Hintergrund

Krebs: Überlebende quält Fatigue

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Frühere Diagnostik und effizientere Therapien haben es möglich gemacht: Die Onkologie muss sich immer stärker um Langzeitüberlebende nach Krebserkrankungen kümmern. Denn Lebensqualität ist auch viele Jahre nach der Erkrankung noch eingeschränkt.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Fatigue macht ehemaligen Krebskranken lange zu schaffen.

Fatigue macht ehemaligen Krebskranken lange zu schaffen.

© panthermeda.net

Über drei Millionen Menschen leben mittlerweile in Deutschland, die eine Krebserkrankung hinter sich haben. Diese Zahl wird weiter steigen. Damit kommt Themen wie der beruflichen Reintegration, aber auch der Lebensqualität und den medizinischen Spätfolgen immer stärkere Bedeutung zu.

Da der Anteil der Patienten, die die ersten fünf Jahre nach einer Krebsdiagnose überleben, immer weiter steige, werde es wichtiger, genauere Daten zum Langzeitüberleben zu generieren, betonte Dr. Benjamin Barnes vom Zentrum für Krebsregisterdaten am Berliner Robert Koch-Institut beim Krebskongress in Berlin.

Klinische Studien helfen hier nur bedingt weiter. Denn Zeiträume von 15 und mehr Jahren lassen sich damit nur bei extrem großen Budgets überblicken.

Helfen kann hier die Ermittlung der so genannten relativen Mortalität, die mit Hilfe von Daten aus Krebs registern gelingt.

Sie sagt etwas darüber aus, wie lange nach der Erstdiagnose die Sterberate der Langzeitüberlebenden nach Tumorerkrankungen noch größer ist als die in sonst vergleichbaren Normalpopulationen. Die Differenz, so es eine gibt, wäre dann den Spätfolgen der Tumorerkrankung und/oder der Tumortherapie zuzuschreiben.

Analyse mit neuer Methodik

Barnes und seine Kollegen haben mit dieser Methodik einige interessante Analysen anhand von Krebsregisterdaten aus Hamburg, Münster und dem Saarland gemacht.

So gibt es hinsichtlich des Langzeitüberlebens beispielsweise markante Unterschiede zwischen Patienten mit kolorektalem Karzinom (CRC) und Patientinnen mit Brustkrebs.

CRC-Patienten haben nach etwa acht bis zehn Jahren im Vergleich zu Kontrollpopulationen keine erhöhte Sterberate mehr.

Bei Brustkrebspatientinnen dagegen ist die Sterberate auch nach zehn bis 15 Jahren immer noch höher als in Vergleichsgruppen. Vor allem Frauen, die ursprünglich T3/T4-Tumoren hatten, tragen dazu bei.

Interessant sind auch die Daten zu chronischen lymphatischen und myeloischen Leukämien: "Wenn wir uns hier nur das 5-Jahres-Überleben ansehen, scheinen CLL-Patienten besser abzuschneiden als CML-Patienten", so Barnes.

Dies sei aber nur eine Momentaufnahme. Denn während bei der CML die Übersterblichkeit im Vergleich zur Normalbevölkerung nach einigen Jahren zurückgeht, sterben CLL-Patienten auch viele Jahre nach der Erstdiagnose noch an ihrer Erkrankung.

Nach 15 Jahren liegen beide Erkrankungen hinsichtlich der Sterberate in den Registern gleich auf.

Schwierigkeiten, in den Beruf zurückzukehren

Die Sterberate ist natürlich nur ein Aspekt, wenn es um die Langzeitfolgen von Krebserkrankungen geht. Genauso wichtig ist es, zu analysieren, wie es den Überlebenden langfristig geht.

"Derzeit gibt es in Deutschland 3,2 Millionen Krebsüberlebende", betonte Privatdozent Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Diese Zahl werde in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf über vier Millionen steigen.

Mittlerweile gibt es mehrere Studien, die sich psychosozialen Problemen von Langzeitüberlebenden nach Krebserkrankung gewidmet haben oder widmen.

So lasse sich beispielsweise zeigen, dass junge Krebspatienten deutlich größere Schwierigkeiten haben, wieder mit dem Arbeiten anzufangen als andere Patienten mit vergleichbar langen Krankenhausaufenthalten.

Insgesamt sind nach einem Jahr nur etwa 50 Prozent der Krebspatienten, die vorher gearbeitet haben, wieder im Beruf. Jenseits des 50. Lebensjahrs liegt die "Rückkehrerquote" Daten aus dem Saarland zufolge bei 30 Prozent, ab 55 Jahren sogar nur bei 22 Prozent.

Neue Versorgungskonzepte gefragt

Nach bisherigen Untersuchungen unterscheide sich die globale Lebensqualität ehemaliger Krebspatienten nicht von der in den jeweiligen Kontrollpopulationen.

Deutliche Defizite gebe es aber bei einzelnen Dimensionen der Lebensqualität, darunter Rollenfunktion, emotionale Funktion, kognitive Funktion und soziale Funktion. "Das ändert sich über die Jahre auch nicht", so Arndt.

Werden einzelne Symptome abgefragt und zur Lebensqualität in Beziehung gesetzt, so ist es vor allem die Fatigue, unter der Krebspatienten auch viele Jahre nach der Erkrankung noch leiden. Sie alleine mache etwa 40 Prozent des Unterschieds bei der Lebensqualität im Vergleich zur Normalbevölkerung aus.

Insgesamt müsse konstatiert werden, dass viele Langzeitüberlebende auch viele Jahre nach der Krebsdiagnose und einer erfolgreichen Therapie noch mit negativen Folgen der Krebserkrankung auf ihren täglichen Alltag zu kämpfen hätten.

Arndt plädierte deswegen dafür, Versorgungskonzepte aufzubauen, um den Bedürfnissen dieser Patientengruppe Rechnung zu tragen.

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