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HINTERGRUND

Erhöhen Stammzellen die Pumpleistung nach einem Herzinfarkt? Das soll nun eine große Studie klären

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Bei der Behandlung von Herzinfarktpatienten mit adulten Stammzellen sind deutsche Arbeitsgruppen ganz vorne mit dabei. Ob das Verfahren allerdings hält, was sich seine Protagonisten vom ihm versprechen, ist unter Wissenschaftlern umstritten.

Bereits vor einem Dreivierteljahr haben Ärzte um Dr. Kai Wollert von der Medizinischen Hochschule Hannover die Ergebnisse der BOOST-Studie präsentiert. In der Studie wurde bei dreißig Patienten wenige Tage nach einem Myokardinfarkt in das bereits mit einem Stent versehene Gefäß eine Lösung mit Knochenmarkzellen infundiert. Die Follow-Up-Untersuchung nach einem halben Jahr zeigte eine Verbesserung der linksventrikulären Auswurfleistung um durchschnittlich 6,7 Prozentpunkte. 0,7 Prozentpunkte waren es in einer Kontrollgruppe.

Auf dem Europäischen Kardiologenkongreß präsentierte Professor Andreas Zeiher von der Universität Frankfurt am Main jetzt die Ergebnisse der TOPCARE-Studie, die demnächst in der Zeitschrift Journal of the American College of Cardiology publiziert werden. "Sie decken sich weitgehend mit den Erfahrungen der BOOST-Studie", so Zeiher.

Verglichen wurde der therapeutische Effekt einer Infusion von Knochenmark-Stammzellen mit endothelialen Progenitorzellen aus dem peripheren Blut. Solche Progenitorzellen sind normalerweise an der Reparatur von Gefäßschäden beteiligt. "In beiden Gruppen konnten wir nach einem Jahr einen Anstieg der linksventrikulären Auswurfleistung um acht bis neun Prozentpunkte nachweisen", wie Zeiher in München berichtete.

Die Restenose-Rate war in beiden Studien nicht erhöht

Sowohl Zeiher als auch Wollert betonten die Sicherheit des Eingriffs: Die Rate an Restenosen im Stent war in beiden Studien nicht erhöht, allerdings kam es in einer Arbeit, die kürzlich von einer koreanischen Arbeitsgruppe veröffentlicht wurde, vermehrt zu Restenosen. Diese Arbeit kritisierten die beiden deutschen Forscher scharf: Das dort angewandte Verfahren, bei dem Wachstumsfaktoren vor der Stentimplantation verabreicht wurden, sei nicht geeignet für die Stammzelltherapie von Herzinfarktpatienten.

Nach den bisherigen Studien hält Zeiher die Stammzellinfusionen nach einem Myokardinfarkt jetzt für hinreichend sicher, um sich an die bisher größte kontrollierte Studie zu wagen. So ist in Frankfurt jetzt die REPAIR AMI-Studie angelaufen, bei der bis zum Jahresende insgesamt zweihundert Patienten mit Myokardinfarkt entweder eine Standardbehandlung oder zusätzlich eine Therapie mit Stammzellen aus dem Knochenmark erhalten sollen.

Was weder Zeiher noch Wollert bisher liefern können, sind Daten, die zeigen, daß die verbesserte Herzfunktion tatsächlich darauf zurückzuführen ist, daß sich die infundierten Stammzellen im Bereich der Infarktnarbe festsetzen und sich dort in funktionsfähige Herzmuskelzellen verwandeln.

"Daß das wirklich passiert, ist beim Menschen bisher nicht zweifelsfrei nachgewiesen worden", sagt Dr. Jonathan Leor von der Universität Tel Aviv. Er zeigte sich in München jedoch optimistisch, daß dieser Nachweis gelingen werde. Weniger optimistisch war kürzlich ein Kommentator in der Zeitschrift Nature, der den Nutzen einer Zelltherapie mit adulten Stammzellen sehr skeptisch beurteilte.

Die Anhänger der Stammzelltherapie weisen freilich darauf hin, daß sich die funktionellen Verbesserungen auch anders erklären lassen: So könnten endotheliale Progenitorzellen am Herzen zu einer stärkeren Blutgefäßneubildung führen. Auch kommt es wohl zu einer veränderten Ausschüttung von Gewebshormonen. Beide Faktoren könnten dazu beitragen, daß sich der Infarkt nicht so stark ausdehnt, wie das sonst der Fall wäre, und daß die fibrotische Umwandlung des Infarkt-Areals weniger ausgeprägt verläuft.

Embryonale Stammzellen verringern bei Tieren Infarktgröße

Wer allerdings die frühen Versprechen der Zelltherapeuten, einen Jungbrunnen für das Herz zu schaffen, einlösen möchte, der kommt um neue Herzmuskelzellen nicht herum. Dr. Christian Kupatt vom Klinikum Großhadern in München untersucht an Tiermodellen den Nutzen von embryonalen Stammzellen. Er konnte zeigen, daß embryonale Stammzellen von Mäusen nach Infusion in die Koronarvenen eines Schweins nicht nur die Ausdehnung eines künstlich erzeugten Herzinfarkts bremsen können, sondern daß sich die initiale Infarktgröße anders als mit adulten Stammzellverfahren tatsächlich verringerte, und zwar um dreißig bis vierzig Prozent. Der Clou: Obwohl es sich um Zellen einer anderen Tierart handelte, gab es aus noch unklaren Gründen keine Abstoßungsreaktion.



FAZIT

Die REPAIR AMI-Studie ist die erste große Studie, die den Nutzen einer Behandlung mit adulten Stammzellen bei Patienten mit frischem Myokardinfarkt untersucht - und zwar bei 200 Patienten. Ob die in kleineren Studien gezeigte Verbesserung der Pumpfunktion wirklich eine Folge der Neubildung von Herzmuskelzellen ist, wird von vielen bezweifelt. Eine im Tierversuch erfolgreiche Alternative ist die Behandlung mit embryonalen Stammzellen.

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