HINTERGRUND

Doping im Radsport überschattet den Start der Tour der France

Ivan Basso, Erik Zabel, Matthias Kessler, Danilo Di Luca, Jörg Jaksche - die Namensliste reuiger und aktueller Dopingsünder im Radsport wird immer länger. Die Tour de France, die am nächsten Wochenende startet, rückt dadurch als sportliches Ereignis in den Hintergrund. Diskutiert wird vielmehr: Wer darf noch mitfahren und wer gesteht als nächstes?

Von Ruth NeyRuth Ney Veröffentlicht:

Mit dem Geständnis von Jörg Jaksche, der nicht nur zugegeben hat, selbst seit Jahren zu dopen, sondern auch klar Teamchefs, Funktionäre und Ärzte der Mitwisserschaft bezichtigt, ist der Radsport weiter unter Druck geraten. Denn der Verdacht, dass dort flächendeckend gedopt wird, hat neue Nahrung bekommen.

Seine Erfahrungen machte Jaksche als Profi bei bekannten Teams wie Polti, Telekom, Once, CSC und Liberty Seguros. Gedopt habe er bei allen - mit Hilfe von Ärzten und dem Wissen der Leiter, bekannte er diese Woche in einem Interview im "Spiegel". Von Epo über Kortison bis Eigenblut beim spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, auf dessen Liste Ivan Basso und auch Jan Ulrich stehen sollen, war alles dabei. Jaksche: "Es ist pervers, aber das Doping-System ist gerecht, weil alle dopen." Dass Ärzte Doping im Radsport unterstützen, wurde zuletzt mit den Geständnissen der Freiburger Sportmediziner Andreas Schmid und Lothar Heinrich, ehemals Teamärzte bei T-Mobile, offenkundig.

Jaksche, selbst Sohn eines Arztes, beschuldigte nun direkt einen Mediziner aus Bad Sachsa, gegen den die Staatsanwaltschaft Göttingen bereits ermittelt. Dieser habe ihm im Auftrag von Fuentes bei der Tour de France 2005 Epo gespritzt. Auch dass Teamchefs wie Bjarne Riis (CSC) schon mal gedopt haben, ist bekannt. Die jetzt beschuldigten Teamleiter weisen aber jegliche Beteiligung an systematischem Doping weit von sich und werfen Jaksche vor, Gerüchte zu verbreiten.

Dennoch wurde der frühere Telecom-Teamchef Walter Godefroot als Berater des Astana-Rennstalls jetzt entlassen. Nach Angaben des aktuellen Teamchefs Marc Biver, weil Godefroot seine Arbeit, den Aufbau neuer technischer Strukturen im Team, abgeschlossen habe. Mit dem Nürnberger Matthias Kessler - er wurde positiv auf Testosteron getestet - und dem Italiener Eddy Mazzoleni wurden zudem vergangene Woche zwei Fahrer aus dem Team wegen Doping-Verdachts suspendiert.

Von Mazzoleni erhoffen sich Doping-Ermittler Informationen zum mutmaßlichen Dopingarzt Carlo Santuccione. Giro-Sieger Danilo Di Luca (Team Liquigas) wurde bereits als Doping-Kunde des italienischen Sportmediziners entlarvt, der als Komplize von Fuentes gilt. Alexander Winokurow - er startet wie Andreas Klöden für Astana bei der Tour de France - ist durch Jaksches Geständnis ebenfalls in Bedrängnis geraten. Er weist jedoch alle gegen ihn erhobenen Verdächtigungen zurück.

Vorgestern wurde nun auch Alessandro Petacchi aus dem Team Milram vernommen. Bei ihm waren beim Giro d‘Italia überhöhte Salbutamol-Werte im Urin festgestellt worden. Nun soll geklärt werden, ob er das Asthma-Mittel versehentlich oder mit Doping-Absichten überdosiert hat. Auch der von Jaksche stark belastete italienische Team-Manager Gianluigi Stanga, der alle Vorwürfe abstreitet, Jaksche zum Doping gebracht zu haben, wurde vernommen.

Um Doping bei der Tour de France über die normalen Vorkehrungen und Bluttests hinaus zu vermeiden, hat der Weltverband des Radsports (UCI) inzwischen einen Ehrenkodex aufgesetzt. Fahrer, die an der großen Schleife teilnehmen wollen, müssen dabei unterschreiben, dass sie keinen Verstoß gegen das Antidopingreglement des UCI begehen werden.



STICHWORT

Die UCI-Erklärung - ein Ehrencodex

Mit der Unterschrift unter die Erklärung vom Weltverband des Radsports (UCI) erklären Radsportler, dass sie weder in die Puerto-Affäre noch in eine andere Doping-Affäre verwickelt sind. Zudem erklären sie sich bereit, ihre DNA für Aufklärungsarbeiten zur Verfügung zu stellen und beim Nachweis von Doping ein Bußgeld in Höhe eines Jahreseinkommens zu akzeptieren. Die UCI hat die Unterschrift als Voraussetzung für die Tour-Teilnahme gefordert. Die Fahrer vom Team Gerolsteiner und T-Mobile haben bereits alle unterschrieben. Beim deutsch-italienischen Team Milram sind es bislang 16 von 27 Akteuren.

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