Gefährdete Mütter

Erst das Baby, dann bipolare Störung

Jede siebte Mutter wird in den ersten Wochen nach der Geburt ihres Kindes psychisch auffällig. Häufig sind Depressionen, Angststörungen aber auch bipolare Erkrankungen, wie eine neue US-Studie zeigt.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Nach einer Geburt besteht für Frauen das höchste Lebenszeitrisiko, eine bipolare Störung zu entwickeln.

Nach einer Geburt besteht für Frauen das höchste Lebenszeitrisiko, eine bipolare Störung zu entwickeln.

© Getty Images/iStockphoto

PITTSBURGH. Obwohl man inzwischen weiß, dass jede fünfte Mutter im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes depressiv wird, bekommen noch immer die wenigsten der Frauen eine antidepressive Therapie.

In der Regel sei der Anteil der frisch gebackenen Mütter, die eine Depressionsdiagnose und -therapie erhalten, sogar noch deutlich geringer als in der übrigen Bevölkerung, berichten US-Ärzte um Dr. Katherine Wisner von der Universität in Pittsburgh (JAMA Psychiatry 2013; 70(5): 490-498).

Da eine Depression der Mutter auch sehr ungünstig für die frühkindliche Entwicklung ist, wird diskutiert, ob es sich nicht lohnt, Mütter nach der Geburt generell auf Depressionen zu screenen.

Frauen postpartal untersucht

In einer Art Modellstudie haben Wisner und ihr Team nun genau das getan: Sie boten 17.600 Frauen kurz nach der Geburt ihres Kindes an, sie vier bis sechs Wochen später anzurufen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

Dafür verwendeten sie die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS) mit zehn Fragen und bis zu 30 möglichen Punkten (schwere Depression). Frauen wurden als auffällig betrachtet, wenn ihr EPDS bei zehn oder mehr Punkten lag. Dann boten ihnen die Studienärzte eine ausführliche Diagnostik bei einem Hausbesuch oder notfalls auch per Telefon an.

Dabei untersuchten sie gemäß DSM-IV während eines zweistündigen Gesprächs auf diverse psychische Störungen, denn sie vermuteten, dass sich hinter dem Begriff "postpartale Depression" eine ganze Reihe von Erkrankungen verbarg.

Die Ergebnisse: 10.000 der Mütter (57 Prozent) ließen sich auf das Screening ein. Knapp 1400 (14 Prozent) zeigten bei der Befragung mehr als einen Monat später auffällige EPDS-Werte.

Von diesen waren immerhin 60 Prozent bereit, sich zuhause genauer psychiatrisch untersuchen zu lassen, weitere 11 Prozent nahmen an einem telefonischen Diagnosegespräch teil ein.

Diagnostik gemäß DSM-IV

Die meisten der gemäß DSM-IV nachuntersuchten Frauen hatten tatsächlich eine unipolare Depression (69 Prozent), allerdings hatten auch zwei Drittel eine Angststörung, und fast jede vierte (23 Prozent) eine bipolare Erkrankung, was ein ungewöhnlich hoher Anteil ist.

Gerade bei diesen Frauen sei eine adäquate Therapie dringend nötig, berichten Wisner und Mitarbeiter. Werde hier nur antidepressiv behandelt, drohe ein Wechsel in die Manie oder gar ein Rapid Cycling mit schnell folgendem, schwer kontrollierbarem Phasenwechsel.

Da nach einer Geburt für Frauen das höchste Lebenszeitrisiko bestehe, eine bipolare Störung zu entwickeln, sei dies eigentlich ein guter Zeitpunkt für ein Screening, doch müssten hierfür erst noch validierte Werkzeuge ähnlich der EPDS entwickelt werden.

Die Forscher stellten weiter fest, dass nur bei 40 Prozent die Depression tatsächlich postpartal begann, ein Drittel war schon während der Schwangerschaft depressiv und mehr als ein Viertel schon vor Beginn der Schwangerschaft. Jede fünfte Depressive hatte gelegentlich oder häufig Suizidgedanken.

Als Erfolg wertete das Team von Wisner, dass alle Frauen, die bei der EPDS-Befragung Suizidgedanken angaben, einen Wert von über zehn Punkten erreichten und damit von der nachfolgenden Diagnostik erfasst wurden.

Die EPDS mit einer Schwelle von zehn Punkten eigne sich gut als Screening-Werkzeug für postpartale Depressionen und Suizidabsichten.

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