Experten-Kommentar

Diabetiker müssen „closed loop“ auch erstattet bekommen!

Von Prof. Dr. Stephan MartinProf. Dr. Stephan Martin Veröffentlicht:
Prof. Stephan Martin appelliert an Kassen, manche Innovation bei Diabetes als Kassenleistung aufzunehmen.

Prof. Stephan Martin appelliert an Kassen, manche Innovation bei Diabetes als Kassenleistung aufzunehmen.

© Stephan Martin

Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit vollzieht sich bei der Insulintherapie eine technische Revolution. Treiber sind dabei vor allem moderne Insulinpumpen sowie die Diagnostik zur Kontrolle der Blutglukose. Wurde für die Bestimmung in den 1970er Jahren noch ein kleines chemisches Labor gebraucht, sind inzwischen nur noch wenige Mikroliter Blut notwendig, um binnen weniger Sekunden ein sehr valides Ergebnis zu haben. Doch auch diese Errungenschaft wird jetzt durch die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) abgelöst.

Subkutane Sensoren messen bei der CGM die Gewebeglukose, die, etwas zeitlich verzögert, sehr gut mit der Blutglukose korreliert. Dabei können Betroffene ihre Glukosewerte jederzeit in Echtzeit abrufen und ihre Therapie daran anpassen. Die Nutzung der CGM kann bei Menschen mit Typ-1-Diabetes zu einer verbesserten diabetischen Stoffwechseleinstellung und auch zu einer reduzierten Rate an Hypoglykämien beitragen (Lancet 2018; 391: 1367 und Diab Care 2019; online 17. September).

CGM-Systeme sind zudem die Grundlage für einen „closed loop“. Dabei wird eine Insulinpumpe mit einem CGM-Sensor verbunden. Die basale Insulingabe der Pumpe wird dabei automatisch anhand der Glukose-Messwerte durch einen Algorithmus angepasst.

Ein erstes solches „künstliches Pankreas“ ist gerade in Deutschland eingeführt worden. Hierbei müssen die Nutzer allerdings noch zu den Mahlzeiten die Insulinmenge entsprechend der aufgenommenen Kohlenhydratmenge selbst abrufen.

Mehr als Stoffwechseloptimierung

In einer aktuellen Studie wurden 168 Menschen mit Typ-1-Diabetes randomisiert entweder einer Gruppe mit einem solchen „closed loop“-System oder einer Kontrollgruppe zugewiesen. Die Kontrollpatienten nutzten dabei die Insulinpumpe und den Glukosesensor separat (N Engl J Med 2019; 381: 1707).

Primärer Endpunkt war die „time in range“ (TIR), das heißt, der Anteil der täglichen Zeit im Blutzucker-Zielbereich von 70 bis 180 mg / dl. Ergebnis: Zu Beginn der Studie lag die TIR in beiden Gruppen im Schnitt bei etwa 60 Prozent im Tagesverlauf. Nach sechs Monaten war sie in der „closed loop“-Gruppe um zehn Prozentpunkte auf 71 Prozent gestiegen, in der Kontrollgruppe aber weitgehend unverändert geblieben. Auch der mittlere HbA1c sank in der „closed loop“-Gruppe signifikant ab.

Die Ergebnisse sind nicht nur in Hinblick auf die Stoffwechseloptimierung von Interesse. Typ-1-Diabetes bedeutet nicht einfach nur Insulin spritzen, sondern erfordert von den Betroffenen ständige Aufmerksamkeit: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 52 Wochen pro Jahr.

Jetzt sind die Kassen gefragt

Betroffene können von dieser Erkrankung keinen Urlaub machen. Der Typ-1-Diabetes ist immer dabei und muss beachtet werden, sei es beim Sport, einer Feier oder beim ersten „Date“. Ein Mal nicht richtig aufgepasst und man hat eine Unterzuckerung, die bis zur Bewusstlosigkeit führen kann.

Die neuen technischen Möglichkeiten geben daher Hoffnung, dass die Patienten zumindest zwischen den Mahlzeiten „entspannen“ können. Hier sind aber die Krankenkassen gefordert den Betroffenen unkompliziert diese Systeme auch zur Verfügung zu stellen.

Hier gibt es noch deutliche Defizite: Auch wenn Vorstände in Sonntagsreden gerne die Leistungen ihrer Krankenkassen hervorheben, sieht es bei der Bewilligung allein von CGM-Sensoren in der Praxis nicht so rosig aus. Bei manchen Kassen gehen die Anträge erst einmal verloren oder es folgen unbegründete Ablehnungen.

Ich appelliere an Krankenkassenvorstände, und zwar gesetzlich oder privat: Nehmt Eure Leistungsabteilungen ins Gebet, damit nicht der Eindruck eines „oben Hui und unten Pfui“ entsteht.

Prof. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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Kommentare
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Courtial

Dann sollte die Zulassung solcher Systeme aber auch ein wenig schneller gehen. Denn daran scheitert es derweil extrem.
Siehe #minimed670G.
Des weiteren stehen ja die Diabetologen mit einem Beim förmlich im Gefängnis stehen, wenn se n DIY-Closed Loop „empfehlen“, da sie bei der Sache dann als Hersteller in Erscheinung treten. Dazu kommt dann noch, liebe Krankenkassen, dass im GKV Hilfsmittelkatalog ein System als rtCGMS eingetragen ist, was es definitiv aber nicht ist.
Wie man sieht, sind hier auch noch viele weitere Baustellen, die es zu bearbeiten gilt.


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