Pädiatrie

"Große Schwestern" für türkische Vorschulkinder

AACHEN (dpa). Das Kindergarten-Leben ist für die kleine Aliye kein Zuckerschlecken: Die Mutter hat sie hergebracht und ist gleich wieder gegangen. Jetzt ist das vier Jahre alte Mädchen allein. Die Sprache der anderen Kinder versteht es nicht. Aliye bleibt stumm und wirkt ängstlich. Sie taut erst auf, als Hülya Kleutgens mit ihr spricht - in sanftem Tonfall und auf Türkisch. Die 34jährige ist für türkische Kinder in Aachener Kindergärten die "Abla", die große Schwester: Sie hilft, wenn es klemmt.

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In dem gleichnamigen Integrationsprojekt arbeiten fünf "Ablas" in Aachener Kindergärten als Mittlerinnen zwischen der deutschen und türkischen Welt. Wie Hülya Kleutgens sind es Frauen, die beide Sprachen sprechen und die mit beiden Kulturen vertraut sind. Sie wollen "Fronten" aufbrechen.

"In Aachen gibt es Bezirke, da braucht man kein Wort Deutsch zu kennen, um etwas einzukaufen", beschreibt der türkische Honorarkonsul Hans-Josef Thouet das Leben in kleinen türkischen Zellen seiner Heimatstadt.

Die Folgen müssen die Kinder spätestens dann ausbaden, wenn sie in die Schule kommen: Sprachprobleme, schlechte Noten, später chancenlos auf dem Arbeitsmarkt. Thouet hat deshalb das Projekt "Abla" maßgeblich auf die Beine gestellt. Angesiedelt ist es beim deutsch-türkischen Verein Eurotürk, von der Stadt wird es unterstützt.

"Die Kinder fühlen sich verlassen. Sie verstehen die Sprache nicht. Wenn die anderen Kinder singen, können sie nicht mitsingen", beschreibt die türkisch-stämmige Hülya Kleutgens den Alltag vieler türkischer Kindergarten-Kinder. Sie sind mißtrauisch, ziehen sich zurück.

Kleutgens ist in Aachen geboren, hat deutsche und türkische Schulen besucht und ist mit einem deutschen Mann verheiratet. Bei ihren Besuchen in den Kindergärten spricht sie beide Sprachen mit den Kindern und öffnet ihnen so die Tür zur deutschen Sprache.

Sie sieht aber auch das Mißtrauen der Eltern - etwa wenn das Kind die für sie so fremden Oster-Basteleien mit nach Hause bringt. "Die Eltern haben Angst, daß die Kinder entfremdet werden", erzählt sie. Das Projekt "Abla" holt deshalb jetzt auch die Mütter mit ins Boot.

Mißtrauisch reagierten die türkischen Frauen anfangs auf die Einladung zu den "Mütter-Cafés". Heute sind die regelmäßigen Treffen gut besucht. Die Frauen lernen dabei auch Deutsch. Das verändert ihr Leben. "Eine Mutter hat ganz stolz erzählt, daß sie bei der Bank ganz alleine einen Dauerauftrag eingerichtet hat", erzählt Kleutgens von den kleinen, großen Erfolgen.

Konsulat fordert Imame auf, das Projekt zu unterstützen

Die "Ablas" haben eine starke Rückendeckung: Das türkische Generalkonsulat forderte die Imame zur Unterstützung des Projekts auf. Wohlwollen bemerkte Thouet auch im Düsseldorfer Integrationsministerium. Und die Stadt Köln fragte an, ob man das Projekt auf die Rheinstadt übertragen könne.

Doch für Thouet können die fünf Ablas für Aachen auch nur ein Anfang sein. "Wir brauchten 30", sagt der türkische Generalkonsul. Aber dazu fehlt das Geld. Die "großen Schwestern" arbeiten bisher noch auf der Grundlage von Ein-Euro-Jobs.

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