Prozent, bei Diabetikern sogar um 92 Prozent, so die Expertengruppe.

Dennoch fordert etwa der Diabetologe Professor Helmut Mehnert, "dass die Adipositas-Chirurgie als Therapie-Option eine absolute Ausnahme bleiben sollte" ("Ärzte Zeitung" vom 04.04.2011).

Auch darüber, welches der verschiedenen chirurgischen Verfahren - von der Implantation eines Magenbandes über Magen-Bypass-Operationen bis hin zu kombinierten Magen-Darm-Operationen oder der Anlage eines Schlauchmagens - im Einzelfall gerechtfertigt ist, gibt es unter den Experten keine einheitliche Meinung.

Die Daten reichen bisher nicht aus - unter anderem auch, weil die individuellen Gegebenheiten bei der Indikationsstellung eine große Rolle spielen.

"Ich erhoffe mir Antworten, welches der modernen operativen Verfahren die Nase vorn hat", sagt daher Blüher mit Blick auf den IFSO-Kongress.

In Deutschland werden derzeit jährlich etwa 6000 adipositaschirurgische Eingriffe vorgenommen.

Damit ist man hierzulande deutlich zurückhaltender als in Nachbarländern wie der Schweiz, Frankreich oder den Niederlanden, bezogen auf die Zahl der theoretisch infrage kommenden Patienten.

In Deutschland sind dies nach Schätzungen der Expertengruppe Metabolische Chirurgie etwa 20.000 Menschen.

Finanzierung der Nachsorge ist bisher ungeklärt

Ein Grund dafür könnte die Unterfinanzierung der bariatrischen Chirurgie durch die gesetzlichen Krankenkassen sein.

Zwar hat der Medizinische Dienst (MDK) gerade ein einjähriges interdisziplinäres Patientenschulungsprogramm (Doc Weight®) anerkannt, das von den Kassen anteilig finanziert werden soll.

Vor allem die lebenslang erforderliche Nachsorge der Patienten ist finanziell jedoch nicht abgedeckt. "Einen Teil davon übernimmt der Patient selber, typischerweise die Nahrungsergänzung mit Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen", so Blüher.

Die Übernahme der Kosten für die notwendigen ärztlichen, womöglich auch psychotherapeutischen Leistungen, für Ernährungsberatung und Bewegungsprogramme, um nach der oft deutlichen Gewichtsreduktion einen erneuten Gewichtsanstieg oder Sekundärerkrankungen zu verhindern, ist dagegen nicht geklärt.

Indikationen zur Metabolischen Chirurgie

Laut der S3-Leitlinie "Chirurgie der Adipositas" (Juni 2010) ist ein adipositaschirurgischer Eingriff nach erschöpfender konservativer Therapie angezeigt bei Menschen mit einem Body Mass Index von 40 oder bei einem BMI von 35 und bereits eingetretenen Adipositas-Folgekrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen. Tendenziell verweisen manche Krankenkassen die Patienten an ausgewiesene Adipositas-Zentren. Für die Zertifizierung als Adipositas-Zentrum müssen bestimmte Mindestanforderungen erfüllt werden. Gefordert werden für ein Kompetenzzentrum mindestens 50, für Referenzzentren mindestens 100 Eingriffe pro Jahr.

www.expertengruppe-mbc.de, www.ifso2011.de, www.adipositas-gesellschaft.de 

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