Zeltstadt statt Festanstellung

Dr. Wjahat Waraich testet und impft dort, wo sonst keiner hingeht

In Hannover-Vahrenheide leben viele Migranten und Erwerbslose – mit vielen Zweifeln an Impfungen. Dr. Wjahat Waraich ist hier aufgewachsen und erklärt, wie er die Menschen vom Corona-Impfen überzeugt.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Dr. Wjahat Waraich mit seinem Team auf dem Vahrenheider Marktplatz in Hannover.

Dr. Wjahat Waraich mit seinem Team auf dem Vahrenheider Marktplatz in Hannover.

© privat

Hannover. Drei weiße Zelte stehen auf dem Wochenmarkt des Hannoveraner Stadtteils Vahrenheide. Hier können sich die Bewohner des Stadtteils heute schon über die Corona-Impfungen informieren und sich testen lassen. In bestenfalls bereits drei Wochen sollen sie sich hier mitten in ihrem Stadtteil auch impfen lassen können. Die Initiative zu der kleinen Zeltstadt als Informations-, Test- und Impfzentrum kam von dem 33-jährigen Gynäkologen Dr. Wjahat Waraich.

Er hat die Zelte zusammen mit der Städtischen Feuerwehr aufgebaut, weil es sonst niemand getan hat. Denn das Viertel Vahrenheide gilt in Hannover als sozialer Brennpunkt. „Hier lebt die klassische Arbeiterschaft, die Busfahrer, Handwerker, Reinigungskräfte und auch Erwerbslose“, sagt Waraich, der hier als Sohn pakistanischer Einwanderer aufgewachsen ist.

Viele Bewohner seines Viertels haben ihre Probleme mit dem Deutschen in Schrift und Wort. „Wer schon Schwierigkeiten hat, seinen Namen zu schreiben, wird auch mit den Impfeinladungen seine liebe Mühe haben“, sagt Waraich. Klar, dass andere Anbieter ihre Testzentren lieber in gut bürgerlichen Stadtteilen aufbauen. „Ihnen ist wohl der Aufwand hier zu groß“, vermutet Waraich. Nach Vahrenheide habe sich jedenfalls kein kommerzieller Betreiber eines Testzentrums getraut. „Geld gibt es hier nicht zu verdienen,“ sagt Waraich.

Misstrauen vor dem Impfstoff verbreitet

Dass sich die Menschen aus sozialen Brennpunkten seltener impfen lassen, liege auch an ihrer Skepsis. Sie bringen aus ihren Herkunftsländern großes Misstrauen vor dem Impfstoff mit („Die russischstämmigen Bewohner wollen nur Sputnik“) oder vor den angeblichen Folgen der Impfung („Die Leute fürchten: Impfen macht steril“).

Wer schon Schwierigkeiten hat, seinen Namen zu schreiben, wird auch mit den Impfeinladungen seine liebe Mühe haben.

Dr. Wjahat Waraich, Gynäkologe aus Hannover

Aber die migrantischen Mitbürger seien keine Corona-Leugner, sagt Waraich. „Sondern sie sind einfach schlecht informiert.“ Die meisten hier leben in ihren sozialen Blasen, in ihrem Milieu. Es gibt darum viele Fragen und Vorbehalte, die in den normalen Impfzentren nicht angemessen beantwortet werden könnten.

Rat und Hilfe ohne Anmeldung

„Zwar ziehen inzwischen auch die mobilen Impfteams durch die Brennpunkt-Viertel. Aber sie erreichen nur die Impfwilligen, die einen schnellen Termin brauchen. Und wenn die Bevölkerung hier Fragen habe, seien die Teams bereits weitergezogen“, berichtet Waraich. In das Informations-, Test- und Impfzentrum auf dem Vahrenheider Marktplatz kommen die interessierten einfach ohne Anmeldung herein.

Die Informationen erhalten sie von einem mehrsprachigen Team, das Waraich im Stadtteil rekrutiert hat. Beim Impfen wird Waraich mit einem Pflegedienst kooperieren. Wenn der Impfstoff erst da ist, wird auch die Apotheke am Ort an heißen Tagen kühle Räume zur Verfügung stellen, wo die Spritzen aufgezogen werden können. Herausfordernd dürften trotz aller Bemühungen die Zweitimpfungen werden. „Wenn die Leute die erste Spritze bekommen haben, müssen wir sie einfach überzeugen, auch die zweite Impfung in Anspruch zu nehmen. Vertrauen ist der Schlüssel“, sagt Waraich. „Oder wir verimpfen den Impfstoff von Johnson & Johnson.“

Waraich steht kurz vor seiner Facharztprüfung als Gynäkologe. „Ich habe sogar das Angebot von meinem Krankenhaus, zu bleiben“, berichtet der 33-Jährige. „Aber den Vertrag habe ich zu Gunsten meines Projekts ausgeschlagen.“ Für den jungen Mediziner ist die Zeltstadt auf dem Marktplatz nicht sein erstes soziales Engagement. Immer wieder habe er zwei Wochen seines Urlaubs abgezweigt, um in Indien oder Afrika als Gynäkologe zu unterstützen. „Ich bin überzeugt“, sagt Waraich, „dass wir als Ärzte auch eine Verpflichtung haben, Armen und sozial benachteiligten Menschen zu helfen.“

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