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Hintergrund

Die meisten Raucher sind abhängig - ist Rauchen deshalb auch eine Krankheit?

Sind Raucher krank? Über diese Frage ist ein bundesweiter Streit entbrannt, in dem sich Ärzte, Kassen, Politiker, Industrie, Nichtraucher- und Raucherverbände positionieren.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Mehr als jeder vierte Bundesbürger raucht. 85 Prozent davon rauchen regelmäßig. Die meisten Raucher sind tabakabhängig.

Mehr als jeder vierte Bundesbürger raucht. 85 Prozent davon rauchen regelmäßig. Die meisten Raucher sind tabakabhängig.

© Foto: Jörg Hahnwww.fotolia.de

Auslöser der Diskussion ist eine Initiative der Bundesärztekammer, die eine Anerkennung von Tabakabhängigkeit als Krankheit fordert. Der BÄK geht es dabei nicht um die Raucher allgemein, wie in der Debatte mitunter suggeriert wird, sondern explizit um die abhängigen Raucher.

Dass Süchtige krank sind, darüber dürfte es eigentlich keinen Streit geben, denn das ist in der ICD-10 eindeutig geregelt. So wird in Kapitel V "Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen" (F10-F19) unter "Abhängigkeitssystem" Tabak explizit erwähnt und unter F17 noch einmal gesondert gelistet. Auch das in diesem Zusammenhang aufgeführte "Entzugssyndrom" ist auf viele Gewohnheitsraucher, die ihrer Sucht abschwören wollen, anzuwenden.

Mit ihrer Forderung, Tabakabhängigkeit als Krankheit einzustufen, zielt die BÄK also eher auf das öffentliche Bewusstsein, in dem Rauchen häufig als Lifestyledroge verharmlost wird. Unterstützung erhält die Bundesärztekammer dabei von Suchtexperten. So verlangte Professor Karl Mann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie erst Mitte Juni beim 1. Deutschen Suchtkongress in Mannheim: Mit einer Anerkennung der Tabakabhängigkeit als Krankheit müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Krankenkassen und Rehaträger die Kosten für medikamentöse oder andere Ausstiegshilfen für Raucher finanzieren.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), sagte, dass schwerstabhängige Raucher krank seien, und kündigte an, dass im Gespräch mit der BÄK geklärt werde, wo die Grenze zwischen Nikotinabhängigen und Genussrauchern zu ziehen sei.

Die meisten Raucher, das ist unbestritten, sind tatsächlich süchtig. Das liegt an der besonderen Wirkungsweise des Nikotins. Ein Teil des beim Rauchen freigesetzten Nikotins erreicht innerhalb von nur sieben Sekunden das Gehirn, wo es auf die Acetylcholin-Rezeptoren wirkt.

Extrem hoch: Suchtpotenzial von Nikotin

In der Folge werden Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Endorphine ausgeschüttet. Die besondere Wirkung von Nikotin besteht darin, dass es das Dopaminsystem, besonders die Belohnungsareale der Großhirnrinde (Nucleus accumbens), beeinflusst. Regelmäßiges Rauchen führt zu einer Vermehrung der Acetylcholin-Rezeptoren, was die Entzugssymptomatik verstärkt. Zigaretten enthalten zudem Substanzen, die die Suchtwirkung erhöhen, indem sie als Nikotinbeschleuniger wirken

Nikotin gilt als eine der am schnellsten abhängig machenden Substanzen. Das Suchtpotenzial ist dem von Heroin ähnlich. Daher verlangen Experten wie der Suchtexperte Mann, Tabak- und Alkoholabhängigkeit hinsichtlich ihrer Anerkennung als Krankheit gleich zu behandeln. Und das Deutsche Krebsforschungszentrum schreibt in seinen Empfehlungen für eine wirksame Tabakkontrollpolitik: "Tabakerzeugnisse sind die einzigen frei verfügbaren Konsumgüter, die bei einem Großteil derer, die sie bestimmungsgemäß verwenden, zu Abhängigkeit, schwer wiegenden Gesundheitsschäden und vorzeitigem Tod führen."

Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind 27 Prozent der Bundesbürger Raucher. 85 Prozent davon rauchen regelmäßig, 15 Prozent gelegentlich. Jährlich sterben zwischen 110 000 und 140 000 Bundesbürger an den Folgen. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch tabakbedingte Krankheiten und Todesfälle belaufen sich auf etwa 17 Milliarden Euro jährlich.

Lesen Sie dazu auch: Ärzte wollen Raucher offensiver aufklären

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Mehr Schutz vor kranken Rauchern!

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