Erste Projekterfahrungen

Ist die PrEP der richtige Weg gegen HIV-Neuinfektionen?

Neue RKI-Daten belegen: Deutschland gelingt es bisher nicht, die Zahl der HIV-Neuinfektionen zu senken. Experten setzen daher auf Projekte zur medikamentösen Prävention – kurz PrEP.

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In anderen Ländern wie Großbritannien wurde in Zusammenhang mit der Prä-Expositionsprophylaxe bereits ein Rückgang beobachtet.

In anderen Ländern wie Großbritannien wurde in Zusammenhang mit der Prä-Expositionsprophylaxe bereits ein Rückgang beobachtet.

© 4421010037 / Getty Images / iStock

BERLIN. Die tägliche Dosis Schutz gegen die Infektion mit HIV kommt in kleinen verschweißten Plastikbeutelchen zum Patienten. Das Medikament mit der antiviralen Wirkstoff-Kombi Emtricitabin + Tenofovir , das sich Interessierte lange Zeit bei fragwürdigen Quellen im Ausland bestellten, ist seit Oktober in Deutschland erschwinglicher. Der Preis sank durch eine Initiative, bei der die Tabletten patientenindividuell verblistert werden, auf 50 Euro monatlich – bezahlen müssen ihn die Bezieher allerdings aus eigener Tasche.

Inzwischen sind bereits mehr als 1000 Rezepte eingelöst worden, wie der HIV-Forscher Hendrik Streeck der Deutschen Presse-Agentur sagte. Er leitet eine Begleitstudie. Die große Frage dabei: Infizieren sich von nun an nachweislich weniger Menschen mit dem Virus?

Erfolge mit PrEP in England

Diese Hoffnung verbinden Experten mit der 2016 in der EU zugelassenen Prä-Expositionsprophylaxe, kurz PrEP. Denn in anderen Ländern wie Großbritannien wurde in dem Zusammenhang bereits ein Rückgang beobachtet. In Deutschland hingegen stagniert die Zahl der Neuinfektionen seit Jahren. Im Vorjahr steckten sich nach Berechnungen, die das Robert Koch-Institut (RKI) im Vorfeld des Welt-Aids-Tags am 1. Dezember veröffentlichte, 2500 Männer und 570 Frauen mit dem Immunschwäche-Virus an. Stark betroffen ist Berlin, wo Streeck nun auch viele PrEP-Verschreibungen zählt.

Die Vorbeugung mit Tabletten ist für Menschen mit besonders hohem Infektionsrisiko gedacht. Die Form der Anwendung ist recht neu, das Medikament an sich jedoch schon seit Jahren für die Therapie HIV-Infizierter zugelassen. Die antiviralen Wirkstoffe bieten bei regelmäßiger Einnahme einen hohen, aber keinen 100-prozentigen Schutz vor HIV.

Bei Menschen, die das PrEP-Medikament nehmen wollen, muss zudem sicher sein, dass sie HIV-negativ sind. Nehmen sie die Tabletten trotz bereits erfolgter Ansteckung, drohen Resistenzen. Darüber hinaus schützen sie nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis. Darauf müssen Mediziner bei den Nutzern ebenso ein Auge haben wie auf mögliche Nebenwirkungen, etwa für die Niere.

Projekt mit Ärzten und 60 Apotheken

Der Weg zur PrEP führt bis jetzt nur über eigens geschulte Ärzte und 20- bis 30-minütige Beratungen in einer der Apotheken, die sich an einem Pilotprojekt beteiligen – bislang rund 60 an der Zahl, wie der Initiator Erik Tenberken, ein Apotheker aus Köln, sagt. Beim Kauf bekommen Kunden neben Info-Material und Antworten auf Fragen rund um die korrekte Einnahme auch den Hinweis zur Studie von Hendrik Streek von der Universität Duisburg-Essen.

Was weiß er dank Online-Fragebogen bisher über die Nutzer?

Bislang seien es eher Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen, die sich die PrEP leisteten, sagt Streeck. Sie hätten sie teils schon aus dem Ausland bezogen, teils aber auch noch keine Erfahrung damit. Befragte hätten oft angegeben, schon vorher keine Kondome benutzt und bereits andere sexuell übertragbare Erkrankungen gehabt zu haben, sagt Streeck. Als Grund für den Kondom-Verzicht würden Erektionsstörungen genannt, aber auch der Wunsch des Partners. Die Motive für das Interesse an der PrEP seien gemischt. "Viele wollen zusätzlichen Schutz", sagt der Forscher. Spätestens in einem Jahr will er Bilanz ziehen.

PrEP-Nutzer sind sehr an HIV-Schutz interessiert

Ein in Teilen anderes Bild zeichnet die Berliner Apothekerin Claudia Neuhaus. "Das sind sehr gewissenhafte Menschen", sagt sie über die PrEP-Nutzer. Sie gäben an, trotz der Medikamente Kondome zu benutzen. Gerade in Beziehungen, in denen ein Partner HIV-positiv ist, gehe es um zusätzliche Absicherung, falls zum Beispiel das Kondom reißt. Am Medikament verdienten Apotheken rund zehn Euro, sagt Neuhaus. Wegen der aufwendigen Beratung bleibe unter dem Strich aber nichts liegen. "Das ist Pionierarbeit. Wir möchten die Verbreitung von HIV minimieren."

Die Infektionszahlen müssten runter, gibt auch Erik Tenberken als Ziel an – es gelte jetzt, die Versorgung mit der PrEP zu stabilisieren. Der Kölner Apotheker hat eine Firma, in der Medikamente individuell für Patienten in kleine Beutelchen verpackt werden, vor allem um etwa in Altenheimen die Einnahme zu erleichtern. Einem solchen Blisterzentrum können Hersteller Rabatte gewähren, nicht aber Apotheken. Tenberken nutzte diesen Umweg und holte mehr Apotheken mit HIV-Expertise ins Boot, was Fachkreise begrüßten. Weitere Initiativen zögen womöglich nach, so Tenberken. Im Ruhrgebiet etwa gibt es einen weiteren Ansatz zur PrEP-Abgabe, allerdings mit noch überschaubaren Nutzerzahlen.

Das RKI schreibt in einem aktuellen Bericht: "Es wird interessant sein zu verfolgen, wie viele Menschen von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch machen werden und ob die Zahl der PrEP-Nutzer so groß wird, dass sich dies auf die HIV-Neuinfektionszahlen auswirkt."

Knackpunkt Kostenübernahme

Ein Blick nach Frankreich legt nahe, dass es wohl auch in Deutschland noch mehr Bedarf gäbe: Dort beugen Hendrik Streeck zufolge etwa 4500 Menschen mit der PrEP vor, die Kosten können allerdings dort auch von den Kassen übernommen werden. Eine Übernahme der Kosten auch hierzulande fordert die Deutsche Aids-Hilfe schon länger. Und die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (Dagnä) rechnete vor, dass die Prophylaxe günstiger sei als die langfristige Behandlung HIV-Infizierter. (dpa/run)

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