DGP-Kongress

„Kein falscher Alarm bei Luftschadstoffen!“

Das Thema Luftschadstoffe polarisiert: In einer Sitzung beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie zu diesem Thema blieb kein Sitzplatz frei.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Die Verbrennung fossiler Stoffe zum Antrieb von Fahrzeugen trägt nach Expertenmeinung über 80 Prozent zum Stickoxid-Ausstoß bei.

Die Verbrennung fossiler Stoffe zum Antrieb von Fahrzeugen trägt nach Expertenmeinung über 80 Prozent zum Stickoxid-Ausstoß bei.

© ssuaphoto / Getty Images / iStock

MÜNCHEN. Der geräumige Saal 14b des Internationalen Congress Centrums München ist bis auf den letzten Platz besetzt, viele Besucher müssen stehen. Die Sitzung „Feinstaub, Stickoxide & Co: Alles nur falscher Alarm?“ beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) wird sogar nach draußen übertragen, wo weitere Kongressbesucher die Vorträge und Diskussionen verfolgen.

Komplexe Wirkung

„Sie haben vermutlich selten so viel über Luftschadstoffe gehört, mit Freunden und Kollegen diskutiert wie in den letzten vier Monaten“, begann Professor Joachim Heinrich vom Klinikum der Universität München seinen Vortrag.

Die öffentlichen Diskussionen um den Dieselabgas-Skandal und drohende Fahrverbote „unter maßgeblicher Beteiligung von Lungenärzten“ hätten zu einer „Verwirrung der Öffentlichkeit“, auch ärztlicher Kollegen, geführt, konstatierte Heinrich. Klarheit könne nur Wissen über die methodischen Hintergründe diesbezüglicher Forschungen schaffen, meinte der Mathematiker und Epidemiologe, der selbst maßgeblich in die Luftschadstoffforschung involviert ist.

Die Fokussierung auf Stickoxide werde dem Komplex der Luftschadstoffwirkungen nicht gerecht, so Heinrich. Wenn man aber schon den Blick darauf richte, sei festzustellen, dass die Verbrennung fossiler Stoffe zur Energiegewinnung und zum Antrieb von Kraftfahrzeugen mit einem Anteil von über 80 Prozent ganz wesentlich zum Stickoxid-Ausstoß beitrage.

Laut WHO sind allerdings Feinstäube die mit Abstand wichtigsten Luftschadstoffe, gefolgt von Ozon. Eine ganze Reihe weiterer Stoffe kommen hinzu, von Kohlenmonoxid über Ammoniak, von Schwefeldioxid bis hin zu flüchtigen und persistenten organischen Verbindungen.

In epidemiologischen Untersuchungen geht es daher zwangsläufig stets um Schadstoffgemische. „Es ist nicht einfach, etwas über die Wirkung einzelner Komponenten zu sagen.“ Außer den diversen Schadstoffen spielen Witterung, Lebensstil, Sozialstatus und andere Faktoren eine Rolle.

„Es gibt Luftschadstoff-Epidemiologie seit etwa 50 Jahren, in qualitativ belastbarer Weise seit gut 25 Jahren.“ Da könne man sicher sein, dass – entgegen manch öffentlicher Behauptung – solche Störgrößen berücksichtigt und entsprechende Adjustierungen vorgenommen würden, egal ob es um das Leben in Stadt und Land, den Sozialstatus und ganz besonders, wenn es ums Zigarettenrauchen gehe.

Belastbare Ergebnisse

Dem Eindruck, dass sich Wissenschaftler uneins über die gesundheitlichen Auswirkungen von Luftschadstoffen seien, widerspricht Heinrich anhand eines Schnelldurchlaufs wissenschaftlicher Daten. Diese kommen längst nicht mehr nur aus den USA, sondern inzwischen aus europäischen Erhebungen wie ESCAPE (European Study of Cohorts for Air Pollution Effects) sowie aus China.

Nationale wie internationale Fachgesellschaften unterstützten das von der DGP veröffentlichte Positionspapier zu Luftschadstoffen, so Heinrich. Die Ergebnisse seien „ausgesprochen belastbar“, etwa wenn es um negative Einflüsse auf die Lungenfunktion oder um ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko durch Feinstaub gehe.

Weniger klar sind die Wirkungen auf die Asthma-Inzidenz. Der Kliniker lebe von Ja/Nein-Feststellungen: Eine Diagnose liegt vor oder liegt nicht vor. Der Epidemiologe könne häufig nicht so klare Ergebnisse vorweisen, eben wegen der großen Zahl von Störgrößen.

Warum ist dennoch von Kausalbeziehungen auszugehen? Heinrich: „Das hat etwas mit der Konsistenz der Studien zu tun.“ Es gebe tausende Studien mit Analysen von Luftschadstoffwirkungen auf die Gesundheit in verschiedenen Populationen und Regionen sowie mit verschiedenen Biomarkern.

Es gebe Quer- und Längsschnittuntersuchungen, Analysen von Kurz- und Langzeiteffekten sowie verschiedene Expositionsabschätzungen, Studien bei Trägern von Risikogen-Varianten für oxidativen Stress, das Ganze unterfüttert mit experimentellen Befunden aus Zellkulturen, Tierversuchen und beim Menschen. „Das gibt uns Zutrauen zu sagen: Es handelt sich wahrscheinlich um kausale Wirkungen.“

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