Prävention

Grippe-Impfung schützt nur jeden vierten Risikopatienten

Knapp 26 Prozent beträgt nach einer Analyse die Wirksamkeit der Grippeimpfstoffe bei Risikopatienten in dieser Saison. Experten plädieren trotzdem für den Schutz.

Von Wolfgang GeisselWolfgang Geissel Veröffentlicht:
Wegen des suboptimalen Impfschutzes sollten bei Risikopatienten mit Influenza-Verdacht unabhängig vom Impfstatus antivirale Medikamente erwogen werden, so ein Fazit aus der aktuellen Untersuchung.

Wegen des suboptimalen Impfschutzes sollten bei Risikopatienten mit Influenza-Verdacht unabhängig vom Impfstatus antivirale Medikamente erwogen werden, so ein Fazit aus der aktuellen Untersuchung.

© Lisa F. Young / iStock.com

NEU-ISENBURG. In Europa ermittelt das Netzwerk I-MOVE (Influenza – Monitoring Vaccine Effectiveness) mit Unterstützung der europäischen Seuchenbehörde ECDC und der WHO jede Grippe-Saison die Wirksamkeit der aktuellen Impfstoffe.

Beteiligt sind dieses Jahr 893 praktische Ärzte (meist Allgemeinmediziner und Pädiater) aus zwölf Ländern. Die Ärzte sammeln seit Oktober Daten zu Patienten mit "influenza-like illness" (ILI). Kennzeichen von ILI sind plötzlicher Krankheitsbeginn sowie je mindestens ein systemisches (etwa Fieber, Myalgie) und ein Atemwegs-Symptom (etwa Husten, Halsweh). Bei allen Betroffenen wird eine Influenza labordiagnostisch abgeklärt. Zur Analyse der Impf-Effektivität wurden jetzt Daten von 2250 Patienten mit Influenza A(H3N2) und 2773 Patienten ohne Influenza verglichen. H3N2 dominiert mit gut 94 Prozent Anteil an Influenza-Erkrankungen in Europa.

Ergebnis: Nach der Analyse beträgt die Schutzwirkung der Impfung 44,1 Prozent bei Kindern bis 14 Jahre, 46,9 Prozent bei 15 bis 64-jährigen und 23,4 Prozent ab 65 Jahre. In den Zielgruppen der Impfung (chronisch Kranke und Senioren) betrug sie 25,7 Prozent (Eurosurveillance 2017; online 16. Februar).

Wegen des suboptimalen Impfschutzes sollten bei Risikopatienten mit Influenza-Verdacht unabhängig vom Impfstatus antivirale Medikamente erwogen werden, betonen die Studienautoren. Eine Therapie mit Neuraminidasehemmern befürwortet auch der scheidende STIKO-Vorsitzende Dr. Jan Leidel aus Köln. "Die Krankheit wird durch die Behandlung zwar nur relativ wenig verkürzt, bei Risikopatienten kann das aber entscheidend für das Überleben sein", sagte Leidel auf Anfrage zur "Ärzte Zeitung". Besonders bei Ausbrüchen in Altenheimen könne eine solche Therapie segensreich sein.

Leidel appelliert an Ärzte, trotz der begrenzten Wirksamkeit weiter konsequent gegen Grippe zu impfen. "Ein Schutz von 25 bis 50 Prozent ist allemal besser als gar keiner, und einen besseren Schutz gibt es nicht", betont der Impfexperte.

Auch wenn Studiendaten fehlen, hält Leidel es für plausibel, dass Influenza nach Impfung vergleichsweise milder verläuft und dass regelmäßiges Impfen über mehrere Jahre hinweg den Schutz erhöht. Ebenso hält Leidel die adjuvantierten Impfstoffe und den intrakutanen Impfstoff wegen der besseren Immunogenität für wirksamer. Aber auch hierzu fehlt die Evidenz. Der intranasale Lebendimpfstoff wird wegen enttäuschender Studiendaten (vorübergehend) nicht mehr präferenziell für Kleinkinder empfohlen. Leidel selbst verwendet für sich und seine Familie einen tetravalenten Impfstoff, der allerdings – anders als im vergangenen Winter – in dieser Saison keinen Vorteil biete.

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